Venezuela und die USA: Vom Freund zum Feind | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 27.01.2019
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Geschichte

Venezuela und die USA: Vom Freund zum Feind

Nachdem Venezuelas Präsident Nicolás Maduro die diplomatischen Beziehungen zu den USA abgebrochen hat, ist das Verhältnis zwischen Washington und Caracas so eisig wie nie zuvor. Doch es hat auch andere Zeiten gegeben.

Zwischen Washington und Caracas herrscht schon seit der Wahl von Hugo Chávez vor mehr als 20 Jahren Zwietracht. Dabei verband die USA lange mehr mit Venezuela als mit dessen Nachbarländern.

Frühe Geschäftspartner

Anfang des 20. Jahrhunderts machte etwa der Diktator Juan Vincente Gomez US-amerikanischen Ölkonzernen großzügige Zugeständnisse - und legte damit den Grundstein für das, was später das Rückgrat der venezolanischen Wirtschaft werden sollte. Diese Geschäftsbeziehung blieb über Jahrzehnte bestehen, auch als Venezuela seine eigene Erdölgesellschaft PDVSA gründete und spätere US-Regierungen versuchten, noch stärker vom Ressourcenreichtum des Landes zu profitieren.

Die US-freundliche Politik trug nicht zuletzt dazu bei, dass Venezuela im Gegensatz zu anderen lateinamerikanischen Ländern wie etwa Guatemala und Chile US-Interventionen entging.

Das Gegenteil von Kuba

Am 23. Januar 1958 stürzte ein Putsch die rechte Militärdiktatur; die damals aufkeimende demokratische Bewegung Venezuelas erstarkte. Die neue politische Führung strebte - inspiriert durch einen Aufenthalt in den USA und die Begegnung mit dem dortigen demokratischen System - den Aufbau einer gemäßigten Regierung an.

Ölverschmutzung in Venezuela (picture-alliance/dpa/R. Pena)

Venezuela hat die größten Erdölreserven der Welt, fördert aber seit Jahren immer weniger

Washington empfand den Übergang von Diktatur zu Demokratie in Caracas als sanft, vor allem, weil die politischen Entwicklungen keine Auswirkungen auf die Erdölgeschäfte der beiden Länder hatten.

Nur ein Jahr später wurde die Region von der kubanischen Revolution erschüttert. Im Zuge der Ereignisse auf dem Inselstaat rückten Venezuela und die USA noch enger zusammen: Während Kuba unter Fidel Castro in der Sowjetunion ein Vor- und in den USA ein Feindbild sah, wurde Venezuela für die USA zum Musterbeispiel für einen Staat, in dem Demokratie, Freiheit und wirtschaftlicher Fortschritt ohne Sozialismus gedeihen konnten.

Anti-Amerikanismus unter Chávez

Erst Hugo Chávez sollte die politischen Beziehungen zwischen den USA und Venezuela grundlegend verändern. Als Soldat hatte er den Auftrag, von Kuba unterstützte Guerilla-Kämpfer zu bekämpfen, die es auf die demokratisch gewählte Regierung des Landes abgesehen hatten. Der Kuba-Verehrer Chávez sah in den Rebellen jedoch Freiheitskämpfer.

In den 1980er Jahren belastete eine Schuldenkrise die ohnehin schon von Korruption geplagte venezolanische Demokratie. Als die politische Führung sich auf von Washington auferlegte Sparpakete auf Kosten der Bevölkerung einließ, wandte sich Chávez gegen das Establishment.

Sein letztlich gescheiterter Putschversuch von 1992 traf bei der Bevölkerung einen Nerv. 1998 gewann Chávez die Präsidentschaftswahl. Schon bald wandte er sich gegen die USA und die Ölindustrie.

George W. Bush: "Der Teufel"

Venezuelas enge Beziehungen zu Kuba unter Chávez belasteten das Verhältnis zu Washington zunehmend. Im Jahr 2002 scheiterte ein Putschversuch gegen Chávez. Auslöser war der Protest in Form eines Generalstreiks gegen die Versuche Chávez', die venezolanische Ölindustrie stärker zu kontrollieren.

