Videobeweis vor Aufnahme in Fußball-Regeln | Fußball | DW | 02.03.2018
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Fußball

Videobeweis vor Aufnahme in Fußball-Regeln

Ist der Video-Schiedsrichter die "Zukunft des modernen Fußballs"? Das International Football Association Board wird diese "Zukunft" am Samstag wohl ins offizielle Regelwerk aufnehmen, trotz aller Pannen in der Testphase.

Zu willkürlich, zu schlecht kommuniziert, nicht einheitlich, alles dauert viel zu lange - man kann nun wirklich nicht behaupten, dass alle Fußball-Fans in Deutschland mit der Handhabung des Videobeweises in der Bundesliga rundum zufrieden wären. Gleiches gilt im übrigen auch für Teile der Schiedsrichtergilde. In Deutschland ist die technische Hilfe für Schiedsrichter, beziehungsweise deren manchmal nur schwer nachvollziehbarer Einsatz, fast allwöchentlich Quell heftiger Diskussionen. Dennoch wird das International Football Association Board (IFAB) den Video-Schiedsrichter wohl ins international gültige Fußball-Regelwerk aufnehmen.

Die Regelhüter des Weltfußballs kommen am Samstag in der FIFA-Zentrale in Zürich zusammen, um unter anderen über diesen Tagesordnungspunkt zu entscheiden. Und trotz aller Proteste, Bedenken und Emotionen scheint das Ergebnis bereits festzustehen. "Wir müssen Entscheidungen auf der Basis von Fakten treffen, nicht auf der Basis von Gefühlen. Die Fakten sind, dass in fast 1000 Spielen die korrekten Entscheidungen der Schiedsrichter von 93 auf fast 99 Prozent gestiegen sind", sagte FIFA-Präsident Gianni Infantino vor der Entscheidung über den Videobeweis in der Zentrale des Weltverbandes.

Gefühle gegen Prozentzahlen

Doch die Gefühle, die Infantino ausblenden möchte, schlugen in der Testphase immer wieder hoch. In der Bundesliga ebenso wie in Italien oder im englischen Pokal, wo gerade erst am Mittwoch der zigfache Einsatz des Videoreferees beim Pokalspiel zwischen Tottenham Hotspur und Rochdale zu Slapstick-Szenen führte. In der Bundesliga gab es auch von Trainern und Sportdirektoren immer wieder heftige Kritik an den Herren im "Kölner Keller", was sich darauf bezog, dass die Video-Schiedsrichter die Spiele in einem abgedunkelten Raum bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Köln verfolgen.

Fußball Premierleague Videobeweis Tottenham Hotspur v Rochdale - Emirates FA Cup (picture-alliance/empics/N. Potts)

Die Partie zwischen Tottenham und Rochdale im englischen FA-Cup wurde immer wieder unterbrochen

Ein anfangs vermuteter Kritikpunkt jedenfalls trifft auf den Videobeweis nicht zu: Er macht den Fußball nicht weniger emotional - ganz im Gegenteil. Aber weniger fehlerhaft macht er ihn, meinen zumindest die Befürworter. Kritiker sehen das ganz anders und bemängeln vor allem, dass der Videobeweis bei durchaus vergleichbaren Situationen mal zum Einsatz kommt und mal nicht. Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge meint, der Fußball werde "besser, seriöser und fairer". Das IFAB rechnete schon im Januar aus, dass die Entscheidungen der Video-Assistenten zu 98,9 Prozent richtig gewesen seien. 

Infantino macht Druck

Die FIFA sagt, man habe aus der Testphase gelernt. Auch in der Bundesliga benötigte man fast die ganze Hinrunde, um die schlimmsten Verwirrungen zu beseitigen. Die Leitlinien scheinen simpel. Wichtig ist eine klare Beschränkung auf vier Spielszenen: Torentscheidung, Rote Karte, Abseits und Spielerverwechslung sowie die klare Beschränkung auf einen Eingriff des Videoassistenten nur bei offensichtlichen Fehlentscheidungen des Referees in solchen Fällen. Diese klare Linie lässt sich aber - zumindest in Deutschland - nicht immer erkennen.

Gianni Infantino (picture-alliance/dpa/C. Charisius)

Gianni Infantino ist ein Fan des Videobeweises

Nichtsdestotrotz hat Infantino sich mit seinem Wunsch nach einem Einsatz der technischen Hilfe auch bei der anstehenden WM in Russland bereits so weit aus dem Fenster gelehnt, dass das IFAB fast gar keine andere Wahl mehr treffen kann, ohne den Top-Funktionär zu brüskieren. "Wenn wir oder ich etwas tun können, um sicher zu sein, dass die WM nicht durch einen Schiedsrichter-Fehler entschieden wird, dann denke ich, dass es unsere Pflicht ist, dies zu tun", sagte Infantino. Die vier FIFA-Stimmen im IFAB, die traditionell en bloc vergeben werden, sind damit sicher. Und auch die britischen Verbände aus England, Wales, Schottland und Nordirland, die die weiteren vier Sitze innehaben, taten sich bislang nicht als große Kritiker hervor. Sechs von acht Stimmen sind für eine Änderung im Fußball-Regelwerk notwendig. Eine Mehrheit sollte reine Formsache sein.

Kein genereller Zwang

Einen Automatismus für den Video-Schiedsrichter bei allen Fußball-Spielen gibt es aber damit nicht. Der Einsatz von Videoreferees wäre in vielen Ländern personell wie strukturell schwierig umzusetzen. Vermutlich wird das IFAB ein generelles Ja für die technische Hilfe aussprechen, die Umsetzung dann aber den einzelnen Verbänden überlassen. Für die WM würde die Entscheidung dann beim Council-Meeting am 15. und 16. März in Bogota fallen. So könnte FIFA-Chef Infantino sein Projekt bei der WM zum Einsatz bringen, Skeptiker wie UEFA-Boss Aleksander Ceferin hingegen für die Champions League die weiteren Entwicklungen abwarten.

In Bundesliga und DFB-Pokal wird es den Videobeweis mit einem Ja aus Zürich weiter geben, das haben DFB-Chef Reinhard Grindel und DFL-Boss Christian Seifert schon klar gemacht - unabhängig von allen Kommentaren über die Arbeit im Kölner Keller.

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