″Unser Leben kostet mehr als Sicherheit″ | Deutschland | DW | 11.10.2019
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Jüdische Gemeinde in Ostdeutschland

"Unser Leben kostet mehr als Sicherheit"

Seit dem Terroranschlag von Halle haben die Mitglieder der jüdischen Gemeinde im ostdeutschen Dessau Angst. Sie bekommen regelmäßig Drohbriefe, doch ihre Gemeinde erhält wenig Schutz.

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Leben in Angst: Juden in Dessau

"Wenn so etwas wie in Halle bei unserer Gemeinde passiert wäre, dann gäbe es viele Tote", sagt Alexander Wassermann und blickt für einen Moment zur Tür seines Büros. "Wir haben keine Sicherheit."

Wassermann ist seit fast zwanzig Jahren Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Dessau – nur rund 50 Kilometer entfernt von Halle, dem Schauplatz des rechtsextremistischen Anschlags am Mittwoch. In Halle hat die Synagogentür standgehalten und die Gläubigen so wohl vor einem Massaker bewahrt.

"Unsere Haupttür steht seit 1904", erzählt Alexander Wassermann. Er zeigt auf die Holzfenster neben sich. Auch diese seien rund 100 Jahre alt.

"Mein Leben ist wertvoller als das Gebet"

"Wir sind alle schockiert. Viele Mitglieder unserer Gemeinde haben Angst. Wir haben hier viele ältere Leute, die sagen: 'Mein Leben ist wertvoller als das Gebet, dann bleibe ich lieber zu Hause'." Wassermann sitzt mit zwei Kolleginnen an dem langen Schreibtisch des Gemeindebüros. Ihre Blicke sind ernst. Seit der Tat in Halle sprechen sie über fast nichts anderes mehr. "Ich fühle mich nicht sicher", sagt eine jüngere Kollegin Wassermanns mit Tränen in den Augen. Ihren Namen möchte sie nicht nennen. Sie habe zu viel Angst – vor allem um ihre Tochter.

Mitglieder der jüdischen Gemeinde Dessau im Büro des Vorstandsvorsitzenden (DW/J. Semenova)

Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Dessau sorgen sich um ihre Sicherheit

In seiner langen Zeit als Vorsitzender hat Alexander Wassermann rechtsradikale Hetze und Morddrohungen erlebt. Er kramt einige Zettel hervor – antisemitische Drohbriefe. Immer wieder bekommt die Gemeinde solche Post, oft bedruckt mit Hakenkreuzen und Bildern von Adolf Hitler.

Wassermann steht auf den Stufen vor der Eingangstür zum Gemeindehaus. Vor einiger Zeit wurde sie mit einem Hakenkreuz beschmiert. Jetzt ist die Tür übermalt, das Hakenkreuz nicht mehr zu sehen. Doch die Angst bleibt. "Wir können die Situation nicht ändern, wir haben keine Kraft dazu", sagt Wassermann und zuckt mit den Schultern. "Was können wir machen?"

Alexander Wassermann steht vor der jüdischen Gemeinde in Dessau (DW/J. Semenova)

Alexander Wassermann, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Dessau: "Wir haben keine Sicherheit"

Keine Unterstützung bei Sicherheit

Dabei versucht er schon lange, finanzielle Unterstützung für mehr Schutz zu bekommen. Doch die Gemeinde im ostdeutschen Dessau ist klein – rund 300 Mitglieder hat sie. Geld für Sicherheit hat sie nicht. Alles, was an Geld da ist, fließt in den Neubau der Synagoge, die 1938 von den Nationalsozialisten zerstört wurde. Vor einem halben Jahr schrieb Wassermann einen Brief an das Innenministerium von Sachsen-Anhalt. Doch das lehnte damals eine finanzielle Unterstützung für Sicherheitsmaßnahmen ab.

Wassermann ärgert das: "Wir brauchen Sicherheitsmaßnahmen, wir haben keine andere Möglichkeit. Es geht um die Sicherheit unserer Mitglieder. Und das Leben unserer Mitglieder kostet mehr als Sicherheitsmaßnahmen. Wenn was passiert...Wer hat Schuld?"

Polizeiauto vor der jüdischen Gemeinde in Dessau (DW/J. Semenova)

Seit dem Anschlag steht die Polizei vor dem Gemeindehaus

Dabei wollen sie hier in der jüdischen Gemeinde nur in Ruhe ihren Glauben leben. Die Mitglieder sind stolz auf das, was sie aufgebaut haben. Wiederaufgebaut – denn das jüdische Leben spielte in Dessau einst eine große Rolle. Der Philosoph Moses Mendelssohn wurde hier geboren, so wie Kurt Weill, Komponist der 'Dreigroschenoper'. Weills Vater war hier Kantor – in derselben Stadt, in der das jüdische Leben heute aus Angst fast nur hinter den Gemeindemauern stattfindet. 

Jetzt, kurz nach dem Anschlag in Halle, steht hier ein Polizeiwagen vor der Tür. Doch wie lange er bleibt, weiß Alexander Wassermann nicht.

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