Venezuelas Hassliebe zum Dollar | Wirtschaft | DW | 20.11.2019
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Dollarisierung

Venezuelas Hassliebe zum Dollar

Für das sozialistische Regime in Caracas sind die USA das Böse schlechthin. Dass Präsident Maduro die Währung des Erzfeindes als Mittel im Kampf gegen die Krise preist, zeigt wie groß die Not im ölreichen OPEC-Land ist.

Was bedeutet es, wenn Venezuelas Präsident Nicolás Maduro den Zahlungsverkehr mit US-Dollars als "Sicherheitsventil" für sein krisengeschütteltes Land lobt? Wenn er davon spricht, der Greenback könnte seinem Land helfen, die durch die Sanktionen der USA ausgelöste Wirtschaftskrise zu überwinden? In erster Linie heißt das, dass ein Land einen wesentlichen Teil seiner Souveränität aufgibt und sich den währungspolitischen Entscheidungen von US-Regierung und US-Notenbank in Washington unterordnet. "Die Menschen in Lateinamerika betrachten ihre nationalen Währungen nach wie vor als ein Zeichen für Souveränität und Unabhängigkeit. Wenn man das eigene Geld aufgibt, wird das als Kniefall vor einer fremden Macht angesehen. Umso schlimmer, wenn es sich dabei um die Vereinigten Staaten handelt", bringt es Lateinamerika-Experte Mac Margolis in einem Kommentar für die Nachrichtenagentur Bloomberg auf den Punkt.

Venezuela Dollar (Getty Images/M. Delacroix)

Gehasst und geliebt: Ohne den "Yankee-Dollar" geht gar nichts in Venezuela

Die Dollarisierung sei die "monetäre nukleare Option" für ein Land, argumentiert Margolis, der letzte Ausweg, wenn alle anderen Instrumente der Krisenbewältigung nicht mehr funktionieren. Das sei einer der Gründe, warum in nur knapp drei Dutzend Ländern weltweit der US-Dollar als offizielle Währung gilt und nur drei davon in Lateinamerika sind. Ganz offiziell haben nämlich nur Ecuador, El Salvador und Panama den US-Dollar als Währung übernommen und dafür ihre eigenen Währungen aufgegeben.

Schleichende Dollarisierung

Soweit sei es in Venezuela noch nicht, glaubt der Ökonom Luis Vicente León, Direktor des Marktforschungsunternehmens Datanalysis in Caracas im Gespräch mit der DW. Obwohl die Landeswährung Bolivar durch die Hyperinflation nur noch ein Zombiedasein fristet, wurden nach seinen Berechnungen im Oktober 2019 "nur" etwa 54 Prozent aller Transaktionen mit Waren und Dienstleistungen in Venezuela in Fremdwährungen abgewickelt. Im Vergleich zur Zeit vor der Verschärfung der Wirtschaftskrise im Jahr 2012 hat sich der Gebrauch von ausländischen Währungen beim Austausch von Waren und Dienstleistungen damit allerdings mehr als verzehnfacht.

Auch in den meisten anderen Ländern der Region vertrauen die Menschen, die es sich leisten können, traditionell dem US-Dollar, wenn es um die Absicherung gegen Inflation und Geldentwertung geht. Auch in der aktuellen schweren Krise in Argentinien schielen die Menschen Tag für Tag auf den Dollar-Kurs, um abschätzen zu können, was sie sich überhaupt noch leisten können.

Venezuela - Venezuela startet eigene Kryptowährung Petro - Präsident Maduo (Reuters/M. Bello)

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Kennzahlen aus dem Horror-Kabinett

Dass sich die katastrophale Lage für die Menschen in Venezuela aber durch den Einsatz des US-Dollars verbessert oder damit die Wirtschaftskrise überwunden werden kann, wie Maduro behauptet, ist mehr als fraglich. Denn die volkswirtschaftlichen Eckdaten muten an wie der Blick ins Horror-Kabinett: Der Leiter der Lateinamerika-Abteilung beim Internationalen Währungsfonds, Alejandro Werner, geht davon aus, dass sich in Venezuela die wirtschaftliche und humanitäre Krise weiter verschärft. "Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird 2019 voraussichtlich um 35 Prozent sinken, so dass der geschätzte kumulative Rückgang seit 2013 auf über 60 Prozent steigt." Mit anderen Worten: Seit 2013 ist die Volkswirtschaft des Landes um mehr als die Hälfte geschrumpft.  Der Absturz der Landeswährung Bolivar, die in diesem Jahr bereits rund 90 Prozent ihres Wertes verloren hat, dürfte dem entsprechend weitergehen:  Die Hyperinflation, so schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF), wird sich von 200.000 Prozent in diesem Jahr auf 500.000 Prozent im Jahr 2020 mehr als verdoppeln.

Gold und Metallschrott gegen Devisen

Seit Monaten versuchen die Machthaber in Caracas, auch noch die letzten Reserven flüssig zu machen, um an Devisen zu kommen: Goldbestände wurden an die Türkei und andere Länder verkauft, die damit offen die US-Sanktionen gegen das Maduro-Regime unterlaufen. Zuletzt ging sogar eine große Ladung von Schrott und Altmetallen auf die lange Schiffsreise nach Istanbul.

Trotzdem hat Präsident Maduro zuletzt bekräftigt, dass der Bolivar auch in Zukunft die offizielle Währung Venezuelas bleiben wird. Was man mit den Banknoten, die das Porträt des Unabhängigkeitshelden Simon Bolivar zeigen, aber noch kaufen kann - das hat der Präsident nicht erwähnt. Zudem hatte Maduro im Februar 2018 eine  Kryptowährung namens Petro  an den Start gebracht, um unabhängiger vom US-Dollar zu werden. Aber auch dieses Projekt war alles andere als ein Erfolg. 

Italien: Ricardo Hausmann (picture-alliance/AP/M. Bazzi)

Berät Oppositionsführer Guaidó: Harvard-Ökonom Ricardo Hausmann

"Taxifahrer ohne Benzin"

Der venezolanische Ökonom Ricardo Hausmann, der an der US-Universität Harvard lehrt und den vom Westen unterstützten Oppositionsführer Juan Guaidó berät, vergleicht die Situation seines Heimatlandes mit einem Taxifahrer, der zwar ein Auto, aber kein Benzin hat. Um die Wirtschaft anzukurbeln, setzt er auf eine Öffnung des Erdölsektors für ausländische Investoren, um wieder Devisen ins Land zu bekommen. Eine Dollarisierung des Landes sieht Hausmann dagegen skeptisch.

Der Harvard-Ökonom ging Anfang 2019 davon aus, dass Venezuela außerdem ein IWF-Hilfspaket von mindestens 60 Milliarden US-Dollar brauche, um die Wirtschaft des Landes wieder einigermaßen flott zu kriegen. Mittlerweile dürfte diese Summe nicht mehr ausreichen.

Mitarbeit: Ricardo Rojas-Rondón

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