Verbietet Turkmenistan dunkle Autos? | Asien | DW | 12.07.2020
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Zentralasien

Verbietet Turkmenistan dunkle Autos?

Dunkel lackierte Autos dürften bald selten auf Turkmenistans Straßen zu sehen sein. Viele lassen ihren PKW gerade umspritzen. Nicht weil es schöner ist. Grund sind schlechte Erfahrungen mit Wünschen ihres Herrschers.

Turkmenistan: Dmitri Medwedew und Gurbanguly Berdimuhamedow in einem weißen Auto (Imago Images/D. Astakhov)

Turkmenistans Präsident Berdimuhamedow (r.) mit dem damaligen russischen Ministerpräsidenten Medwedew (2019)

In Turkmenistan beeilen sich die Menschen, die kein weißes Auto besitzen, ihr Fahrzeug zu verkaufen oder umlackieren zu lassen. Das berichtet "Chronicles of Turkmenistan", die Webseite der Menschenrechtsorganisation "Turkmen Initiative for Human Rights" (TIHR) in Wien. Zwar basieren die Berichte, wonach ab dem neuen Jahr nur noch weiße Autos erlaubt sein sollen, bislang nur auf Gerüchten, doch die Menschen würden ihnen glauben, sagt TIHR-Leiter Farid Tuchbatullin.

Das Regime von Turkmenistan gehört zu den autoritärsten der Welt. Schon oft kursierten in dem zentralasiatischen Land Informationen über Regelungen, die offiziell nicht bestätigt, in der Praxis aber strikt angewandt wurden. Das liegt an dem speziellen Führungsstil von Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow.

Häufig würden nur mündlich ausgesprochene Wünsche des Staatsoberhauptes behördliche Dokumente und Anordnungen ersetzen, sagt der Chef der oppositionellen "Republikanischen Partei" im Exil, Nurmuhammet Hanamow: "In Turkmenistan muss kein spezielles Gesetz erlassen werden. Es reicht aus, wenn der Präsident mündlich ein Kommando erteilt oder ein Dekret unterschreibt, das niemand sieht." So sei es auch schon unter dem ersten Präsidenten Saparmurat Nijasow gewesen.

Turkmenistan I Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow (Imago Images/A. Shcherbak)

Turkmenistans Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow mag es hell

Autos sind ein Thema, für das sich der amtierende Präsident Berdimuhamedow schon länger offenbar brennend interessiert. So hat er ein Einfuhrverbot für Fahrzeuge verhängt, die älter als zwei Jahre sind. "Dann wurden Frauen inoffiziell daran gehindert, einen Führerschein zu machen", beschreibt Menschenrechtler Tuchbatullin die Lage in Turkmenistan. Nun also das inoffizielle Verbot von Autos in dunklen Farben - PKW müssen demnach jetzt weiß oder beige, gelb oder silbermetallic sein.

Nach Tuchbatullins Angaben gibt es zurzeit mal mehr, mal weniger Kontrollen. "Aber wenn, dann fordert die Verkehrspolizei die Autofahrer auf, ihren Wagen umlackieren zu lassen." Wiederholt habe er versucht, eine entsprechende Anordnung auf Papier zu finden, aber vergeblich. Die meisten "Farbkontrollen" gebe es in der Hauptstadt Aschgabat, so Tuchbatullin, weniger auf dem Lande.

Lackierung kein billiges Unterfangen

Grund: "Gurbanguly Berdimuhamedow mag helle Farben", sagt der TIHR-Chef. Daher würden auch die traditionellen turkmenischen Teppiche nun nicht mehr in Dunkelrot, sondern in hellen Farben hergestellt. "Und die Polizei nutzt diese Macke aus, um mehr Geldstrafen einzutreiben", berichtet Farid Tuchbatullin. Die Menschen, geprüft durch bittere Erfahrungen, würden sich daher nun beeilen, ihre Autos in Kleinstädte zu verkaufen oder eine Werkstatt fürs Umlackieren zu finden.

