Vatikan lädt erstmals zum ″Tag der offenen Katakomben″ | Kultur | DW | 13.10.2018
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Aktionstag in Roms Katakomben

Vatikan lädt erstmals zum "Tag der offenen Katakomben"

Sie sind unheimlich und faszinierend zugleich: die Katakomben von Rom. Nun können Besucher der Ewigen Stadt im Rahmen eines Aktionstages die unterirdische Stadt der Toten besuchen - der Vatikan bittet zum Abstieg.

Einmal abtauchen, Richtung Unterwelt, kostenlos und dabei von Menschen mit Fachkenntnis geführt werden - am 13. Oktober 2018 ist das möglich. Dann lädt die Päpstliche Kommission für religiöse Archäologie erstmals zu einem "Tag der offenen Katakomben". Das Motto: "Vom Dunkel ans Licht". Mehr als 60 dieser unterirdischen Begräbnisstätten gibt es, von denen jedoch längst nicht alle begehbar sind. Das Anliegen des Vatikan sei es, ein "vielen noch unbekanntes Kulturerbe besser zugänglich zu machen", wie es in einer eigenen Mitteilung heißt.

Am 13. Oktober sind nicht nur zahlreiche der antiken römischen Grabstätten geöffnet. Neben den kostenlosen Führungen wird es auch Ausstellungen, Lesungen und Konzerte geben sowie ein Expertengespräch zum Thema "Schutz, Bewahrung und Vermittlung kulturellen Erbes". Ein überaus vielseitiges Programm, mit dem die katholische Kirche erklärtermaßen zum Europäischen Kulturerbe-Jahr beitragen möchte. Denn die Bürger der italienischen Hauptstadt und auch die zig Millionen Besucher sind vermutlich zuerst fixiert auf das oberirdische Kulturerbe des antiken Rom, mit Forum Romanum, Pantheon oder Kolosseum.

Ein Heiligenbildnis (Getty Images/AFP/A. Solaro)

Das Heiligenbildnis ist in den Domitilla Katakomben zu sehen

Dabei ist das, was an Schätzen verborgen unter der Erde im Dunkel schlummert, vielleicht ebenso spektakulär: eine unterirdische Stadt der Toten mit gewaltigen Grabanlagen, Familiengräbern, Grabkammern, einfachen Grabnischen oder Senkgräbern. Während die großen Grabkammern am reichsten ausgestattet und mit aufwendigen Wandmalereien verziert waren, boten die einfachsten und gebräuchlichsten Nischengräber in den Wänden in der Regel zumindest eine individuell gestaltete Abschlussplatte. Die ermöglichte es den Hinterbliebenen, das Grab eines Verstorbenen wiederzufinden.

Wandel in der Bestattungskultur

Dass es die Katakomben so, wie wir sie heute kennen, überhaupt gibt, ist vor allem einem Wandel in der Bestattungskultur zu verdanken. Bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. überwog in der römischen Antike die aus dem Hellenismus übernommene Urnenbestattung. Schon seit dem Jahr 450 v. Chr. war gesetzlich festgeschrieben, dass nur außerhalb der Stadtmauern bestattet werden durfte. Entlang der wichtigen Ausfallstraßen der Stadt wie der Via Appia Antica erstreckten sich riesige Gräberfelder. Auch auf den Friedhöfen zeigten die Römer ihre Baukunst, denn es gab, je nach gesellschaftlichem Stand, schmucke Grabdenkmäler und sogar überdimensionale Grabmonumente - allerdings auch die eher schlichten unterirdischen Nischengräber. All das benötigte Platz.

Ein Mann geht durch Katakomben, an den Wänden sind Nischengräber (Getty Images/AFP/A. Solaro)

Wer sich kein aufwendiges Grabmal leisten konnte, wurde im Nischengrab bestattet

Mit der Zeit wurde selbst dieser Platz immer knapper, auch deshalb, weil Verstorbene nicht mehr verbrannt, sondern ihre Körper bestattet wurden. Ein gesellschaftlicher Wandel, den die abendländischen Kulturen gerade in umgekehrter Weise in der Bestattungskultur vornehmen. Weil die Gräberfelder im Laufe der Zeit immer dichter belegt wurden, fehlte irgendwann oberirdische Fläche. Also wurden die Toten notgedrungen unterirdisch begraben.

Ein weiteres römisches Gesetz legte fest, dass die Grundstücksgröße auch unter der Erdoberfläche eingehalten werden musste. Weil der Ausdehnung der Grabstätten auch dort Grenzen gesetzt waren, gab es vor allem Probleme bei großen Familiengrabanlagen. Die Folge: Man grub oft mehrere Stockwerke tief, legte Kammern an, die durch Gänge miteinander verbunden wurden. In den Flächen der Wände entstanden vertikal angeordnete Grabnischen nach einheitlichem Schema, dazwischen immer wieder Luft- und Lichtschächte. All das erledigten die "fossores", also die Gräber oder Totengräber. Bei denen kauften die Römer schon zu Lebzeiten ihren persönlichen Ruheplatz. Das weiche vulkanische Tuffgestein der Region erleichterte das Graben. Auf diese Weise entstand das heute bekannte Katakombensystem als unterirdischer Friedhof - gewissermaßen eine "archäologische Schichttorte".

Keine christliche Erfindung

Ein Mann betrachtet ein von einem Bogen überwölbtes Grab in den Domitilla Katakomben(Getty Images/AFP/A. Solaro)

Ein von einem Bogen überwölbtes Grab in den Domitilla Katakomben. Meistens wurde eine Katakombe nach ihrem Stifter oder dem Grundstückseigentümer benannt.

