Veria: Die unerwünschte ethnische Vielfalt | Europa | DW | 30.04.2019
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Griechenland

Veria: Die unerwünschte ethnische Vielfalt

Griechenland tut sich schwer mit seiner ethnisch diversen Geschichte. Dabei zieht die historische Vielfalt Menschen an. Einige Bürger wollen neue Wege gehen. Doch Hilfe von öffentlicher Seite ist rar.

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Veria - Jüdische Vergangenheit

Eine Besucherin aus Israel bricht in Tränen aus, als Evi Meska, Tourguide in der ältesten Synagoge Nordgriechenlands, erzählt, wie die Juden ihrer Stadt Veria Ende April 1943 ohne Wasser und Nahrung  tagelang eingesperrt und schließlich am 1. Mai verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurden. Am Schluss liegen sich beide Frauen in den Armen. Hier geht es weniger um Geschichte, als um Begegnung. Der Ort habe etwas Heiliges, sagt Evi Meska: "Hier sind Menschen auf schlimme Weise ums Leben gekommen, auch kleine Kinder. Nur weil sie nicht in das Weltbild von anderen gepasst haben. Hier versteht man, dass die Menschheit vereint sein muss."

Für Evi Meska ist es schmerzhaft, dass sich die Menschen in Veria so wenig mit der ethnisch diversen Geschichte ihrer Stadt auseinandersetzen. Viele wüssten nicht einmal, dass es eine Synagoge gibt. Dass hier, unten am Fluß, wo schon der Apostel Paulus gepredigt hat, Christen, Juden und Muslime über Jahrtausende friedlich koexistiert haben, sei in Vergessenheit geraten. Dagegen wollte sie etwas tun und öffnete die historische Synagoge für die Öffentlichkeit - im Alleingang.

Geschichte als Bürgerinitiative

Ein einziger Mensch von der Stadtverwaltung habe ihr geholfen. Er hatte ihr die Schlüssel gegeben und bei der Jüdischen Gemeinde in Thessaloniki die Erlaubnis eingeholt. Erst seit kurzem sei sie offiziell eingestellt. "Ich habe das am Anfang alles freiwillig gemacht. Ich war hier mit meinem Handy und habe auf Besucher gewartet. Und ein lieber Nachbar hat seine Toilette zur Verfügung gestellt."

Griechenland - Synagoge Veria (DW/F. Schmitz)

Evi Meska kämpft dafür, die Synagoge in Veria für die Öffentlichkeit zu erhalten.

Bis heute habe es die Stadt Veria es nicht fertiggebracht, ein Besucherklo zu installieren. "Langsam entwickelt sich was, doch es fehlt an Organisation. Viele in der Stadt haben gute Ideen, doch es scheitert dann meistens - ein großes Problem in Griechenland. Ich will diese Verantwortung niemandem in die Schuhe schieben. Es gibt viele in Griechenland, die verantwortlich sind. Wenn sich all diese Verantwortlichen endlich absprechen und auch Verantwortung übernehmen würden, dann würde sich die Situation deutlich verbessern." Schuld aber sei nicht nur die Politik. "Auch wir Bürger müssen unsere Mentalität ändern und uns den Besuchern gegenüber öffnen." Veränderung fange bei einem selbst an, sagt Evi Meska.

Antisemitismus bremst Entwicklung

Leider habe es sich bisher nicht rumgesprochen, dass die Synagoge nun endlich auch wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sei. Kaum jemand in Veria scheint Notiz davon zu nehmen, dass sich die Altstadt am Fluss zu einem der wichtigsten Anziehungspunkte für Touristen entwickelt hat. "Tausende Menschen aller Religionen sind seit der Neueröffnung von überall her gekommen und haben sich durch den kleinen Ort führen lassen", berichtet Evi Meska. Geschichtliche Konfrontation als Wirtschaftsfaktor im krisengeplagten Veria.

