Venedig – entspannt, entschleunigt, einmalig! | DW Reise | DW | 01.09.2020
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Reise

Venedig – entspannt, entschleunigt, einmalig!

Die Touristen kommen wieder nach Venedig, aber viel weniger als in den letzten Jahren. Im Corona-Sommer sehnt sich die Stadt nach Besuchern, aber sucht auch neue Wege, jenseits des Massentourismus.

Die Besucherschlange vor dem Markusdom reicht schon wieder um die Ecke, bis zu den Fährbooten. Auf den ersten Blick sieht es fast aus wie immer. Aber nur einen Moment lang. Dann ist klar, die Menschen stehen nicht wie sonst dicht gedrängt, sondern mit Abstand. Venedig wirkt irgendwie aufgelockert, mitten im Hochsommer. Es fehlen die vielen Touristengruppen, die normalerweise den Markusplatz kreuzen. Und die Sicht ist frei auf den Dom und den Campanile, den alles überragenden Glockenturm. Endlich kann die Piazza in ihrer Schönheit wirken.

Italien Venedig

Der Markusdom ist auch im Corona-Sommer ein Besuchermagnet

Venedig sei geradezu "erschreckend leer", findet Ralf Müller aus Wuppertal, er besucht die Stadt zum dritten Mal. Gerade kommt er vom Lido, "ebenfalls leer". Dort hätten ihm die Restaurantbesitzer ihr Leid über fehlende Gäste geklagt. Andererseits genießt der passionierte Fotograf den anderen Blick auf die Sehenswürdigkeiten. "Man steht nicht einfach davor und knipst, sondern kann sich vertiefen", schwärmt er.

Deutsch hört man in diesen Tagen überall, etwas Französisch und natürlich Italienisch. Die Touristen aus den USA und China dürfen nach wie vor nicht einreisen. Dafür kommen viele Italiener für einen Kurzurlaub in die Lagunenstadt. Sie hätten sogar noch weniger Touristen erwartet, sagen  vier Besucher aus Verona einhellig, die an einem der Seitenarme des Canale Grande ihren vorabendlichen Aperol Spritz genießen. Stimmt, richtig leer ist es nicht. Seit der Grenzöffnung Anfang Juni steigen die Touristenzahlen wieder. Doch kein Vergleich zu den letzten Jahren.

Venedig stand kurz vor dem Kollaps

Mit 12 Millionen Übernachtungen und nochmal doppelt so vielen Tagesbesuchern stand Venedig kurz vor dem Kollaps. Astronomische Mieten und mangelnder Wohnraum, auch durch die inflationäre Ausbreitung von Airbnb, haben dazu geführt, dass die Einwohnerzahl auf 50.000 geschrumpft ist. 10.000 Venezianer haben die Altstadt verlassen. Bürgerinitiativen wie "Generazione 90" kämpfen seit Jahren für Mietraum und einen verträglichen Tourismus. Anfang Juli wollte die Stadt eine Touristenabgabe einführen, die zwischen drei und acht Euro kosten sollte. Doch nun, wo die Besucher fehlen, die Kreuzfahrtschiffe ausbleiben, hat man diese Regelung auf nächstes Jahr verschoben.

Boote liegen am Ufer des Canal Grande, Venedig, Italien

Ruhige Zeiten für den Canal Grande

"So eine Situation hatten wir noch nie", sagt Fabio Pilla, der seit vierzig Jahren als Gondoliere arbeitet. "Wir sind doppelt gestraft in Venedig. Erst die große Flut im Novemberund dann der Lockdown. Ich komme auf zehn Prozent von dem, was ich sonst verdiene." Viele Gondelstationen würden gar nicht mehr arbeiten. Den Job wechseln, nein, das käme nicht infrage. Und was könne er schon machen in einer Stadt, die hauptsächlich vom Tourismus abhängt.

Venedig ist eine lebendige Stadt

Das sei genau das Problem, meint Giovanni Leone. Der Architekt ist Vorsitzender der Initiative "DOVE". Ein Zusammenschluss von Geschäftsleuten, Handwerksbetrieben und Einwohnern von Dorsoduro, einem Viertel nahe der Universität. "Venedig ist eine lebendige Stadt", doch das sei vielen, selbst den Einheimischen kaum noch bewusst, angesichts der Touristenmassen in den letzten Jahren.

"Während des Lockdowns, wo wir uns nur in der unmittelbaren Nachbarschaft bewegt haben, wurde plötzlich deutlich, dass wir hier eigentlich alles haben, auch ohne Touristen", erzählt er, verschmitzt lächelnd. "Wir haben ein extrem gut ausgebautes schnelles Internet, warum motivieren wir nicht mehr junge Leute, nicht nur als Touristen zu kommen, sondern länger hier zu bleiben, in der digitalen comunity zu arbeiten." Mit der Inititative "DOVE" will er nicht nur den Zusammenhalt im Viertel stärken, es geht auch um einen Gegenentwurf zum Massentourismus.

