UNEP-Chef: ″Die Welt wird noch weiter beansprucht sein″ | Welt | DW | 30.09.2015
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Welt

UNEP-Chef: "Die Welt wird noch weiter beansprucht sein"

Armut und Hunger sollen beendet und Ressourcen nachhaltig genutzt werden: So steht es in den Nachhaltigkeitszielen der UN. Im DW-Interview sagt der Chef des UN-Umweltprogramms, wie diese erreicht werden können.

Dürre im Irak

Naturkatastrophen wie Dürren können dazu beitragen, dass Menschen aus ihrer Heimat fliehen.

Vertreter aller 193 UN-Mitglieder haben bei einem Nachhaltigkeitsgipfel in New York am Freitag (25.09.2015) dieneue Entwicklungsagenda der Vereinten Nationen beschlossen. Die Agenda umfasst siebzehn Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDGs), die bis 2030 erreicht werden sollen.

Weltweit sollen Lebensstile so verändert werden, dass sie die Ressourcen unseres Planeten nicht überstrapazieren und dass menschenwürdige Lebensstandards für alle erreicht werden. Die neuen Ziele treten an die Stelle der acht sogenannten "Millenniumsentwicklungsziele" (Millennium Development Goals, MDGs), die die Vereinten Nationen im Jahr 1999 beschlossen hatten und die die Politik der UN-Mitgliedsstaaten bis 2015 bestimmen sollten. Anders als die Millenniumsentwicklungsziele gelten die jetzt beschlossenen Nachhaltigkeitsziele allerdings für alle Länder, nicht nur für Entwicklungsländer

DW-Reporterin Nádia Pontes sprach mit Achim Steiner, dem Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, am Rande einer Konferenz in Brasilien.

Deutsche Welle: Die neue Entwicklungsagenda mit ihren 17 Zielen könnte die Welt verändern, denn die Nachhaltigkeitsziele beinhalten, dass soziale Ungleichheit verringert werden soll, dass Geschlechtergerechtigkeit erreicht und die Umwelt nachhaltig genutzt wird. Das alles gilt auch für Schwellen- und Industrieländer. Wie haben die Industrieländer auf die Verabschiedung der Agenda reagiert?

Achim Steiner: Ich denke, dass alle Länder die Nachhaltigkeitsziele unterstützen. Die jetzt verabschiedete Entwicklungsagenda ist für Europa genauso wichtig wie für die Vereinigten Staaten oder China.

Achim Steiner, Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms

Achim Steiner ist seit 2006 Generaldirektor des UN-Umweltprogramms.

Allen ist klar, dass sich das derzeitige Modell wirtschaftlicher Entwicklung ändern muss. Wer mit offenen Augen die Welt betrachtet, sieht überall Krisen: Arbeitslosigkeit, Armut, Verschmutzung, Verringerung natürlicher Ressourcen. Diese Krisen, die früher ganz weit entfernt schienen, sind jetzt ganz nah. Das, was Tausende Kilometer entfernt passiert, kann sich im Heimatland jedes einzelnen auswirken.

Das zeigt sich auch an der aktuellen Flüchtlingskrise. Verzweifelte Menschen, die vor Krieg und Zerstörung fliehen und um ihr Überleben kämpfen, sind durch nichts aufzuhalten. Sie sind in der Lage, Tausende von Kilometern zu Fuß zurückzulegen. Nichts und niemand kann sie auf ihrer Suche nach einem sicheren Aufenthaltsort aufhalten. Diese Situation zeigt der gesamten Welt, dass wir alle gemeinsam handeln müssen.

Worin sehen Sie die Hauptursachen für Flüchtlingskrisen?

Studien des UN-Umweltprogramms haben gezeigt, dass es nicht nur Kriege sind, die dazu führen, dass Menschen aus ihren Häusern, aus ihrer Heimat fliehen. Es sind auch der Klimawandel und schwere Umweltproblemeund Naturkatastrophen. So erlebt Syrien – das Land, aus dem derzeit die meisten der nach Europa fliehenden Menschen kommen – seit vier Jahren eine sehr ernsthafte Dürreperiode. Der Krieg hat dieses Problem weiter verschlimmert.