Venezuela Wirtschaftskrise (Getty Images/AFP/F. Parra)

Der von 1999 bis 2013 regierende Hugo Chávez spaltete mit seiner kontroversen Politik die internationale Gemeinschaft

Danach trieb er die Verstaatlichung der Ölindustrie noch stärker voran und bezichtigte die USA und deren Auslandsgeheimdienst CIA, in den Putschversuch verwickelt gewesen zu sein. 

In den darauffolgenden Jahren trieb er seinen Anti-Amerikanismus auf die Spitze. Der Konfrontationskurs kulminierte in einer Rede vor den Vereinten Nationen, in der er US-Präsident George W. Bush als "Teufel" bezeichnete. Chávez wurde zum Liebling der internationalen Linken und führte eine Koalition linker Regierungen in Lateinamerika an, die in Kuba einen Freund und in den USA einen Feind sahen.

Obama geht auf Abstand

Die Bush-Regierung antwortete mit offener Unterstützung der wachsenden Oppositionsbewegung in Venezuela. Chávez erfreute sich indes weiterhin massiver Beliebtheit bei der Bevölkerung, vor allem bei den Armen - auch wenn die Sorgen wuchsen, dass seine Regierung zunehmend undemokratischer werde.

Erst mit der Wahl von Barack Obama 2008 kam es zu einem Kurswechsel der Venezuela-Politik Washingtons. Zwar ging Obama nicht auf Chávez zu, aber die USA hielten sich aus dem Konflikt heraus und fuhren ihre Unterstützung für die Regierungsgegner in Caracas zurück.

Ära Maduro: Ein Land versinkt im Chaos

Zehn Jahre später sind die Karten gänzlich neu gemischt. Nicolás Maduro, Nachfolger des 2013 gestorbenen Cávez, entmachtete 2017 das von der Opposition geführte Parlament. Anfang Januar 2019 ließ er sich trotz massiver internationaler Proteste für eine zweite Amtszeit vereidigen. Eine Mehrheit der Opposition hatte die Wahl im vergangenen Mai boykottiert, zahlreiche Staaten erkannten das Ergebnis nicht an.

Unterdessen hält die tiefe Wirtschaftskrise, die die bisher größte Flüchtlingskrise in Lateinamerika ausgelöst hat, weiter an. Nach UN-Angaben sind seit 2014 rund drei Millionen Venezolaner wegen der desaströsen Versorgungslage ins Ausland geflohen. Bei Protesten gegen Maduro kommt es regelmäßig zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, allein 2017 kamen dabei mindestens 120 Menschen ums Leben.

Auch außerhalb seines eigenen Landes gelang es dem 56-Jährigen gelang nicht, an die Beliebtheit seines Vorgängers anzuknüpfen. Die früheren Verbündeten Venezuelas kamen ihm nach und nach abhanden, als dort Mitte-Rechts-Regierungen die Zügel übernahmen.

Mit Trump kehrt die Fehde zurück

In Washington hat Präsident Donald Trump den Konfrontationskurs gegenüber Caracas neu aufgelegt. Im Unterschied zu der Bush-Ära ist Venezuela dieses Mal allerdings isoliert.

Für die massiv geschwächte Opposition in Venezuela liegt die Entscheidung, die Unterstützung aus Washington anzunehmen, auf der Hand. Es ist kein Zufall, dass sich Juan Guaidó ausgerechnet am 23. Januar Übergangspräsidenten erklärte, dem Tag, an dem vor 61 Jahren die erste Generation von Demokraten in Venezuela den damaligen Diktator Marcos Pérez Jiménez stürzte - inspiriert und unterstützt von den USA. Zumindest aus Sicht der Opposition hat das, was die beiden Länder in der Vergangenheit verbunden hat, bis heute Bestand.

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