Vegane Ernährung: Gut für die Umwelt, schlecht für den Menschen? | Wissen & Umwelt | DW | 23.08.2016
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Wissen & Umwelt

Vegane Ernährung: Gut für die Umwelt, schlecht für den Menschen?

Viele argumentieren, dass die Reduzierung des Fleischkonsums für ein nachhaltigeres Leben nötig ist. Obwohl vegane Ernährung ein weltweiter Trend ist, bleibt sie kontrovers - vor allem wegen Gesundheitsbedenken.

In europäischen Ländern ist Veganismus schon zu einem eigenen Lebensstil geworden, praktiziert von immer mehr Menschen - von jungen Hipstern bis hin zu großen Familien.

Neben ethischen Bedenken bezüglich des Tötens von Tieren nennen Veganer auch bessere Gesundheit und einen reduzierten ökologischen Fußabdruck als Argumente.

In diesem Kontext sind die Zahlen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) nicht überraschend: Der Sektor der Nutztierhaltung macht rund 15 Prozent der vom Menschen ausgestoßenen Treibhausgas-Emissionen weltweit aus. Und die globale Nachfrage für Tierprodukte könnte um 70 Prozent steigen, wenn, wie erwartet, die weltweite Bevölkerung auf 9,6 Milliarden bis 2050 steigt.

Aber nicht jeder will diesem wachsenden Trend folgen. Kritiker warnen vor möglicher schädlicher Auswirkungen der veganen Ernährung auf die Gesundheit.

Elvira Savino, eine italienische Parlamentsabgeordnete, hat vor kurzem die Debatte wieder angefeuert. Savino legte einen Gesetzgebungsvorschlag vor, nachdem es mehrere Fälle von Mangelernährung bei Kindern, die sich vegan ernährt hatten, in ihrem Land gegeben hatte. Sie ist der Meinung, dass Eltern, die ihren Kinder nur vegane Lebensmittel gäben, mit bis zu vier Jahren Gefängnis bestraft werden sollten.

In der Zwischenzeit werben Umwelt- und Tierschutzorganisationen wie Humane Society International für die Vorteile des Veganismus. Und sie ermutigen Regierungen dazu, Entwicklungen und Trends bis hin zu einer Pflanzen-basierten Ernährung zu unterstützen.

Veganer Burger (Foto: Imago).

In Europa schießen vegane Restaurants und Shops wie Pilze aus dem Boden

Ist vegane Ernährung für jeden geeignet?

Savino argumentiert, dass eine Ernährung ohne tierische Proteine zum Mangel an Eisen und Vitamin B12 führen könne. Das habe neurologische Probleme und Blutarmut zur Folge. Tatsächlich warnt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), dass vegane Ernährung für Kinder und Jugendliche nicht geeignet sei, da Vitaminmangel ihre Entwicklung beeinträchtigt.

Georg Keckl, Co-Autor des Buchs "Don't Go veggie!", sagt gegenüber der DW, dass eine vegane Ernährung Menschen abhängig von gentechnisch-veränderten Lebensmittel mache. Dies seien etwa Vitamin B12-Ergänzungsmittel. Auch müssten Veganer medizinisch enger überwacht werden.

Die Vegan Society stimmt zu, dass ein B12-Mangel zu Blutarmut und Schäden am Nervensystem führen kann, insbesondere bei Stillkindern und veganen Müttern. Die einzig verlässliche vegane Quelle für B12 sind Nahrungsmittel, die mit B12 und B12-Ergänzungsmitteln angereichert sind.

Veganer entgegnen jedoch, dass eine Pflanzen-basierte Ernährung für jeden machbar ist, einschließlich für Kinder und schwangere und stillende Frauen. Vegane Aktivisten nennen den Gesetzgebungsentwurf von Savino eine Überreaktion auf Grundlage eines Einzelfalls.

"Der Fall in Italien war ein einzelner Vorfall, der grundsätzlich nichts mit veganer Ernährung zu tun hat, die alle benötigten Nährstoffe beinhaltet, um in jedem Alter gesund aufzuwachsen", sagt Jimmy Pierson, Pressesprecher der Vegan Society, der DW.

Zwei Köche posieren für ein Foto in veganem Restaurant in Berlin (Foto: DW).

