Verleger Jo Lendle: ″Es war richtig, den Literaturnobelpreis zu verschieben″ | Kultur | DW | 04.05.2018
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Kultur

Verleger Jo Lendle: "Es war richtig, den Literaturnobelpreis zu verschieben"

Jo Lendle ist Schriftsteller und seit 2014 Chef des Carl Hanser Verlags. 17 der Autoren seines Hauses wurden mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. Die Entscheidung rette die Würde des Preises, sagt er im DW-Interview.

Was halten Sie von der Entscheidung, den Literaturnobelpreis jetzt auszusetzen?

Es ist ein großes Zeichen, eines, das es so bisher noch nicht gab. Der Preis wurde bis auf Kriegszeiten und einige Jahre, in denen die Schwedische Akademie keinen geeigneten Kandidaten gefunden hat, immer vergeben.

Sicher ist, dass er nächstes Jahr nachträglich vergeben wird. Das ist so angekündigt. Für die Literaturwelt ist das erst mal keine gute Nachricht. Zumal es natürlich viele Menschen gibt, die ihn verdient hätten. Und die warten. Trotzdem: Wenn man den Preis wirklich nächstes Jahr nachträglich verleiht, finde ich das das richtige Zeichen.

Der eigentliche Skandal ist nicht die Aussetzung des Preises in diesem Jahr, sondern das sind die Vorgänge innerhalb der Akademie. Man muss beim Literaturnobelpreis sicherlich immer mit im Auge behalten, dass er nicht nur ästhetischen Kategorien folgt, sondern auch moralischen. Eine Jury die selber moralisch dermaßen im Durcheinander ist, tut gut daran, diesen Preis nicht zu vergeben. Sonst würde der Preis beschädigt werden. Das glaube ich schon. Selbst wenn ich meine, dass es so viele Menschen gibt, die ihn dringend verdient hätten, und einige davon die nächstes Preisverleihung vielleicht gar nicht mehr erleben, glaube ich doch, dass es wichtiger ist, die Würde des Preises langfristig zu retten und dafür dann auch ein solches Zeichen zu setzen.

Was muss passieren, damit das Vertrauen in die Schwedische Akademie wiederhergestellt wird?

Die Schwedische Akademie muss einen Weg finden, die Vorgänge so aufzuarbeiten, dass man den Eindruck hat, sie nehmen die Schwierigkeiten, die sie in den letzten Monaten hatten, und die Vertuschungen ernst und klären das auf. Traditionsinstitutionen, die ihrer Überlieferung wahnsinnig verpflichtet sind, haben immer die Schwierigkeit, dass in ihnen Missbrauch leichter unter den Teppich gekehrt wird – eben weil man sich dem Fortschreiten der Tradition verpflichtetet fühlt. Heute finde ich es gerade deshalb nicht falsch, von einer solchen Institution zu erwarten, dass sie sagt: Wir huschen da jetzt nicht schnell drüber.

Entwertet der Skandal die Preise rückwirkend?

Das glaube ich nicht. Die unterschiedlichen Aspekte des Skandals betreffen ja nicht die Auswahl der Preisträger. In diese Richtung geht dieser Skandal nicht. Anders vielleicht als bei der Vergabe der Olympischen Spiele oder von Weltmeisterschaften, wo Leute bestochen wurden oder ein übles Schweigesystem eingerichtet wurde.

Sara Danius (Imago/E-Press)

Ein solches Bild wird es 2018 nicht geben: Im Oktober verkündete die Ständige Sekretärin Sara Danius Kazuo Ishiguro als Preisträger 2017

Haben Sie als Verleger und Schriftsteller selber eine Idee, wie man das Auswahlverfahren und das ganze Prozedere um den Preis transparenter gestalten sollte?

Ich finde, dass die Vergabe nicht transparent sein muss. Ich finde es in Ordnung, dass das ganze Prozedere der Entscheidungsfindung und auch alle Gespräche hinter verschlossenen Türen stattfinden - wie bei vielen anderen Jurys auch. Ich bin nicht in jedem Lebensbereich für Transparenz. Die Akademie veröffentlicht nach 50 Jahren ihre Protokolle. Und das ist völlig ausreichend. Diese Dinge sind nicht dafür da, dass man sie sofort zerreißt und sich über sie hermacht. Es ist etwas ganz anderes, jetzt aufzudecken, was da an Machtmissbrauch stattgefunden hat. Aber das hat erst mal mit den Preis-Entscheidungen nichts zu tun.

Wie müsste  sich die Schwedische Akademie reformieren?

Es ist eine Akademie, die für solche Fälle keine Regeln vorsieht. Das Ganze ist ja ein bürgerlicher Preis, der seltsam verlinkt ist mit dem Königshaus – das aber eigentlich nur am Rande steht. Es ist der Bürger Nobel, der sich privatwirtschaftlich eingesetzt hat für diese Geschichte. Der König selber ist zwar derjenige, der den Preis verleiht, aber er hat während der Zeremonie zu schweigen. Es gibt innerhalb der Akademie für solche Fälle, wie sie sich jetzt ereignen, keine Regeln. Zum Beispiel, weil die Zugehörigkeit zur Akademie auf Lebenszeit vergeben wird, eben nicht die Möglichkeit, daraus auszuscheren.

Das lässt Vergleiche mit dem Papsttum aufkommen, wo es ja bis vor kurzem auch keine Beispiele gab, dass jemand zurücktritt. Vielleicht müssen wir feststellen, dass diese Idee der lebenslänglichen Zeit und Ewigkeit nicht angemessen ist, und dass auch Möglichkeiten für Mitglieder eingerichtet werden müssen, zurückzutreten, so dass Stühle wieder neu besetzt werden können. Sich so ein Regelwerk zu geben, wäre jetzt für die Akademie richtig.

Halten Sie das Preisgeld, das manche Leute absurd hoch finden, für gerechtfertigt?

Cover Literaturzeitschrift Akzente (Akzente/ Hanser Verlag)

Jo Lendle ist Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente

Ich finde das herrlich. Der Nobelpreis ist ein wichtiger Preis eben aufgrund seiner langen Tradition. Er ist aber auch wichtig, weil es um so viel Geld geht. Zusammen mit den anderen Nobelpreisen stiftet das Sichtbarkeit, die ich wichtig finde. Dass die jeweilige jährliche Entscheidung dann diskutiert wird, gehört zum Spiel. Dass man sich dann echauffiert und fragt, was ist mit dem und dem, und warum nicht der oder die - das ist ja toll, wunderbar. Und diese Gespräche werden auch intensiver und lauter, als wenn es dabei um zwei Mark fünfzig geht.

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