USA und Deutschland uneins über Handelsstatistiken | Deutschland | DW | 11.06.2018
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Welthandel

USA und Deutschland uneins über Handelsstatistiken

Dass es der US-Präsident mit Fakten nicht so genau nimmt, hat der G7-Gipfel gezeigt. Trump teilte gegen die Europäer aus, jonglierte mit Zahlen zum Handelsdefizit. Aus Deutschland kommt Widerspruch - ebenfalls numerisch.

Es gibt wohl kaum etwas anderes, was US-Präsident Donald Trump so in Rage zu versetzen scheint, wie eine Debatte über das US-Handelsbilanzdefizit und die deutschen Exportüberschüsse. Ersichtlich wurde das beim zurückliegenden G7-Gipfel in Kanada, der durch Trumps Aufkündigung des Abschlussdokuments via Twitter zur Farce geriet. Und auch danach widmete sich der US-Präsident in einer Reihe wütender Kurznachrichten von Singapur aus vor allem einem Land: Deutschland.

Trump kennt die Zahlen der US-Statistiker nicht

Und die Wut des US-Präsidenten lässt sich dabei zumeist in Dollar-Zeichen bemessen. Er beschwerte sich darüber, dass die Europäische Union gegenüber den USA einen Handelsüberschuss von 151 Milliarden Dollar aufweise. Da bleibe doch viel Geld übrig, so Trump sinngemäß, weshalb die EU auch mehr fürs Militär und die NATO ausgeben solle. Schließlich trügen die USA fast die gesamten Kosten der NATO und schützten damit auch Länder, "die uns im Handel abzocken", so Trump weiter.

Ein Blick auf die Zahlen der US-Statistikbehörde zeigt jedoch, dass Trump oft und gerne mit Zahlen jongliert, die sich später als falsch oder zumindest irreführend herausgestellt haben. Interessanterweise liefern US-Behörden in diesem Fall Fakten, die den US-Präsidenten und seine Aussagen eindeutig widerlegen. So weist das US Census Bureau kein Handelsdefizit der USA gegenüber der EU von 151 Milliarden aus, sondern im Gegenteil einen US-Handelsüberschuss von 14 Milliarden US-Dollar. Und dieser Handelsbilanzüberschuss der USA gegenüber der EU ist - laut US-Statistikern - seit 2008 weitgehend unverändert.

"Es treffen unterschiedliche Geschäftsmodelle aufeinander"

Deutschland Berlin Flüchtlinge und Arbeitsmarkt Michael Hüther (DW/H. Kiesel)

Michael Hüther, Direktor beim IW Köln

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, beruft sich genau auf diese US-Zahlen, die alles andere als Trumps Rage gegenüber Deutschland erklären. Woher Trumps falscher Blick dennoch rührt, das glaubt der deutsche Ökonom verstanden zu haben. Im Interview mit der DW sagt er, Trumps manischer Blick auf die Handelsbilanzunterschiede sei als Vergleichsmaßstab "völlig wertlos". Er vergleiche Äpfel mit Birnen, ohne es zu merken. "Sie müssen sich den Handelsverkehr mit Waren anschauen, aber eben auch den Austausch von Dienstleistungen und Primäreinkommen." Als Primäreinkommen werden jene Einkünfte bezeichnet, die ein Land erzielt, weil es in einem anderen Land Wertpapiere hält oder dort Unternehmen arbeiten, die Profit zurücküberweisen. "Wenn sie das alles zusammen nehmen, haben die Amerikaner in ihrer Leistungsbilanz mit Europa genau diesen Überschuss von 14 Milliarden Dollar", sagt Hüther.

Was Donald Trump also bis heute noch nicht verstanden habe, schiebt der Ökonom hinterher, das sei ganz einfach, dass Europa und die USA unterschiedliche Geschäftsmodelle hätten. Europa sei spezialisiert auf den Export von Waren, die USA auf den Export von Dienstleistungen. "Also mit ein bisschen guten Willen kann man da eigentlich eine gemeinsame Faktenbasis finden", outet sich der deutsche Ökonom als Zweckoptimist.

Deutschland ist nicht die EU - ein Fallstrick

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Besonders gerne zitiert Donald Trump auch Zahlen des US-Wirtschaftsministeriums, wonach Deutschland 65 Milliarden US-Dollar mehr Waren in die USA verkauft als andersherum. Für Gabriel Felbermayr, Handelsexperte vom Münchner ifo-Institut, ist das ebenfalls eine Zahl ohne jede Aussagekraft. Der DW sagte er: "Es ist falsch, die Handelsbilanz eines EU-Landes gegenüber den USA herauszupicken. Die EU ist eine Zoll- und Handelsunion, weshalb die Mitglieder untereinander stark vernetzt sind." Der US-Handelsüberschuss mit den Niederlanden liege beispielsweise bei knapp 100 Milliarden US-Dollar, was vor allem daran liege, dass US-Internetgiganten dort aus steuerlichen Gründen ihre Europazentralen hätten. Der Hauptumsatz werde allerdings in Deutschland gemacht, erklärt Felbermayr die verworrenen Handelsregeln, die Präsident Trump bislang verborgen geblieben sind.  

Deutschland Almut Möller (picture alliance/Eventpress/Stauffenberg)

Almut Möller, Leiterin Berliner Büro des European Council on Foreign Relations

Ließe sich der Streit ausräumen, wenn beide Seiten sich mehr um die Fakten der jeweils anderen Seite bemühen würden? Almut Möller, Senior Fellow beim European Council von Foreign Relations in Berlin, winkt ab. Donald Trumps verstörender Umgang mit Fakten werde uns erhalten bleiben, ebenso wie sein Konfrontationskurs gegenüber vormaligen Verbündeten. "Ich rate den Europäern sich darauf vorzubereiten", sagte Möller der DW. Wie sich Europa dazu verhalte, sei dabei beinahe nebensächlich. Ein Lichtblick sei es da, dass an sehr vielen Orten in der Europäischen Union angesichts dieser massiven Bedrohung aus Washington plötzlich der Wert der Europäischen Union und der Mitgliedschaft in diesem Verbund wieder deutlich höher eingeschätzt werde. "Am Ende könnte also durchaus eine Stärkung der Europäischen Union stehen, wenn auch nicht in der Form, wie wir sie momentan kennen." Trumps zweifelhafter Umgang mit den Fakten: Er könnte letztlich also doch Fakten schaffen, wenn auch andere als vom US-Präsidenten intendiert.

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