Nur wenige Gäste sitzen in den Cafés auf dem Markusplatz, Venedig, Italien

Viel Platz in den Cafés an der Piazza San Marco

Slow-Tourismus als Alternative

"Venedig ist keine Theaterkulisse. Man sollte hierherkommen und sich einlassen, Menschen treffen und selbst erfahren, wie das Leben hier ist", sagt Luisella Romeo, eine charmante Venezianerin mit flottem Hütchen. Sie arbeitet als Stadtführerin und unterstützt "DOVE". Dorsoduro ist ihr Viertel, hier hat sie studiert und kennt jede Menge Leute, auch viele Kunsthandwerker, die kleine Läden und Arbeitsstätten haben. "Wenn ich die Touristen zu ihnen bringe, dann sind sie immer begeistert. Sie können mit den Einheimischen reden, die eine oder andere Technik, wie Glasbearbeitung ausprobieren." 

Luisella Romeo sieht das als eine Art "Slow Tourism", der beiden Seiten zugute kommt und das alteingessenene Kunsthandwerk aufwertet. Während des Lockdowns hat sie digitale Touren ausgearbeitet. Die waren so erfolgreich, dass sie diese weiterführt. "Im Moment geht sowieso alles etwas langsamer", sagt sie, aber "dafür können die Touristen die Stadt anders entdecken". Digital oder real.

Zurück zum Status Quo, mit Massen von Besuchern, will in diesem Viertel keiner. Selbst der Verkäufer aus Bangladesch, der in einem der "klassischen" Souvenirläden arbeitet, hat die Nase voll. Klar, er verkaufe sehr viel weniger, aber die Kreuzfahrttouristen, speziell die Chinesen, kämen rein, fotografierten und würden wieder gehen. Darauf könne er verzichten.

Geschlossene Geschäfte, nur vereinzelte Besucher auf der Rialtobrücke, Venedig, Italien

Die Rialtobrücke im Sommer 2020

Auf der Rialto-Brücke, einer der Hauptattraktionen in Venedig, ist die Stimmung anders. Normalerweise gibt es dort kein Durchkommen auf den Treppen der Brücke, jetzt kann man bequem hochlaufen und von beiden Seiten einen Blick auf den Canale Grande werfen. Doch einige Geschäfte auf der Brücke sind zu. Er wisse nicht, ob er das Jahr übersteht, sagt der Besitzer eines kleinen, aber qualitätvollen Schuhgeschäfts dort.

Auch bei den Hoteliers ist die Situation kritisch. Andrea Meanna führt ein kleines Hotel in der Nähe der Fährstation St.Toma. Eigentlich immer gut gebucht, seit der Öffnung Mitte Juli ist er mit den Preisen runtergegangen. "Wir verdienen 15 Prozent im Vergleich zum letzten Jahr", sagt er. Immerhin habe er noch ein Weingut und verkaufe Prosecco, aber das könne die Defizite nicht auffangen.

Wie es weitergehen soll? Nicht wie vorher, da ist er sich sicher. "Wir brauchen keine Kreuzfahrtschiffe, die bringen nichts, machen nur die Lagune kaputt." Von einer Art "Touristensteuer" hält er auch nichts. Venedig solle allen offen stehen, auch denen, die nicht viel Geld haben. Das größte Problem sei, dass ganz Venedig über Airbnb zu einer Art Hotel geworden sei. Das müsse man dringend ändern.

Dichtes Gedränge auf der Rialtobrücke, Venedig, Italien

Die Rialtobrücke im Sommer 2019

Venedig erfindet sich neu

Trotzdem sehnen sich alle wieder nach Touristen in Venedig, auch die Kulturinstitutionen. Die Museen haben immerhin wieder geöffnet, die Architektur-und Kunstbiennalen sind aufs nächste und übernächste Jahr verschoben worden. In den Giardini, dem Zentrum der Kunstbiennale, gibt es jetzt eine Ausstellung zur Geschichte aller Biennale-Sektionen, Kunst, Architektur, Tanz, Film. Und jeden Tag Führungen zu Geschichte und Architektur der Länderpavillons. Die sind gut gebucht. Solch einen freien Blick, ohne den Rummel, gibt es wohl nicht noch einmal. Venedig ist gerade dabei, sich neu zu erfinden, so scheint es. Zwischen Massentourismus und Slow-Down. Klar ist, Venedig ist dieses Jahr einmalig.

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