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Materas beeindruckende Wandlung

19. Januar 2019

Bettelarm und von der Politik vergessen, das war die süditalienische Stadt Matera. Doch nun ist Matera neben dem bulgarischen Plovdiv Kulturhauptstadt 2019.

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Italien Höhlenwohnungen von Sasso Caveoso in der Abenddämmerung
Bild: picture-alliance/imageBroker/P. Svarc

Matera: Europäische Kulturhauptstadt 2019

"Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt", schrieb der Autor, Maler und Arzt Carlo Levi über Matera und verhalf der Stadt damit zu ihrem unliebsamen Ruhm. In seinem Roman "Christus kam nur bis Eboli" (1945) berichtet Levi von seiner Zeit in Süditalien. Und Matera liegt hinter Eboli. 

Als Oppositioneller wurde Levi von dem faschistischen Regime Mussolinis festgenommen und als politischer Gefangener in die Region Basilikata verbannt, jene Gegend, zu der auch Matera gehört. In seinem berühmten Buch beschreibt er die raue und karge Landschaft, in der Schafhirten mit ihren Familien samt Tieren in Höhlen leben - ohne fließend Wasser und Strom, mit mangelnder medizinischer Versorgung, abgeschieden vom Rest der Welt.

Sein Roman wird zur Schullektüre, Matera für viele zur "Schande Italiens". Dieses Image wollte die Stadt ablegen - und das ist ihr auch gelungen: 1993 wird sie zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt, 2019 ist sie neben Plovdiv Europäische Kulturhauptstadt. 

Das neue Image der Stadt

Matera ist eine der ältesten Städte Europas; sie blickt auf eine 8000-jährige Geschichte zurück. Die Einwohner - Bauern und Hirten - lebten in Höhlensiedlungen, bekannt als Sassi ("Steine"). Ein Komplex aus Häusern, Kirchen und Klöstern, gebaut in die Felsen. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden neue Stadtviertel geplant - und die Menschen dorthin umgesiedelt.

Blick auf Matera in Italien am Tag.
Die Höhlensiedlungen sind Weltkulturerbe - und beliebtes ReisezielBild: picture-alliance/imageBROKER/G. Guarino

Die Höhlensiedlungen verkommen - bis die Tourismusbranche sie für sich entdeckt. Inzwischen sind sie zu Luxushotels umgebaut worden und locken jährlich Reisende aus aller Welt an. Von 2011 bis heute hat sich laut Paolo Verri, der als Leiter der Stiftung "Matera 2019" für das Programm der Kulturhauptstadt zuständig ist, die Zahl der Touristen vervierfacht.

Doch Massentourismus wolle die kleine Stadt um jeden Preis verhindern: "Dieser Anstieg hat uns überrascht und beängstigt. Also haben wir eine Strategie entwickelt, die auch bei anderen Städten, die unter Massentourismus leiden, hilfreich sein könnte. Wir sehen die Menschen, die zu uns kommen, nicht als Touristen, sondern als 'vorübergehende Mitbürger'. Während ihres Aufenthalts in Matera bekommen alle einen 'Pass'. Die Besucher sind dadurch ein Teil der Stadt. Wir wollen einen Dialog zwischen den Menschen, die hier leben und denen, die die Stadt besuchen, anregen. Wir können die Stadt nicht nur den Menschen überlassen, die Airbnb anbieten, weil sie so ihre Identität verlieren könnte." 

Kein Disneyland

Statt aber die Unterkunftsplattform und ihre Kunden auszuschließen, entschieden sich Paolo Verri und sein Team für eine andere Variante: "Die rund 500 Airbnb-Anbieter arbeiten mit uns gemeinsam an dem Projekt 'vorläufige Mitbürgerschaft'. Wir laden die Touristen ein, nicht nur in der Höhlenstadt zu bleiben, sondern auch die anderen Teile der Stadt zu erkunden. Dafür wurden fünf Touristenwege entwickelt, zum Beispiel haben sie die Möglichkeit, Matera in den 1930ern oder in anderen Epochen zu erleben. Wir wollen die Stadt erweitern und neue Möglichkeiten schaffen."

Paolo Verri
Paolo Verri, Leiter der Stiftung "Matera 2019"Bild: picture-alliance/dpa/L. Klimkeit

Es wurde auch lange darüber diskutiert, ob ein Eintrittsgeld für Tagestouristen ein adäquates Mittel gegen den Massentourismus sei. Anlass war die Entscheidung Venedigs, diese Maßnahme zu ergreifen. Aber Paolo Verri ist skeptisch: "Ich will nicht, dass Städte nur für reiche Menschen zugänglich sind. Und auf der anderen Seite will ich nicht, dass Matera Disneyland wird." Deswegen setzen sie auf ihr neues Konzept der "vorläufigen Mitbürgerschaft".

Materas "Open Future"

Das Motto der Kulturhauptstadt Matera lautet "Open Future". Gesucht werden Antworten auf die Frage, wie Kultur helfen kann, Europa in eine bessere Zukunft zu führen. "Matera kann ein Vorbild für kleine Städte im Süden Europas werden. Wir haben die Open Design School eröffnet und haben dort viele neue Ideen für die Gestaltung der Stadt erhalten. Wir haben angefangen, neue Orte für Besucher zu erschaffen", erklärt Paolo Verri. 

Blick auf Matera am Abend.
Materas Lichter - ein malerischer Blick auf die Kirchen Santa Maria de Idris und San Giovanni in Monterrone, MateraBild: picture-alliance/imageBROKER/J. Woodhouse

Die Vorbereitungen auf die großen Feierlichkeiten laufen auf Hochtouren: Am Abend des 18. Januar werden die Bewohner Materas ihre traditionellen Laternen anzünden. Es folgen acht Ausstellungen von acht Künstlern. Am nächsten Tag werden exakt 2019 Musikerinnen und Musiker aus der ganzen Welt zusammenkommen und durch die Straßen Materas ziehen.

"2019 ist ein wichtiges Jahr für die Europäische Union. Wir haben den Brexit im März, dann die Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai. Wir wollen einen Beitrag zur Zukunft Europas leisten - und zwar durch Kultur", sagt Paolo Verri. Nach Florenz (1986), Bologna (2000) und Genua (2004) ist Matera bereits die vierte italienische Kulturhauptstadt Europas.

DW Mitarbeiterportrait | Rayna Breuer
Rayna Breuer Multimediajournalistin und Redakteurin