Volksbühnen-Chef Chris Dercon wirft das Handtuch | Kultur | DW | 13.04.2018
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Kultur

Volksbühnen-Chef Chris Dercon wirft das Handtuch

Er galt als Tausendsassa der Kunst- und Theaterwelt. Dann übernahm Chris Dercon im vergangenen Jahr die Intendanz der Berliner Volksbühne - trotz heftigsten Gegenwinds. Jetzt ist der Belgier zurückgetreten.

Monatelang war er aufs Heftigste angefeindet worden, vor allem wegen seiner Umbaupläne an der von Vorgänger Frank Castorf geprägten Berliner Volksbühne. Er breche nicht nur mit Traditionen, er setze mit seinem Programm auf eventorientierte Beliebigkeit, kritisierten Dercons Gegner, zum Schaden Berlins. Offenbar reagierte der Kulturmanager entnervt, als er sich mit Berlins Kultursenator Klaus Lederer jetzt "einvernehmlich" auf die sofortige Beendigung seiner Intendanz "einigte". Beide Parteien seien "übereingekommen, dass das Konzept von Chris Dercon  nicht wie erhofft aufgegangen ist, und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht. Mit der einvernehmlichen Einigung zwischen Kultursenator Lederer und Intendant Dercon ist nun die Chance gegeben, diesen notwendigen Neustart einzuleiten", heißt es in einer Mitteilung des Berliner Senats.

Theater Volksbühne in Berlin (AFP/Getty Images/T. Schwarz)

Traditionsreiches Theater: Die Volksbühne in Berlin

Lederer ließ außerdem wissen, dass er den designierten Geschäftsführer der Volksbühne, Klaus Dörr, gebeten habe, kommissarisch die Geschäfte des Intendanten zu übernehmen. Es sei ihm "wichtig zu betonen, dass die persönlichen Angriffe und Schmähungen aus Teilen der Stadt gegen Chris Dercon in der Vergangenheit inakzeptabel waren", formulierte Lederer und: "Solche Formen der Auseinandersetzung sind unwürdig und entbehren jeder Kultur."

Dercon: "Noch nie so unfrei wie in Berlin!"

Schon bei Dercons Antritt im September war es zum Eklat gekommen: Aktivisten hatten die Volksbühne besetzt und die Proben behindert. Das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz musste nach Tagen von der Polizei geräumt werden. Programmacher und Publikum rebellierten gegen Castorfs Nachfolger. Manche fürchteten ihn als Zerstörer des politischen Ensembletheaters an der Volksbühne. Andere warnten vor einer "dem globalen Kultur-Jetset verpflichteten Eventbude". Um die Zukunft der Volksbühne tobte ein Kulturkampf, dem Dercon mit seinem Rücktritt jetzt ein Ende setzt, noch vor Ende der ersten Spielzeit.

Chris Dercon (picture alliance/dpa/J. Carstensen)

Da war er noch hoffnungsvoll: Chris Dercon bei der Vorstellung der ersten Spielzeit unter seiner Leitung

Berlin war nicht die erste deutsche Station des gebürtigen Belgiers. Der studierte Theaterwissenschaftler und Kunsthistoriker Dercon, Jahrgang 1958, leitete von 2003 bis März 2011 das Haus der Kunst in München. Als Chef der Tate Gallery of Modern Art in London machte er mit spektakulären Ausstellungen von sich reden. Erst kürzlich bekannte er in einem Interview der Wochenzeitung "Die Zeit": "Ich habe mich noch nie so unfrei gefühlt wie in Berlin!" 

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