Berlin ist zum einem Nährboden für Veganismus geworden

Eine neue Ernährung erfordert Wissen

Humane Society International hebt hervor, wie wichtig ein starkes Bewusstsein und öffentliche Information für eine gesunde Umstellung auf eine Pflanzen-basierte Ernährung sei.

"Es ist unerlässlich, dass jemand, der über eine vegane Ernährung nachdenkt, sich ausreichend darüber informiert, denn man kann nicht einfach eine Lebensmittelgruppe herausstreichen und sie nicht mit gleichwertigen Nährstoffen ersetzen", erklärt Alexandra Clark, Aktivistin für nachhaltiges Essen von Humane Society International.

Michal Greger ist ein international anerkannter Referent zu Gesundheitsthemen. Er glaubt, dass die meisten Menschen weiter Fleisch essen, trotz jahrzehntelanger Unterstützung der Wissenschaft für die Reduzierung des Konsums von tierischen Proteinen. Dies trage wegen des Mangels zu Erkrankungen bei.

"Es ist wie vor 50 Jahren: 'Oh, warte kurz! Wenn klar ist, dass Rauchen mit Lungenkrebs verbunden ist, warum rauchen dann die meisten Menschen? Warum rauchen sogar Ärzte?'", erzählt Greger der DW zum Vergleich.

"Zu dieser Zeit haben die Menschen gedacht: 'Wie kann etwas so normales, dass deine Eltern machen, dass dein Arzt macht, wie kann dass schlecht sein?' Und jetzt haben wir genau die gleiche Situation."

Wer soll verantwortlich sein?

Bei der Debatte, die Savino angestoßen hat, geht es nicht nur um die Frage: 'vegan oder nicht-vegan,' sondern auch darum, wer für die Ernährung eines Kindes verantwortlich ist.

Keckl unterstützt die Idee, dass Eltern, die ihren Kindern eine rein vegane Ernährung bieten, eine Form der Kindesmisshandlung begehen. Doch andere Experten sagten, dass Eltern frei entscheiden sollen, welche Ernährung sie für ihre Kinder wählen. Eine schädliche Ernährungspraxis solle aber in jedem Fall eine Bestrafung nach sich ziehen. Das könne dann aber auch etwa eine ungesunde zucker- und fetthaltige Ernährung sein, die zu Fettleibigkeit führt.

"Es gibt tausende Fälle von Mangelernährung alleine in Großbritannien, aber die Medien haben sich entschieden, diesen einen Fall der veganen Familie in Italien hervorzuheben. Wir finden das ziemlich enttäuschend", sagt Pierson.

Im weiteren Sinne seien Regierungen Schuld. "Regierungen sollten gesunde und nachhaltige Ernährungsformen fördern, doch sie haben Angst, dass das zu Protesten in der Bevölkerung führt", sagt Clark von Humane Society International. Ihre Gruppe unterstützt eine Pflanzen-basierte Ernährung.

Peta-Aktivistin Laura Daulton liegt nackt auf einem Teller als Speise garniert (Foto: picture-alliance/dpa/N.Carson).

PETA fordert Fleisch sollte besteuert werden wie Tabak oder Alkohol

Die Tierrechtsorganisation PETA fordert, dass Fleisch und alle verarbeiteten Fleischprodukte höher besteuert werden sollten, erklärt Felicitas Kitali, Expertin für Ernährung von PETA Deutschland. Die Gruppe setzt sich zudem für einen detaillierten Ernährungsunterricht in der Schule ein.

Trotz ihres Optimismus ist sich Clark der Herausforderungen für Veganer bewusst. "Eine Umstellung auf eine vegane Ernährung ist absolut möglich - aber es braucht Zeit", sagt sie und fügt hinzu: "Wir müssen erst einmal veganes Essen attraktiv machen, oder sogar noch attraktiver, als eine Fleisch-basierte Ernährung."

Für Pierson besteht die größte Herausforderung darin, den richtigen Weg zu finden, Viehfarmer von der Nutztierhaltung auf den Anbau von Nutzpflanzen zu überzeugen. Das würde sicher erfordern, neue Fähigkeiten zu erlernen und finanzielle Unterstützung zu finden, so Pierson.

Vorerst bleiben Meinungen über die richtige Ernährung so vielfältig wie die Speisen auf der ganzen Welt.

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