"Wenn eine entsprechende Anordnung in Kraft tritt, werden sich die Preise verdoppeln und verdreifachen", so Tuchbatullin. Dem Menschenrechtler zufolge profitieren von dem plötzlichen Auftragsboom vor allem Werkstätten, die meistens Personen aus dem Umfeld des Staatschefs gehören. Ein teures Vergnügen.

Traditionelle turkmenische Teppiche im nationales Teppich-Museum in Ashgabat (Imago Images/C. Bradley)

Traditionelle turkmenische Teppiche: Bald nicht mehr in Dunkelrot?

"Ein Auto neu zu lackieren ist nicht billig", sagt Oppositionspolitiker Hanamow. Die Werkstätten hätten angesichts der großen Nachfrage schon jetzt die Preise erhöht. "Für viele, die keinen festen Arbeitsplatz haben, ist ihr Auto die einzige Einnahmequelle - als Taxi oder Transporter. Ein solches Verbot trifft das Budget vieler Familien hart", so Hanamow. Daher sei diese "Macke" des Präsidenten alles andere als harmlos.

Die bekanntesten Verrücktheiten in Turkmenistan

Die Menschen in Turkmenistan mussten schon so manche Eigenarten ihrer Herrscher ertragen. Beispielsweise befahl der erste Präsident Nijasow, die Bezeichnungen für Monate und Wochentage zu ändern. So wurde der Januar nach ihm selbst benannt, der März nach seiner Mutter und der September nach dem von ihm verfassten Buch "Ruhnama" - eine Vermengung von Geschichte, Verhaltensregeln und Lobpreisungen, die dem Personenkult um Nijasow dienten.

Vor Studenten hatte Nijasow einmal gesagt, Turkmenen sollten sich keine Goldkronen ins Gebiss einsetzen lassen, was in diesem Land ziemlich populär war. Hunde würden an Knochen nagen, gesunde Zähne haben und sich auch keine Goldkronen einsetzen lassen, so der erste Präsident. Danach gab es bei Zahnärzten für die Turkmenen keine Goldkronen mehr, und Angestellte im öffentlichen Dienst begannen, sie schnell entfernen zu lassen.

Denkmal für Saparmurat Nijasow in Aschgabat (picture-alliance/dpa/S. Fuchs)

Nijasow-Denkmal in Aschgabat: Umbenennung der Wochentage, Abschaffung der Rente

"Es gab noch andere Anordnungen, die normale Menschen außerhalb Turkmenistans nicht nachvollziehen konnten", erinnert sich Nurmuhammet Hanamow. Darunter die Schließung des Zirkus, der Akademie der Wissenschaften, die Abschaffung der Renten mit der Begründung, dass ältere Menschen traditionell von ihren Kindern versorgt werden sollten. Oder die Regel, wonach eine Turkmenin nur dann einen Ausländer heiraten dürfe, wenn dieser im Lande ein Konto eröffnet und dort 50.000 Dollar einzahlt.

Eine Frage des Klimas?

Als Gurbanguly Berdimuhamedow 2007 die Macht übernahm, ließ er einige der Verrücktheiten seines Vorgängers Nijasow wieder abschaffen. So gab Berdimuhamedow den Monaten und Wochentagen ihre alten Namen zurück und den Bürgern ihre Renten. "Aber auch er hat genug eigene Macken - wie die Farben von Autos", unterstreicht Nurmuhammet Hanamow.

Der Oppositionelle sagte, Anhänger des Präsidenten würden behaupten, der Wunsch nach hellen Autos sei auf das heiße Klima des Landes zurückzuführen. Es sei gesünder, sich bei brennender Sonne in einem weißen Auto fortzubewegen.

"Dieses Argument war berechtigt, als es noch keine Klimaanlagen in Autos gab. Ich glaube, dass bestimmte Leute mit dem Wunsch des Präsidenten, alles um sich herum in hellen Farben sehen zu wollen, nur Geld machen", sagte Farid Tuchbatullin. Ihm zufolge verfügt der Präsident übrigens über mehrere Autos, darunter auch helle. Doch nutzen würde er auch einen schwarzen SUV.

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