Verschlossene Bücherwelten - Vom Umgang mit Analphabetismus in Deutschland | Bücher | DW | 07.10.2019
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Lesekultur

Verschlossene Bücherwelten - Vom Umgang mit Analphabetismus in Deutschland

Mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland haben massive Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Wie gehen sie damit im Alltag um, und welche Hilfe gibt es für sie?

Ein Leben ohne Lesen und Schreiben ist für die meisten Menschen unvorstellbar. Aber für zwölf Prozent der 18- bis 64-Jährigen in Deutschland gehört eine geringe Lese- und Schreibfähigkeit zum Alltag. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Hamburg, die im Mai 2019 vorgestellt wurde.

Die LEO-Studie (Leben mit geringer Literalität) besagt, dass zu den 6,2 Millionen Menschen, die statistisch erfasst wurden, auch diejenigen gehören, die zwar einzelne Buchstaben, Wörter und Sätze erkennen können, aber Schwierigkeiten haben, Sätze miteinander zu verbinden. Sie können deshalb den Sinn eines längeren Textes schwerer oder gar nicht erfassen und auch nicht flüssig schreiben.    

Die 60-jährige Kerstin Goldenstein aus Trier hat ihre ganz eigene Strategie entwickelt, um mit ihren Schreibschwierigkeiten jeden Tag umzugehen: "Wenn ich jemandem eine Geburtstagskarte schreibe, schreibe ich meinen Text auf ein Zettelchen, das ich in die Karte lege. Wenn ich einen Fehler mache, kann ich es wegwerfen und neu anfangen", erklärt sie im DW-Gespräch.

Nützliches Angebot für Betroffene: Bücher in einfacher Sprache

Vor zwei, drei Jahren sei sie noch nicht imstande gewesen, so darüber zu sprechen, fährt sie fort. "Es war sowohl ein langer Weg, offener mit dem Thema umzugehen, als auch richtig schreiben zu lernen." Die Scham, die Menschen mit Lese- und Rechtschreibproblemen empfinden, sei enorm. 

Trotz ihres Handicaps schätzt sich Goldenstein glücklich, weil sie in der Lage ist, in langsamem Tempo ein Buch zu lesen. Einige Verlage haben sich sogar darauf spezialisiert, Weltliteratur und Bestseller in einfacher Sprache herauszugeben. So ist zum Beispiel Wolfgang Herrndorfs Bestseller "Tschick" über zwei 14-jährige Schulfreunde, die einen Roadtrip machen, in einfachem Deutsch erschienen.

Eine Frau hält das Buch Tschick von Wolfgang Herrndorf in den Händen; Reihe der DW 100 gute Bücher (DW)

Autor Wolfgang Herrndorf hatte die Veröffentlichung seines Romans "Tschik" in einfacher Sprache kurz vor seinem Tod selbst initiiert

"Lehrer haben Schwierigkeiten lange nicht mitbekommen" 

Kerstin Goldenstein machte ihren Schulabschluss in der 10. Klasse, absolvierte eine Berufsausbildung, arbeitete dann in einer Metzgerei und schließlich in einem Kaufhaus. Das Ganze 37 Jahre lang. Inzwischen ist sie im Ruhestand.    

Doch wie kann es in einem entwickelten Land wie Deutschland, in dem Schulpflicht herrscht, dazu kommen, dass Menschen ihren Abschluss machen können, ohne auf einem höheren Niveau lesen oder schreiben zu können? "Mein Lehrer hat meine Schwierigkeiten nicht wirklich mitbekommen", sagt Goldenstein über ihre Schulzeit in einem Dorf an der Nordsee. 

100 Jahre Grundschule | Volksschule in Bayern 1960 (picture-alliance/dpa/G. Goebel)

Volksschule in den 1960er Jahren: strenges Pensum für alle Schüler

Während der 1960er und 70er Jahre, also der Zeit, in der sie aufwuchs, hätten sich Eltern und Lehrer nicht besonders um Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten gekümmert, erzählt sie. Ihren Schulabschluss erlangte sie, weil sie mündlich sehr gut war und so ihre Schreibfehler bei der Gesamtnote ausgleichen konnte.

Analphabeten helfen sich untereinander  

Erst vor einigen Jahren, als sie feststellte, dass ihre Alphabetisierungsprobleme ihr allgemeines Wohlbefinden beeinträchtigten, holte sich Goldenstein Hilfe und besuchte einen Deutschkurs an der Volkshochschule. 

"Ich werde nie richtig gut schreiben können, aber ich habe viele Fortschritte gemacht und kann jetzt das tun, was ich nie für möglich gehalten hätte: Kurzgeschichten schreiben", berichtet sie stolz.

Gemeinsam mit anderen hat Goldenstein ein Schreibkollektiv gegründet. Dort ist sie nicht nur die Sprecherin, sondern mittlerweile auch "Lernbotschafterin" für den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. in Münster. Der Verein informiert bundesweit über Alphabetisierungskurse und bietet eine anonyme Telefon-Hotline für Ratsuchende an. "Lernende Botschafter", wie Kerstin Goldenstein, sind unerlässlich und extrem hilfreich.

Tim Henning (BVAG)

Tim Henning

"Von den bundesweit 6,2 Millionen funktionalen Analphabeten oder gering Literalisierten besuchen nur etwa 30.000 Menschen jedes Jahr Alphabetisierungskurse", erklärt der Projektleiter des Vereins, Tim Henning. "Wir haben nur etwa 100 Lernbotschafter im ganzen Land, aber sie sind wichtige Motivatoren und Menschen, mit denen sich andere mit Alphabetisierungsproblemen identifizieren können", sagt er.

