Völlig losgelöst? Start der Sirius-Simulation | Wissen & Umwelt | DW | 19.03.2019
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Raumfahrt

Völlig losgelöst? Start der Sirius-Simulation

Sechs Russen und Amerikaner leben ab sofort in einem "Mond-Raumschiff" in Russland. Abgeschottet vor der Außenwelt sind sie Teil eines Langzeitexperiments. Aus Moskau Juri Rescheto.

Russladn Moskau - Virtuelle Reise zum Mond - Langzeitexperiment in Moskau begonnen (picture-alliance/dpa/DLR/IBMP)

Sirius-Crew: Reinhold Povilaitis (USA), Daria Zhidowa (Russland), Allen Mirkadyrov (USA), Stephania Fedeye (Russland)

"Die Stufen im Treppenhaus sind ihre letzten Kraftanstrengungen", scherzt Mark Belakowskij, Hauptmanager des SIRIUS. Die Stufen ins achte Stockwerk steigen die Mitglieder der russisch-amerikanischen Crew zu Fuß, ohne Fahrstuhl. "Bald werden die Kollegen das Laufen vermissen", lacht der Moderator ihrer Pressekonferenz vor dem Start.

In wenigen Minuten werden drei Männer und drei Frauen aus den USA und Russland in einem "Mond-Raumschiff" eingesperrt. Für vier Monate. Das ist lang. Sehr lang. Ihr "Mond-Raumschiff" steht in einer Riesenhalle. Dort bleibt es auch nach dem "Start". Die Halle ist auf dem Gelände einer Forschungsstätte mit dem komplizierten Titel "Institut für Biologische und Medizinische Probleme", kurz IBMP. Wir sind in einer Plattenbausiedlung im Moskauer Westen. Umgeben von Dutzenden Fernsehteams aus aller Welt. Die Stimmung: zwischen Neugier auf das Projekt und Melancholie eines Abschieds.

"Kosmonauten" unter Beobachtung

Das Projekt umfasst Leben und Forschen in vier holzverkleideten Containern. Innendrin: Atmosphäre einer russischen Datscha oder eines deutschen Wohnwagens, Gelsenkirchener Barock. Doch was wie ein gemütliches Sommerhäuschen aussieht, ist in Wirklichkeit ein modernes Medizin- und Forschungslabor, in dem viele wissenschaftliche Experimente laufen sollen und medizinische Notfälle behandelt werden. Betten, Küche, Waschraum, Gemeinschaftsecke, Sportbereich bilden den Lebensmittelpunkt während der simulierten Mondreise. Big-Brother-Container? Ein bisschen schon. Denn die "Kosmonauten" stehen unter Beobachtung. 85 Kameras. In fast allen Räumen. Rund um die Uhr. Aber was ist daran überhaupt "mondig", wenn die Teilnehmer in den Containern nicht einmal in der Schwerelosigkeit sind?

"Mondig" ist diese Abgeschiedenheit" - erklärt Christian Rogon vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) im Gespräch mit der DW. Deutschland beteiligt sich am Projekt. Neben den USA, Russland, Frankreich, Italien und Weißrussland. "Der Fokus liegt auf dem Sozialen und Psychologischen. Aber auch auf anderen Sachen wie Mikrobiologie. Wie schaffen wir es zum Beispiel, die Oberflächen von Raumschiffen kontaminationsfrei zu halten?" Das letztere Problem liegt übrigens nicht in weiter Ferne, sondern hat schon jetzt einen praktischen Nutzen für die Internationale Raumstation ISS. Ihre Wände sind mit Keimen verschmutzt, die im Weltall entstanden sind und gefährlich für die Gesundheit der Astronauten sein könnten.

Wie die Wissenschaft vom Experiment profitiert

Jedes beteiligte Land hat seine eigenen Interessenschwerpunkte. Die deutschen Wissenschaftler wollen zum Beispiel neben den Beschichtungen im Kampf gegen Bakterien wissen, wie der Körper auf Schlaflosigkeit im Weltraum reagiert. Oder etwa, wie die Weltraumumgebung die Pilotenleistung von Astronauten beeinflusst, wenn sie irgendwo andocken. An einer russischen Mondorbitalstation zum Beispiel. Das kann auch die Autoindustrie interessieren. Ganz irdisch also. Schon jetzt.

Auf der Pressekonferenz vor dem Start müssen die sechs Männer und Frauen aber vor allem persönliche Fragen beantworten. Wie halten Sie es so lange ohne Familie aus? "Herrlich", scherzt der Kapitän Evgenij Tarelkin. "Endlich sind die uns los!" Was fürchten Sie am meisten? "Das Leben ohne heißes Wasser", seufzt die Ärztin Daria Zhidowa.

Russland Moskau - Reinhold Povilaitis der USA spricht zur Presse: Sirius-19 (picture-alliance/dpa/Sputnik/I. Pitalev)

Reinhold Povilaitis (USA) wird den Sport vermissen

"Kaum Sport", klagt der US-amerikanische Mondforscher Reinhold Povilaitis. "Und wie sieht dann Ihre Freizeit aus?" "Wir haben dann viel Spaß! Mit Gesellschaftsspielen, Musik und Filmen", freut sich der russische Kapitän.

Politik spielt keine Rolle

Die Co-Chefin des Projekt seitens der NASA Jennifer Fogarty wird gefragt, ob es Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit mit den Russen wegen der politischen Spannungen zwischen Russland und den USA gäbe. "Aber nein", beruhigt die Amerikanerin. "Unsere Weltraumagenturen arbeiten sehr erfolgreich zusammen, obwohl in beiden Ländern Präsidenten und Regierungen wechseln."

Für ein paar Stunden wird die politische Kälte in diesem warmen Pressezentrum des Instituts für Biologische und Medizinische Probleme vergessen. Genauso wie das fiese Moskauer Schneeregen draußen. Die sechs "Kosmonauten" kriegen aber davon eher nichts mehr mit. Die Luke hinter ihnen wird verschlossen. Jetzt leben sie auf dem "Mond".

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