US Open: Ein Fall von geglückter Majestätsbeleidigung | Sport | DW | 07.09.2019
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Tennis

US Open: Ein Fall von geglückter Majestätsbeleidigung

Eine 19-Jährige aus Kanada gewinnt überraschend die US Open. Bianca Andreescu gelingt im Endspiel gegen die hochfavorisierte Serena Williams ein nassforsches, kaltblütiges Meisterstück. Sie zeigt großartigen Sport.

Ihr Blick ging nach unten, manchmal konnte man ein kleines Kopfschütteln erahnen über das, was sich diese 19-Jährige auf der anderen Seite des blau-grünen Platzes erlaubte. Serena Williams, 37 Jahre alt, hatte in diesem Jahr bei den US Open in einer Weise ihr Spiele dominiert, dass kein Experte zuletzt etwas anderes erwartet hatte als einen Turniersieg. Mit manchen Gegnerinnen musste man regelrecht Mitleid haben, so wie Williams ihre Aufschläge und Returns ins Feld hämmerte. Aber nun stand da diese Bianca Andreescu aus Kanada.

Tennis US Open | Frauen Finale Serena Williams (picture-alliance/AP Photo/C. Krupa)

Vielleicht dachte sie: Was soll ich nur gegen die machen? Vielleicht dachte sie aber auch etwas ganz anderes. Serena Williams im Finale der US Open

"Ya, let's go. Come on", brüllte die junge Frau, als sie der Favoritin zu Beginn des zweiten Satzes das Aufschlagspiel abnahm. Zuvor hatte sie einen Satz lang ein respektloses, druckvolles und hochklassiges Tennis gespielt. Ein Tennis, das wahrscheinlich nicht einmal der erfolgreiche Williams-Coach Patrick Mouratoglou erwartet hatte. Er musste in der Box seiner Spielerin mitansehen, wie ein Traum ein weiteres Mal nicht in Erfüllung ging. Wenige Sitze weiter saß die Herzogin von Sussex, Meghan Markle, die eigens nach New York gereist war, um dieses Spektakel zu erleben. Meghan ist Serena-Fan. Wäre es für eine Herzogin nicht unziemlich gewesen, sie hätte ihre Anspannung noch viel deutlicher gezeigt. 

Serena höchst verunsichert

"Die spielt wie im Rausch", sagte DTB-"Head of Women's Tennis" Barbara Rittner am Eurosport-Mikrophon über die spätere Siegerin. Da hatte sich Andreescu bereits einen 3:1-Vorsprung im zweiten Satz herausgearbeitet. Auf der anderen Seite brachte die höchst verunsicherte Williams kaum noch einen ersten Aufschlag ins Feld; manchmal schob sie einen Doppelfehler hinterher. "Sie kommt aus ihrer enttäuschten Emotion nicht mehr heraus. Mir tut sie jetzt fast schon leid", ergänzte Rittner - wohlgemerkt über Serena Williams, über eine der erfolgreichsten Sportlerinnen überhaupt.

Tennis US Open | Frauen Finale Meghan Markle (picture-alliance/newscom/J. Angelillo)

Die Herzogin von Sussex zitterte in der Williams-Box mit. Es half nichts

Zu diesem Zeitpunkt hatte die in einem fliederfarbenen Tenniskleid - nicht mehr im hautengen Body-Ensemble, wie bisher bei diesem Turnier - spielende Williams zwischenzeitlich fast die Nerven, den Mut und den Willen verloren, endlich diesen vermaledeiten Rekord von 24 Grand-Slam-Titeln, den sie seit längerem jagt, zu erringen. Es wäre ihr siebter Erfolg bei den US Open in New York gewesen. Hätte, hätte, wäre. Serena Williams kämpft sich noch einmal heran in diesem zweiten Satz, profitiert davon, dass die Junge auf der anderen Seite auf einmal dann doch Nervosität zeigt. Von 5:1 (und Matchball für Andreescu) heran bis 5:5. Das Finale wird zur Nervennummer, "tout" New York ist von den Socken. Doch dann, nach 100 Minuten: Vorbei. Die Außenseiterin hat die Nerven behalten. Erstmals hat eine Kanadierin die US Open gewonnen. 6:3, 7:5. Ein Ergebnis, das - nebenbei bemerkt - 3,85 Millionen Dollar Preisgeld bedeutet.

Tennis US Open | Frauen Finale Bianca Andreescu (Reuters/USA Today Sports/R. Deutsch)

Sie stand zum ersten Mal in einem Endspiel eines Grand-Slam-Turniers: Bianca Andreescu

Viel wird man nun über Bianca Andreescu in den nächsten Tagen und Wochen erfahren. Über eine Tochter rumänischer Eltern, die nach Kanada auswanderten. Über ein Mädchen, das von den findigen Talent-Scouts von "Tennis Canada" gefördert und nun - nach einer Reihe von Verletzungen - von ihrem ruhigen Trainer Sylvain Bruneau an die Weltspitze herangeführt wurde. Ein junge Sportlerin, die in ihrer Siegerrede klar machte, das sie an diesem Abend in New York auch gegen ihr Idol gewonnen hatte: "Eine wahre Legende unseres Sports." 

Noch ist die Königin da. Noch

Für Williams war es auch deshalb ein unerwünschtes Déjà-vu, weil sie im vergangenen Jahr von der Japanerin Naomi Osaka entzaubert worden war. Dass Serena Williams damals wegen der Schiedsrichter-Entscheidungen eine ziemliche Szene machte, ist Vergangenheit. Osaka schickte sich danach an, einer der künftigen Superstars der WTA (Womens Tennis Association) zu werden. Bianca Andreescu könnte ihr nachfolgen. Im Damen-Tennis beginnt eine neue Zeitrechnung: "Sie hat ein unglaubliches Tennis gespielt", sagt Williams bei der Siegerinnen-Ehrung über den neuen Champion. Königin Serena ist noch da, sicher.  Aber die Thronfolgerinnen sind gekommen, um zu bleiben.

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