Virtuelles Wunder: Der Bitcoin-Boom in den USA | Welt | DW | 17.12.2013
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Welt

Virtuelles Wunder: Der Bitcoin-Boom in den USA

Diese Währung entgleitet Zentralbanken und Regulatoren: Die Bitcoin beflügelt dafür Internetnutzer. Die virtuelle Münze erfährt auch in den USA einen Boom. Sie beschäftigt sogar die Fed und den Kongress.

Richard Weston stellt erst einmal die entscheidende Frage: "Hast du ein Portemonnaie?", will er wissen, wenn er neue Käufer in einem Washingtoner Café trifft. Weston meint damit eine virtuelle Geldbörse, denn er ist "Bitcoiner" - ein Mitglied der wachsenden Weltgemeinde von Fans der goldenen Internet-Münze. Auch in den USA ist die Bitcoin auf dem Vormarsch. Wer sie von ihm kaufen wolle, brauche die passende ungreifbare Geldschatulle, erklärt Weston. Er empfehle da jedem die Website Blockchain.info .

Der Mittfünfziger leitet die Gruppe der Bitcoin-Nutzer in der amerikanischen Hauptstadt. Rund 40 Mitglieder huldigen der mathematischen Kniffelei, die Entwickler in Japan unter dem Pseudonym "Satoshi Nakamoto" im Jahr 2009 auf den Netz-Markt brachten. Eine virtuelle Währung, basierend auf einem ausgetüftelten System, mit der zwei Parteien auf Knopfdruck unkompliziert Geld zueinander bewegen können - ohne Gebühr, Regulierung oder Kontrolle durch Dritte. "Es funktioniert mit einer digitalen Unterschrift, einem kryptografischen Schlüssel", erklärt Weston. "Die Idee ist, dass zwei Leute direkt miteinander über das Netzwerk verbunden sind. Es gibt keine zentrale Kontrolle des Bitcoin-Protokolls."

Nur soviel steht fest: Bei 21 Millionen Bitcoins ist in der virtuellen Münzenwelt Schluss. Mehr lässt der Algorithmus des Netzwerks nicht zu. Der Wunsch, ein "Bitcoiner" zu werden, kann viele Motive haben, sagt Weston. "Wenn der Preis steigt, gibt es viele Spekulanten. Leute, die einen schnellen Dollar machen wollen." Andere sehen in den virtuellen Goldtalern mit dem großen B eine Geldanlage wie Sammler von echten Münzen oder Briefmarken.

Der Markt boomt

Der Wert der Netz-Mäuse hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Wer zur rechten Zeit eingestiegen sei, habe sich mit Bitcoins eine goldene Nase oder einen schnellen Schlitten verdient, so Weston. Doch der Großteil kursiere in der Geschäftswelt. Die Zahl der Händler, die Bitcoins akzeptieren, steige stetig.

Handy und Kaffeetasse

Coffee to go - und per Bit

Virgin Galactic beispielsweise befördert in Kalifornien Erdlinge ins echte All, für virtuelles Geld. Viele Studenten in Utah zahlen ihre Wohnheimmiete in bit statt bar. Angestellte der Stadt Vicco im Bundesstaat Kentucky dürfen sich sogar ihr ganzes Gehalt in der Internet-Währung auszahlen lassen - der Polizeichef hat es ihnen vorgemacht. Und in der ersten New Yorker Bar kann jetzt auch das Bier in Bitcoins bezahlt werden.

"Es funktioniert ganz einfach", erklärt Barbesitzer Alex Likhtenstein. Auf seinem iPad klickt er den Bitcoin-Checkout an und rechnet den Durst seiner Kunden geld- und kartenfrei ab. Auf der virtuellen Rechnung wird der Dollarbetrag dann gleich in Bitcoins verwandelt. Die Summe landet dann wieder in Dollarform auf dem Konto des Barbesitzers. "Ich drücke auf Absenden - und schon sind wir fertig."

Berg- und Talfahrt

Doch ganz so spielerisch wie es klingt, ist das Bitcoin-Business nicht, meinen andere, wie der Direktor des Wirtschaftsprogramms am "American Institute for Contemporary German Studies" der Johns Hopkins Universität in Washington, Alexander Privitera. “Das Problem ist, dass durch das zunehmende Interesse an den Bitcoins auch ihr Preis in den vergangenen Monaten drastisch gestiegen ist. Eben, weil nur eine bestimmte Anzahl im Umlauf ist."

Tatsächlich hat sich die Internetwährung nicht als so stabil erwiesen, wie ihre Fans es beschworen. Die Bit-Münze machte eine regelrechte Berg- und Talfahrt durch. Die erste Blase platzte 2011. Da fiel die Bitcoin - noch vergleichsweise harmlos - von gut 30 auf zwei Dollar. Anfang dieses Monats lag ihr Preis bei 1200 Dollar. Als die Blase ein paar Tage später platzte, war das virtuelle Geld nur noch halb soviel wert. "Wir haben es mit einem anonymen Zahlungsverkehr zu tun", sagt Privitera. "Er wird über eine Internetplattform abgewickelt, die keine Spuren hinterlässt. Kein Ben Bernanke könnte etwa die Geldmenge vergrößern oder eindämmen. Es gibt niemanden, der im Ernstfall um Hilfe angerufen werden kann."

Alexander Privitera American Institute for Contemporary German Studies

Privitera sieht auch Gefahren

Angriff auf den Dollar?

US-Notenbankchef Bernanke gab dem Internetgeld kürzlich seinen zurückhaltenden Segen. Die Fed habe nicht die Autorität, sich einzumischen, sagte er. Allein die Wahrnehmung durch den Notenbankchef habe das Bitcoin-Geschäft aber beflügelt, meinen Insider. Andere, wie der Ex-Abgeordnete Ron Paul warnen: "Wenn der Dollar in Not gerät, werden Bitcoins eine Alternative sein. Und je mehr Bitcoins genutzt werden, um so schlechter für den Dollar", so Paul.

Ähnliche Sorgen äußerten Politiker während einer Anhörung im US-Kongress. Die Veranstaltung galt eigens der goldenen Münze aus dem Netz. Zwar rief niemand nach Verbot oder Regulierung, doch der demokratische Senator Tom Carper sprach weitere Ängste vor dem Geldverkehr auf der Datenautobahn an. "Virtuelle Währungen können ein gutes Werkzeug sein, um Geld zu waschen, mit Drogen zu handeln, oder Kinder auf der ganzen Welt auszubeuten - und die Liste ist noch länger", erklärte er. Und gab gleichzeitig zu: Die Bitcoin wecke die Fantasie der einen, die Ängste der anderen und verwirre den Rest - auch ihn selber.

Doch Bitcoin-Fan Weston relativiert diese Sorgen. Solche Ängste hätten bislang fast jede neue Technologie auf dem Weg zum etablierten Markt begleitet. "Unter den ersten Autofahrern waren auch Bankräuber. Sie kamen der Polizei davon, denn die ritt noch auf Pferden", erklärt er und fragt: "Sollte man deshalb Autos verbieten?"

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