Ursula Hirschmann – Für ein föderales Europa | Spurensuche | DW | 13.06.2019
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Spurensuche

Ursula Hirschmann – Für ein föderales Europa

Europawahl Schicksalswahl? Pater Eberhard von Gemmingen von der katholischen Kirche stellt die Jüdin Ursula Hirschmann vor, die sich, geprägt vom Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit, für ein föderales Europa einsetzte.

Italien Gipfel Ventotene - Insel Ventotene und Gefängnisinsel San Stefano (Max Hofmann)

Die italienische Insel Ventotene, auf der 1941 das Manifest von Ventotene „Für ein freies und einiges Europa“ verfasst wurde.

Die am wenigsten bekannte Persönlichkeit in der Reihe der Mütter und Väter der europäischen Einigung ist Ursula Hirschmann. Die 1913 in Berlin geborene Jüdin trat mit 19 Jahren in die Jugendorganisation der Sozialdemokraten ein. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität in Berlin, schloss sich einer kommunistischen Widerstandsgruppe an und engagierte sich so gegen den Nationalsozialismus. 1933 wanderte sie nach Paris aus, lernte dort den antifaschistischen Italiener Eugenio Colorni kennen, den sie später heiratete.

Das Manifest von Ventotene

Colorni wurde unter Mussolini auf die Gefangeneninsel Ventotene verbannt, wohin Ursula Hirschmann ihm freiwillig folgte. Dort machte sie Bekanntschaft mit anderen antifaschistischen Intellektuellen wie Altiero Spinelli und Ernesto Rossi. In diesem Kreis entstand 1941 das „Manifest von Ventotene“ für ein freies und geeintes Europa. Es war heimlich geschrieben auf Zigarettenpapier, eine politische Erklärung und Grundlage für eine demokratische europäische Föderation. Es ging darin um Sozialreformen und ein neues politisches System. Die Autoren verlangten einen Bruch mit dem Europa der Vergangenheit.

Ursula schmuggelte das Manifest von der Insel und half bei der Verbreitung. In Mailand gründeten 1943 war sie unter anderem mit Spinelli und ihrem Mann an der Gründung der „Europäischen Föderalistische Bewegung“ beteiligt. 1944 wurde ihr Mann Eugenio Colorni von Faschisten ermordet, so dass sie im Jahr darauf Altiero Spinelli heiratete. Nach dem Krieg war das Paar an der Organisation des ersten internationalen föderalistischen Kongresses 1945 in Paris beteiligt. 20 Jahre später gründete Ursula Hirschmann in Brüssel die Vereinigung „Femmes pour l‘Europe“ – „Frauen für Europa“. Noch im gleichen Jahr erlitt sie eine Gehirnblutung, von der sie sich nicht voll erholte. Sie starb im Jahr 1991 im Alter von 77 Jahren.

Das Manifest von Ventotene ist geprägt von der Hoffnung auf den Aufstand der Arbeiter gegen Ausbeuter. Es ist ein kommunistisches Manifest. Aber man kann ihm nicht absprechen, dass es auch die Grenzen der europäischen Staaten und Länder sprengen wollte. Es sollte die Idee des Nationalstaates überwinden. Ursula Hirschmann steckte mitten drin in dieser geistigen Auseinandersetzung, und man kann sie als Vertreterin dieser europäischen Bewegung sehen. Im Manifest von Ventotene zeigte sich, dass die kommunistische Utopie am Anfang der europäischen Bewegung ebenso eine Rolle spielte.

Ein vereintes Europa gegen Ungleichheit

Das Manifest endet mit diesen Worten: „Der Augenblick ist gekommen, um veralteten Ballast über Bord zu werfen und sich für den kommenden Umbruch bereit zu halten, der so ganz anders ist, als man ihn sich vorgestellt hat. Die Unfähigen unter den Alten müssen ausgemerzt und unter den Jungen neue Energien geweckt werden. Heute suchen und begegnen sich in der Vorbereitung der Zukunft alle jene, die die Gründe der gegenwärtigen politischen Krise erkannt haben und das Erbe all jener Bewegungen zur Erhebung der Menschheit antreten, das untergegangen war in Verkennung der zu erreichenden Ziele oder der Mittel, sie zu erreichen. Der Weg, der uns erwartet, wird weder bequem noch sicher sein. Wir müssen ihn jedoch beschreiten, und wir werden es tun!“1

Wir wissen heute durch den Zusammenbruch des realen Sozialismus, dass die kommunistische Ausrichtung des Manifests von Ventotene eine Utopie war. Doch die Autoren des Manifestes sahen in der sozialen Ungleichheit die Ursachen von Unfrieden und Krieg. Aber die Idee des Zusammenschlusses der europäischen Staaten wurde von den Gefangenen auf der Insel Ventotene ebenso erkannt. Sie forderten den Zusammenschluss der Staaten Europas, um soziale Ungerechtigkeit zu überwinden. Nicht nur von engagierten Christen kam der Wunsch nach europäischer Einigung, sondern auch von den Feinden des Faschismus in Italien.

1 https://www.cvce.eu/content/publication/1997/10/13/316aa96c-e7ff-4b9e-b43a-958e96afbecc/publishable_de.pdf, abgerufen am 15.04.2019.

 

Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist 1936 in Bad Rappenau geboren. Nachdem er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten ist, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Seit 2010 ist er Fundraiser der deutschen Jesuiten.