Verseuchtes Trinkwasser im Südsudan: Keine Hilfe in Sicht | Afrika | DW | 07.11.2018
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Afrika

Verseuchtes Trinkwasser im Südsudan: Keine Hilfe in Sicht

Durch die Ölproduktion im Südsudan soll das Trinkwasser von mehr als einer halbe Million Menschen vergiftet worden sein. Mitte April versprach der malaysische Konzern Petronas Abhilfe. Was ist daraus geworden?

Die Mail war unerwartet, der Inhalt auch. Mitte April meldete sich die Pressestelle von Petronas bei der DW. Kurz zuvor hatte die deutsche Hilfsorganisation Hoffnungszeichen schwere Vorwürfe gegen den Konzern aus Malaysia erhoben, die DW berichtete. Durch giftige Abfälle aus der Ölproduktion soll das Trinkwasser von mehr als 600.000 Menschen im Südsudan verunreinigt worden sein. Hauptverantwortlich dafür laut Hoffnungszeichen: Petronas, Sponsor des Formel-1 Teams von Mercedes.

"Als verantwortungsbewusste Organisation stellen wir die Bedürfnisse der Menschen vor Ort an oberste Stelle", schrieb der Ölmulti aus Kuala Lumpur. Die Vorwürfe von Hoffnungszeichen weise man strikt zurück. Aber: Man habe ein gutes Gespräch mit Hoffnungszeichen gehabt und "werde den Standpunkt von Hoffnungszeichen in Betracht ziehen, wie die Situation im Südsudan verbessert werden könnte". Ein konkreter Projektvorschlag läge auf dem Tisch und werde geprüft.

Hoffnungsschimmer im April

Bei dem Treffen in Zürich sei man auf eine "durchaus interessierte Runde getroffen", sagt auch der zweite Vorsitzende der Hilfsorganisation, Klaus Stieglitz zur DW. 2007 erhielt seine Organisation nach eigenen Angaben die ersten Hinweise, dass die Wasservorräte in der Region verunreinigt waren – mit Schwermetallen und Salzen, die als Abfallstoffe bei der Ölproduktion entstehen.

Ein silberner Rennwagen mit der Aufschrift Petronas auf dem Heckspoiler(picture-alliance/Hoch Zwei)

Petronas sponsort das Formel-1 Team von Mercedes

Hoffnungszeichen betrieb damals Gesundheitsprojekte vor Ort. Mittlerweile hat die Organisation verschiedene Gutachten vorgelegt, die aus ihrer Sicht die Anschuldigungen belegen. Unter anderem wies ein Experte der Berliner Charité die Giftstoffe Blei und Barium in Haarproben nach. Das kann dramatische Folgen für die Gesundheit haben: Blutarmut, Lähmungserscheinungen, Nierenversagen. Auch deshalb hat Hoffnungszeichen gemeinsam mit der Partnerfirma African Water Ltd. ein Konzept entwickelt, wie den Menschen geholfen werden könnte.

"Diese Lösungsvorschläge haben sich die Vertreter von Petronas angehört und auch ein gewisses Interesse und eine verhaltene Offenheit zu Tage gelegt", sagt Stieglitz. Der Projektvorschlag liegt der DW vor. African Water Ltd. will innerhalb eines Jahres 15 Brunnen wieder funktionsfähig zu machen. So sollen die Menschen in den betroffenen Regionen Zugang zu Wasser bekommen, das noch nicht verunreinigt ist. Kostenpunkt: Rund 123.000 Euro pro Brunnen, insgesamt etwas über 1,7 Millionen Euro.

Ein Hilfsprojekt - über 400 Kilometer entfernt

Doch es kommt anders. Auf DW-Anfrage teilt Petronas Ende Oktober überraschend mit, ein eigenes Wasserprojekt gestartet zu haben. "Durch unser Projekt 'Wasser für Leben' können über 40.000 Menschen die Vorteile von sauberem Trinkwasser genießen", schreibt Konzernsprecherin Zahariah Abd Rahman. Fünf Brunnen sollen im Rahmen des Projekts neu gebohrt, 15 rehabilitiert und fünf Wassertanks gestellt werden. Weitere Wasserprojekte sollen folgen.

Präsident Salva Kiir (rechts) im Gespräch mit Rebellenführer Salva Kiir (Reuters/M. N. Abdallah)

Die Regierung von Präsident Kiir (rechts) braucht die Öl-Einnahmen dringend

Das Überraschende dabei: Das neue Projekt liegt nicht in den Ölförderregionen, sondern in der Hauptstadt Juba. Natürlich bräuchten auch die Bewohner der Hauptstadt sauberes Trinkwasser, sagt Klaus Stieglitz von Hoffnungszeichen.  "Darüber hinaus darf man aber auch nicht vergessen, dass es ungefähr 450 Kilometer weiter nördlich von Juba eine Bevölkerungsgruppe von über 600,000 Menschen gibt, die unter den Praktiken von Petronas zu leiden haben. Für diese Menschen hat Petronas zumindest nach unserem Kenntnisstand noch keine Lösung gefunden, wie man sie mit sauberem Trinkwasser versorgen könnte."

Ölförderung soll ausgeweitet werden

Dabei könnte das Problem in den nächsten Monaten noch akuter werden könnte, da der Südsudan die Ölförderung ausweiten will. Petronas darf nun in weiteren Gebieten Öl fördern. Die klamme Regierung braucht die Einnahmen dringend, da der jahrelange Bürgerkrieg das Land an den Rand des Ruins getrieben hat. Gleichzeitig gibt die Regierung von Präsident Salva Kiir pro Jahr über eine Milliarde Euro für das Militär aus. "Der Schutz der Umwelt ist für uns von höchster Wichtigkeit", sagte Ölminister Ezekiel Lol Ende August lokalen Medien. Das sei auch im entsprechenden Vertrag zwischen den Ölfirmen und der Regierung geregelt. Auch Petronas-Sprecherin Rahman betont, dass sich ihre Firma strikt an die lokalen Gesetze halte.

Klaus Stieglitz ist trotzdem skeptisch: "Man muss sagen, dass der Südsudan ein sehr korrupter und ein sehr schwacher Staat ist, der nach unserem Kenntnisstand nicht in der Lage ist, die Ölindustrie zu kontrollieren. Es ist möglicherweise ein Kalkül der Ölindustrie, in diesem Land zu produzieren, weil man dort sehr billig produzieren kann, nämlich unter Außerachtlassung der umweltrechtlichen Vorschriften."

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