Villa Emma: Flucht-Bibliothek jüdischer Kinder restauriert | Kultur | DW | 07.01.2021
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Jüdische Kulturgeschichte

Villa Emma: Flucht-Bibliothek jüdischer Kinder restauriert

96 restaurierte Bücher aus der italienischen "Villa Emma" geben Aufschluss über ein Stück verborgener jüdischer Kulturgeschichte während der NS-Diktatur.

Gruppenfoto geflohener Jugendlicher in Palästina

1945: Jüdische Jugendliche, auch aus der Villa Emma, die nach Palästina entkommen konnten

Wie Geschenke liegen die Bücherpakete fein säuberlich eingeschnürt in grauen Schutzumschlägen auf dem Tisch: Es sind die restaurierten Bücher der Kinder der "Villa Emma di Nonantola"in Italien. Der einstige Sommersitz eines Kommandanten von 1890 diente jüdischen Kindern aus Deutschland und Österreich in den Jahren 1942 und 1943 als Zufluchtsort vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Gefunden wurden die 96 Bücher 2002 in zwei Holzkisten in einem Keller. Sie stammten aus einem Nachlass im nahe gelegenen Ort Modena.

Die Bücher sind überwiegend in deutscher Sprache. Darunter Schulliteratur sowie Gesellschafts- und Unterhaltungsromane, auch Werke von Autoren wie Heinrich Heine, Stefan Zweig oder Thomas Mann, deren Bücher von den Nationalsozialsten als "undeutsch" verboten und im Frühjahr 1933 öffentlich verbannt wurden. 102 Bücherverbrennungen in über 90 deutschen Städten wurden damals registriert.

Zufluchtsort für jüdische Kinder

Die alten Ausgaben aus der Villa Emma trugen die sogenannte "Delasem-Marke", das Signet der "Delegation zur Unterstützung jüdischer Auswanderer", einer italienisch-jüdischen Hilfsorganisation. So konnten die Bücher aus dem Nachlass der Villa Emma zugeordnet werden.

Im Juli 1942 wurde die leerstehende Villa von der Hilfsorganisation Delasem angemietet. Eine Gruppe von 41 jüdischen Kindern und Jugendlichen aus Deutschland und Österreich sollte hier unterkommen. Die Berliner Jüdin Recha Freier hatte die meist elternlosen Kinder zunächst nach Zagreb gebracht. Von dort flohen sie über Slowenien ins italienische Nonantola. 1943 kamen weitere Waisenkinder in die Villa.

Enger Kontakt zur italienischen Bevölkerung

Trotzt der Rassengesetze der Nationalsozialisten wurden die Flüchtlinge herzlich von der Bevölkerung aufgenommen. "Als sie uns sahen, sagten sie zu uns: 'Was für hübsche Kinder ihr seid'. Sie haben uns frisch gepflückte Äpfel und anderes Obst gegeben", berichtet eine Zeitzeugin im ARD-Dokumentarfilm "Die Kinder der Villa Emma". Die Kinder erhielten Schulunterricht und wurden landwirtschaftlich ausgebildet. Der Kontakt zu den Bewohnern von Nonantola war eng. Als die deutschen Truppen im September 1943 in Italien einmarschierten, versteckte das Dorf alle 73 Kinder und ihre 13 Betreuer.

Die Villa Emma in einer Aufnahme von 1945

Anfang der 1940er Jahre bot die Villa Emma vielen jüdischen Kindern und Jugendlichen Unterschlupf.

Es gelang ihnen später, über die Schweiz nach Palästina zu flüchten. Einige gingen in die USA oder später zurück nach Jugoslawien. Alle Kinder, bis auf einen Jungen, der an Tuberkulose erkrankt war und später nach Auschwitz deportiert wurde, überlebten den Holocaust. Einige der Betreuer wurden bei der Organisation anderer Flüchtlingstransporte verhaftet und wahrscheinlich in Auschwitz ermordet.

Immerhin verhalf die von Recha Freier 1933 gegründete Organisation "Jugend-Alijah" insgesamt über 7600 jüdischen Kindern und Jugendlichen aus Deutschland und Österreich zur Flucht nach Palästina.

Die Geschichte der geflüchteten Kinder wirkt nach

Gerade für den Schulunterricht wurde die Geschichte der Kinder der Villa Emma vielfach aufgearbeitet, etwa in dem Dokumentarfilm "Die Kinder der Villa Emma - Eine wunderbare Rettung im Krieg" von Bernhard Pfletschinger und Aldo Zappala, in dem auch Zeitzeugen aus dem italienischen Nonantola sowie einige der damals Geflüchteten zu Wort kommen.

Dreharbeiten zu österreichischen Film Wir sind am Leben (We are alive)

Eine Szene aus den Dreharbeiten zum Film "Wir sind am Leben".

Der Berliner Historiker Klaus Voigt schrieb 2016 das Buch "Villa Emma: Jüdische Kinder auf der Flucht 1940 bis 1945", für das er die Hilfsaktion detailliert recherchiert hat. Im gleichen Jahr verfilmte der österreichische Regisseur und Drehbuchautor Nikolaus Leytner das Schicksal der Kinder in seinem historischen Drama "Wir sind am Leben" nach wahren Begebenheiten.

Die Bücher der Villa Emma als Zeugnis einer Ära

Durch die Lektüre der restaurierten Bücher aus der ehemaligen Bibliothek der Villa Emma kann man weitere Erkenntnisse aus jener Zeit sammeln. Das Restauratorenteam der Firma "Fromula Servizi" hat sich jahrelang damit beschäftigt, die Essays und Romane wiederherzustellen. "Ihre Titel enthüllen ein Bild der mitteleuropäischen Kultur zwischen den 1930er und den frühen 1940er Jahren", heißt es auf der Homepage.

Die Werke seien Zeugnisse einer Zeit sozialer, politischer und kultureller Debatten, in denen es um Bildungsprobleme und Theorien des Feminismus genauso geht wie um Heimat und Nation, um den jüdischen Sehnsuchtsort Palästina. "Es ist ein Schatz unserer Geschichte, der ein bedeutendes Stück Erinnerung an eine Gemeinschaft und ihre Solidarität sein wird."

Die Villa Emma heute

Die Villa Emma ist heute ein Ort für Konferenzen und Kulturveranstaltungen. Die Rettungsgeschichte geriet lange Zeit in Vergessenheit. 2004 wurde die "Stiftung Villa Emma für gerettete jüdische Kinder" gegründet, die von staatlichen und religiösen Stellen vor Ort getragen wird. Sie will "neue Formen von Zusammenleben und Konfrontation" entwickeln und richtet sich gegen Rassismus und Verstöße gegen die Menschenwürde.

Bild Gebäude Villa Emma

Die Villa Emma in Nonantola, heute ein Veranstaltungsort

Im Mittelpunkt der Arbeit stehen Kinder, die unter Krieg, Verfolgung und Flucht leiden. Das Schicksal der geflüchteten Kinder aus der "Villa Emma" ist in einer Dauerausstellung dokumentiert. Die Stiftung organisiert auch Fortbildungen sowie interkulturelle Begegnungen und Gespräche mit Zeitzeugen.

Bis heute bestehen freundschaftliche Beziehungen zwischen den damaligen Kindern und den Bewohnern von Nonantola.

Dieser Text wurde am 8. Januar 2020 korrigiert: Die Bücherverbrennungen in Deutschland fanden nicht im Jahr 1938 statt, wie ursprünglich im Text geschrieben, sondern im Jahr 1933.

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