Doch das, was der alte, malerische Stadtteil am Fluss über die Geschichte Verias erzählt, dass die nordgriechische Region Mazedonien auf eine ethnisch diverse Vergangenheit blickt, passt nicht zum Selbstbild des modernen Hellas. Orthodoxie und Altertum - der Stolz der Griechen - beschränkt sich im Wesentlichen auf diese beiden Aspekte. Gerade zu Zeiten des Prespa-Abkommens, dem Vertrag über die Beendigung des Namensstreits mit Nordmazedonien, zeigt sich dieser Nationalismus immer mehr auch in aggressiver Form.

"Einige hier wollen keine Schwarzen oder Juden in der Stadt. Sie haben sich beschwert", moniert Evi Meska. Vor allem Antisemitismus sei ein strukturelles Problem: "Ich habe einen Davidstern als Geschenk bekommen und um den Hals getragen. Auf dem zehnminütigen Weg nach Hause hatte ich drei Begegnungen. Ein Bekannter hat mich vor den Faschisten gewarnt, die mich zusammenschlagen würden. Der nächste meinte, dass das Judentum Voodoo sei und ich ein Kreuz tragen müsse. Und der Dritte, ein gläubiger Christ, der regelmäßig ins Kloster geht, hat gefragt, ob ich dumm und Jüdin geworden sei. In dem Fall würde er mich aus seinem Laden werfen und mich zum Teufel schicken."

Zwischen Aufklärung und Nationalismus

Den Anwalt Yorgos Liolios überrascht das nicht. Er ist in Veria geboren und hat das erste Buch über die jüdische Bevölkerung der Stadt und ihre Ermordung durch die Nazis geschrieben. Ende der 1980er Jahre habe er mit der Recherche begonnen. Damals sei die jüdische Gemeinde der Stadt nirgendwo erwähnt gewesen. Das habe ihn gestört und er hat sich auf die Suche nach weiteren Informationen gemacht. Das sei nicht einfach gewesen. "Die Menschen hier wollten nicht reden." 

Griechenland - Synagoge Veria: Anwalt und Schriftsteller Yorgos Liolios (DW/F. Schmitz)

Der Anwalt und Schriftsteller Yorgos Liolios fordert mehr geschichtliche Bildung in Griechenland.

Sein Buch "Schatten einer Stadt" war ein Wendepunkt für Veria. Man habe angefangen, sich auseinanderzusetzen. Doch manchen sei dies nicht Recht gewesen: "Man hat mir vorgeworfen, ich sei Angestellter der jüdischen Gemeinde oder Agent des Mossads. Viele empfinden die Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte als Affront. Es gibt viele Vorurteile gegenüber dem Judentum. Dass es satanisch ist oder ein Machtinstrument der Freimaurer."

Bildung gegen Angst

Für Liolios haben diese Vorurteile vor allem mit einer nationalistisch fehlgeleiteten Bildung zu tun, die zu einem sehr selektiven Selbstbild führt. Dabei sei gerade Veria, im Gegensatz zu Thessaloniki, nicht antisemitisch gewesen. Die Bürger der kleinen Stadt hätten gut miteinander harmoniert. Auch hätten viele den Juden zur Zeit der Naziverfolgung geholfen.

Davon sei heute nicht mehr viel zu spüren: "Über Jahrhunderte haben viele ethnische Gruppen in einem großen Mazedonien gelebt, das Teil des Osmanischen Reichs war. In dieser Zeit hat einen das Anderssein der Mitbürger kaum interessiert. Als 1912 die Regionen Mazedonien und Thrakien Teil Griechenlands wurden, wollte man einen kulturell homogenen Staat schaffen. Auf einmal wurden Muslime und Juden zu Minderheiten. Das hat ein Gefühl der Angst ausgelöst."

Lolios wünscht sich eine bessere Gesetzgebung in punkto Rassismus und Antisemitismus und eine Kultur des offenen Dialogs in seinem Land. Dabei hofft er vor allem auf die Bildung: "Wir müssen bei den jungen Generationen beginnen. Probleme wie Rassismus und Antisemitismus müssen bereits in der Schule angegangen werden. Und dazu gehöre auch eine Überarbeitung der Schulbücher: "Dort werden nationalistische Narrative gelehrt. Dass die Griechen das erwählte und das beste Volk seien und durch und durch heldenhaft." Dabei müsse man vor allem eines erkennen: Von ethnischer Vielfalt geht keine Gefahr aus. 

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