Verpackungsmüll: Wirtschaftsboom macht die Tonnen voll | Aktuell Deutschland | DW | 19.11.2019
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Umwelt

Verpackungsmüll: Wirtschaftsboom macht die Tonnen voll

So viel Verpackungsmüll war noch nie: In Deutschland fielen 2017 rund 18,7 Millionen Tonnen Müll an - ein neuer Rekordwert. Der Grund dafür ist unter anderem das kräftige Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre.

Wieviel Verpackungsmüll tatsächlich anfällt, wird vor allem dann deutlich, wenn man sich das Pro-Kopf-Aufkommen anschaut: Im Schnitt war jeder Mensch in Deutschland für 226,5 Kilogramm verantwortlich. Das waren drei Prozent mehr als noch im Jahr davor. Was Deutschland im europäischen Vergleich einen unrühmlichen Spitzenplatz beschert. Der Blick auf die Statistik der vorhergehenden Jahre zeigt außerdem, dass dieser Anstieg kein Ausrutscher ist. Denn trotz aller Diskussionen um Umweltschutz und Nachhaltigkeit hat die Menge des Verpackungsmülls in den letzten Jahren in Deutschland immer weiter zugenommen.

Nur einmal wurde der Müll weniger

Nur eine einzige Ausnahme gibt es: Zwischen 1991 und 1995 ging die Verpackungsmüllmenge tatsächlich zurück. In diese Zeit fällt die Einführung des "Grünen Punktes" - damit werden bis heute Verpackungen gekennzeichnet, die getrennt eingesammelt und verwertet werden sollen. Seit dieser Zeit gibt es in Deutschland "gelbe" Tonnen und Säcke, in denen Verpackungsmüll gesammelt und extra abgeholt wird. Den Preis für das Entsorgungssystem zahlen die Verbraucher in Deutschland; für jede Verpackung mit dem "grünen Punkt" fällt eine Gebühr an.

Diese müssen die Hersteller bezahlen, geben sie aber natürlich über den Verkaufspreis an die Verbraucher weiter - viel Verpackung macht die Waren in Deutschland also teurer. Und genau das könnte auch erklären, warum die Menge an Verpackungsmüll Anfang der 1990er Jahre zurückgegangen ist. Von Dauer war das allerdings nicht: Schon 2010 gab es wieder mehr Verpackungsmüll als 1991.

Infografik Pro-Kopf-Verbrauch an Verpakungen in Deutschland DE

Industrie und Handel sorgen für mehr als die Hälfe der Müllmenge

Wobei man fairerweise sagen muss, dass ein Großteil des Verpackungsmülls nicht einmal direkt von den Verbrauchern kommt. 53 Prozent wird von Unternehmen produziert - das können Verpackungen sein, die während der Produktion anfallen oder solche, die beim Händler bleiben. So ist es bei vielen Händlern üblich, sich Lebensmittel von den Produzenten nicht direkt in die Verkaufsstellen liefern zu lassen, sondern diese zunächst in Logistikzentren zu sammeln. Dort werden dann Warenpaletten für die einzelnen Läden zusammengestellt. Und diese Paletten müssen natürlich auch entsprechend für den Transport verpackt werden - was häufig zum Beispiel durch Einwickeln der gesamten Palette in Kunststofffolie passiert. Im Laden angekommen, wird diese Folie dann direkt durch den Händler entsorgt.

Schlangengurke in Plastikverpackung (picture-alliance/U. Baumgarten)

In Plastik eingeschweißte Gurke - für viele der Inbegriff des Verpackungswahns

Wirtschaftswachstum lässt auch den Müllberg wachsen

Doch warum gibt es überhaupt immer grüßere Müllmengen? Den Grund sieht das Umweltbundesamt unter anderem im Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre. Weil es vielen Menschen heute besser geht als noch vor einigen Jahren, wird auch mehr Geld für den Konsum ausgegeben. Das Ergebnis, so das Umweltbundesamt: "Mehr Produkte führen auch zu mehr Verpackungen." Und es kommen noch zwei weitere Punkte hinzu. Zum einen die Bequemlichkeit vieler Menschen. Denn nach Beobachtung des Umweltbundesamtes haben viele Verpackungen heute zusätzliche Funktionen wie eine Wiederverschließbarkeit oder Dosierhilfen; manche dieser Funktionen seien aber unnötig aufwendig ausgeführt. Dadurch steige der Materialverbrauch und mache das Recycling teilweise schwieriger.

Hinzu kommt, dass sich die Lebensweise vieler Menschen in den vergangenen Jahren verändert hat. Es gibt einen Trend zu kleineren Portionen und zum Außer-Haus-Essen - beides sorgt für mehr Verpackungsmüll. Zudem boomt der Online-Handel; immer mehr Menschen kaufen nicht mehr im Laden, sondern lassen sich im Internet bestellte Waren nach Hause schicken. Damit diese unbeschädigt bei den Verbrauchern ankommen, sind sie häufig aufwändiger verpackt als früher.

Video ansehen 01:33

Einkaufen ohne Verpackung - können Sie sich das vorstellen?

Appell des Bundesumweltamtes

Für Maria Krautzberger, der Präsidentin des Umweltbundesamtes, geht die Entwicklung damit in die gänzlich falsche Richtung. In Deutschland würden zu viele Verpackungen verbraucht, das sei schlecht für die Umwelt und den Rohstoffverbrauch. Krautzberger appelliert an Industrie und Verbraucher: "Wir müssen Abfälle vermeiden, möglichst schon in der Produktionsphase. Auf unnötige und unnötig materialintensive Verpackungen sollte deshalb verzichtet werden." Häufig aber sehe man das Gegenteil und selbst die Zahnpastatube sei mehrfach verpackt. "Wir brauchen viel mehr Mehrweg, nicht nur bei Sprudel und Bier", so Krautzberger. Auch den Kaffee könne man im Mehrwegbecher mitnehmen und wer sein Essen mitnimmt, sollte das auch in Mehrwegbehältern tun können.

Maria Krautzberger Präsidentin des Umweltbundesamtes (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes

Immerhin, einen kleinen Trost gibt es: Denn in Sachen Recycling ist Deutschland weiterhin gut. Etwa 70 Prozent der Verpackungen werden wiederverwertet, der Rest landet größtenteils in Müllverbrennungsanlagen und erzeugt so immerhin noch Energie. Auf Deponien landet inzwischen nur noch ein kleiner Teil der Verpackungen. In den kommenden Jahren soll zudem der Anteil der wiederverwerteten Verpackungen weiter steigen. Seit dem 1. Januar 2019 - also seit fast einem Jahr - gilt in Deutschland ein neues Verpackungsgesetz. Es schreibt vor, das bis 2022 eine Recyclingquote von mindestens 63 Prozent erreicht werden muss. Dass das machbar ist, zeigt ein Blick auf die unterschiedlichen Quoten der verschiedenen Materialien. Bei Papier und Kartons werden derzeit fast 88 Prozent wiederverwertet; bei Glas ist die Quote mit fast 85 Prozent ähnlich hoch. Am schlechtesten sieht es dagegen bei Kunststoffen und Holz aus. Kunststoffverpackungen werden zu weniger als 50 Prozent wiederverwertet und beim Holz sind es gerade einmal 25,8 Prozent.

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