Ursachen nicht ausreichend erforscht

Laut Henning sind die Ursachen für einen funktionalen Analphabetismus vielfältig. "Wir haben ein paar Schlüsselfaktoren ausgemacht, wie beispielsweise das Wohnumfeld", erklärt er. "Wenn die Eltern kein Interesse an Bildung haben, hat es das Kind schwer." Ein weiterer wichtiger Faktor sei das Schulsystem. "Lernen Kinder in der Grundschule nicht gut lesen oder schreiben, können sie das selten in der Sekundarschule aufholen." 

Weitere Ursachen können Legasthenie oder Aufmerksamkeitsstörungen sein. Auch der Tod eines Elternteils oder die Scheidung der Eltern erschweren Kindern das Lernen. Diese fühlen sich mitunter isoliert und können ihre Bedürfnisse nicht unbedingt äußern.

Ein Mädchen schreibt etwas in ein Grundschulheft. (picture-alliance/dpa/J. Woitas)

Nicht immer nehmen Eltern und Lehrer die Bedürfnisse des Kindes wahr

Großes Handicap im Alltag 

Auch wenn die Ergebnisse der diesjährigen LEO-Studie besser ausfallen als im Jahr 2010, sind die Erkenntnisse noch immer alarmierend. Die Fähigkeiten der gering Literalisierten sind ganz unterschiedlich. Einige, wie Goldenstein, können Bücher lesen und das auch genießen. Andere verlassen ihren Stadtteil nicht, weil sie weder Straßenschilder noch Fahrpläne lesen können. Den Führerschein machen: unmöglich - hierfür müsste man den Test lesen können.  

Andere sind nicht in der Lage, die Bedienungsanleitungen für Geräte zu lesen, Rechnungen online zu bezahlen, per E-Mail zu kommunizieren oder Steuerformulare auszufüllen. Packungsbeilagen von Medikamenten zu entschlüsseln, stellt eine weitere große Herausforderung dar.

"Oftmals geben Ärzte oder Apotheker mündliche Anweisungen zur Einnahme des Medikaments", so Henning. "Das ist auch einer unserer Bereiche der Zusammenarbeit. Wir arbeiten mit Ärzten zusammen und bitten sie, Alphabetisierungs-Informationen und unsere Hotline-Nummern an ihre betroffenen Patienten weiterzugeben, weil sie ihnen vertrauen."

Keine Frage von Intelligenz

Laut LEO-Studie sind über 52% der Betroffenen deutsche Muttersprachler; 47% haben einen ausländischen Hintergrund und haben zuerst eine andere Sprache gelernt. Unter den Letzteren beherrschen 80% das Lesen und Schreiben in ihrer Muttersprache.

Zwei Drittel der Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwäche sind erwerbstätig und steigern so ihr Selbstwertgefühl. Aber "die Jobs beinhalten oft 'niedere' Arbeiten wie Bauarbeiten oder Reinigung", erläutert Tim Henning. Dabei, so betonen Experten, korreliert funktionaler Analphabetismus nicht mit einem Mangel an Intelligenz.

Zwei Männerhände fahren eine Satzzeile nach - Symbolbild Analphabetismus. (picture-alliance/dpa/K. Remmers)

Männer machen den Großteil der gering Literalisierten aus

Krisen oftmals Anstoß zur Veränderung 

Eine Lese- und Rechtschreibschwierigkeit wird von Faktoren bestimmt, auf die der Einzelne keinen Einfluss hat - das zeigt auch das Beispiel des 52-jährigen Christian Schröter, der ebenfalls "Lernbotschafter" ist. Er wuchs in der DDR in turbulenten Familienverhältnissen auf, hatte Schwierigkeiten in der Schule und verließ sie nach der 10. Klasse ohne Abschluss. Danach hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, übernahm Tischlerarbeiten, verzichtete aber auf eine Weiterbildung. 

"An jenen Tagen, an denen ich eine Prüfung absolvieren musste, war ich plötzlich 'krank'", erzählt er im Gespräch mit der DW. Erst Jahrzehnte nach der Schule stellte er fest, dass er an Legasthenie leidet. 

20 Jahre lang übernahm seine Frau für ihn alltägliche Dinge wie Briefe lesen oder Formulare ausfüllen. Dann wurde sie krank. Schröter sah sich einem Gerichtsbeschluss gegenüber, den er nicht lesen konnte - und war gezwungen, sich dem Richter zu offenbaren. Bald darauf besuchte er einen Deutschkurs und konnte seine Lesefähigkeit von 45 auf 75 Prozent erhöhen. 

"Es ist ein politisches Thema"  

Oftmals sei es eine Krise, die die Menschen dazu bringt, etwas an ihrer Situation zu ändern, sagt Henning. "Eine Frau rief bei unserer Hotline an und schluchzte", erinnert er sich. "Sie bekam ein Baby und war verzweifelt, dass sie ihrem Kind keine Geschichten vorlesen konnte. Sie sah sich Bilder an und erfand Geschichten." Durch den Verein kam sie zu den Alphabetisierungskursen.

Auch Christian Schröter ist begeistert von seinen neuen Fähigkeiten: "Sie haben mein Selbstvertrauen gestärkt und meine Lebensqualität verbessert." Und Kerstin Goldenstein betont: "Die Leute müssen erkennen, dass es ein großes Problem für die Gesellschaft ist, wenn die Menschen nicht richtig lesen und schreiben können. Es ist auch ein politisches Thema."

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