Heute weiß man: Körperbestattung praktizierten bereits in vorchristlicher Zeit die in Rom lebenden Juden. Sie bevorzugten dazu Katakomben; bisher wurden sechs davon entdeckt. Den jüdischen Brauch übernahm im 2. Jahrhundert n. Chr. die damals stark verfolgte Minderheit der Christen. Zuvor waren sie gezwungen gewesen, ihre Verstorbenen auf den öffentlichen heidnischen Friedhöfen zu bestatten. Nun bevorzugten sie die öffentlichen Katakomben, weil es ihnen nicht möglich war, eigene Grundstücke für die Bestattung ihrer Toten zu erwerben oder zu besitzen. Für die Christen war das Grab bedeutsam, weil sie darin den Ort sahen, an dem sie einst von den Toten auferstehen würden.

Auch Apostel, Märtyrer und berühmte Kirchenväter fanden ihre Ruhestätte in den Katakomben. Ihre Gräber wurden zum Anziehungspunkt für die verfolgten Glaubensgeschwister. Hier feierten sie Gottesdienste und gedachten dieser Heiligen auf vielfältige Weise. Besonders begehrt waren darum auch Gräber in der Nähe dieser verstorbenen Glaubensvorbilder.

Dei fornai - der Raum der Bäcker. (REUTERS/R. Casili)

"Dei fornai" - der Raum der Bäcker

Zahlreiche ältere Spielfilme, in denen es um die Entstehung des Christentums geht, suggerieren, dass sich die frühe Christengemeinde aus Angst vor Verfolgung im Untergrund der Katakomben traf. Inzwischen ist die Wissenschaft aber davon überzeugt, dass diese besonderen Formen von Ehrerbietung gegenüber den Heiligen Ursache für das Entstehen dieser speziellen Untergrundkirche war. Es waren also religiöse Gründe und keineswegs die Furcht vor Verfolgung und Tod. Für ein Geheimversteck, so die gängige Wissenschaftsmeinung, seien die Katakomben ohnehin zu öffentlich gewesen. Auch Dunkelheit und schlechte Luft wegen der Verwesungsprozesse hätten einen dauernden Aufenthalt dort unmöglich gemacht.

Vergessen und wieder entdeckt

Als das Mailänder Edikt im Jahr 323 die Christenverfolgung beendete, war es nicht mehr nötig, die Katakomben weiter auszubauen. Nun durfte auch die inzwischen stark angewachsene Zahl der Christen Grundstücke erwerben, um darauf Gebetsstätten, Versammlungsorte oder Friedhöfe zu errichten.

Bei der Plünderung Roms durch die Westgoten im Jahr 410 wurden auch erste Katakomben zerstört. Gut 400 Jahre danach weitere bei den Überfällen der Langobarden. Die Stadt der Toten verlor weiter an Bedeutung, als schließlich Beisetzungen wieder innerhalb der Stadtmauern erlaubt wurden.

Dazu, dass die Katakomben zunehmend in Vergessenheit gerieten, trug in erheblichem Maß auch bei, dass die Päpste im 8. und 9. Jahrhundert die Reliquien der Märtyrer aus den Katakomben in die Kirchen Roms überführten. Damit gab es auch kaum noch einen religiösen Grund, in die Unterwelt hinab zu steigen.

Bemalte Grabkammer der Flavier in den Domitilla-Katakomben (picture-alliance/AP Photo/A. Medichini)

Grabkammer der Flavier in den Domitilla-Katakomben

Die Katakomben blieben in den folgenden Jahrhunderten sich selbst überlassen, manche Teile verfielen oder wurden von Erdrutschen zerstört. Bis auf einige wenige Ausnahmen waren die Katakomben im Mittelalter nicht mehr zugänglich. Ihre Wiederentdeckung und erste zaghafte Versuche einer wissenschaftlichen Erforschung begannen Ende des 16. Jahrhunderts - vor allem durch den Italiener Antonio Bosio (1575-1629). Die systematische Erforschung startete im 19. Jahrhundert durch den italienischen Archäologen Battista de Rossi (1822-1894).

"Tag der offenen Katakomben" nur Auftakt

Obwohl noch immer nicht alle Teile zugänglich sind, bietet sich heute ein opulentes Gesamtbild der römischen Katakomben. Erst 2017 waren nach jahrelanger Restaurierung die Domitilla-Katakomben wieder für die Öffentlichkeit freigegeben worden - samt 82 dabei entdeckter Malereien aus dem 3. und 4. Jahrhundert. Das Deutsche Archäologische Institut fertigte eine dreidimensionale digitale Rekonstruktion der unterirdischen Grabanlage nahe der Via Ardeatina an. Die Domitilla-Katakomben sind vermutlich die größten Roms. Sie erstrecken sich auf vier Etagen über zehn Hektar. Die zwölf Kilometer langen Gänge beherbergen 26.250 Gräber.

Wie die Päpstliche Kommission für religiöse Archäologie ankündigt, werden auch die Katakomben San Callisto, San Sebastiano, ebenso die Basilica dei Martiri Greci und die "Spelunca Magna" der Praetextatus-Katakombe zu besichtigen sein.

Dem "Tag der offenen Katakomben" in Rom entsprechend, kündigen die Veranstalter für 2019 ähnliche Angebote auch für andere Städte Italiens an. Es geht also weiter mit der Vermittlung dieses unheimlichen wie faszinierenden Kulturerbes.

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