Dürre im Irak

Forschungen haben gezeigt, dass Naturkatastrophen zu Massenmigration führen und politische Krisen verschärfen können: Beispiel Syrien

Eine nie gesehene Zahl von Menschen flieht derzeit vor Konflikten, Naturkatastrophen, oder wirtschaftlichem Mangel. Der UN-Flüchtlingsorganisation zufolge gab es im Jahr 2014 die höchste je registrierte Zahl an Flüchtlingen: fast 60 Millionen auf der ganzen Welt. Dennoch ist es möglich, dass uns die Zahlen der derzeitigen Flüchtlingskrise in Europa einmal sehr gering erscheinen werden. Wenn der Meeresspiegel steigt und in dem sich immer häufiger Naturkatastrophen ereignen, werden sich immer mehr Menschen gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen. Deshalb könnte die aktuelle Krise die Länder durchaus anspornen, die Nachhaltigkeitsziele ernsthaft zu verfolgen und entsprechende Politik umzusetzen.

Was sind denn die konkreten Pläne, damit die Welt die Nachhaltigkeitsziele tatsächlich erreicht?

Die Vereinten Nationen können keinen unfehlbaren Plan entwickeln, der auf alle Länder gleichermaßen zutrifft. Jedes Land ist aufgerufen, im Rahmen seiner Möglichkeiten und Gegebenheiten einen Weg einzuschlagen, mit dem die Ziele erreicht werden. Wir wollen Regierungen anregen, zu handeln, aber ebenso auch die Zivilgesellschaft und die Privatwirtschaft.

Nur ein Beispiel: Wir müssen die Luft- und Umweltverschmutzung verringern, gleichzeitig aber die Mobilität der Menschen steigern. Um das zu erreichen, sind innovative Technologien vonnöten. Außerdem sind möglicherweise neue gesetzliche Regulierungen nötig.

Die Welthandels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD) hat ausgerechnet, dass Investitionen von fünf bis sieben Billionen US-Dollar (4,5 bis 6,25 Billionen Euro) nötig sind, um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Allerdings sehen diese Ziele nicht vor, dass sozusagen erst die wirtschaftliche Entwicklung kommt und man sich dann um Fragen sozialer Gerechtigkeit, Umwelt und Nachhaltigkeit kümmert. Die Politiker müssen für diese neue grüne und zyklische Wirtschaft politische Maßnahmen entwickeln, und außerdem innovative Finanzinstrumente die zu mehr Wohlstand und effizienterer Nutzung der Ressourcen führen.

Brasilien erlebt derzeit eine bedeutende politische und wirtschaftliche Krise und die chinesische Wirtschaft schwächelt ebenfalls. Wie sollen Schwellenländer überzeugt werden, in solchen Zeiten an Umwelt und Nachhaltigkeit zu denken?

In puncto Innovationen und Führungsverhalten im Finanzsektor sind die Schwellenländer ganz vorne mit dabei. So hat der Bankensektor in Brasilien ein großes Interesse daran, sich zu beteiligen, wenn es darum geht, Nachhaltigkeit zu erreichen. In China gehört die Zentralbank zu den Vorreitern grüner Kreditpolitik und ist weltweit einer der größten Investoren im Bereich erneuerbarer Energien.

Bildergalerie Solarenergie - China

In der nordchinesischen Provinz stehen Solar- und Windkraftanlagen: "Die Schwellenländer gehören zu den größten Investoren im Bereich erneuerbarer Energien", sagt Steiner.

Einige der sogenannten BRICS-Länder [Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika – Anm. d. Red.] gehören zu den Top-10-Investoren in erneuerbare Energien, darunter Brasilien und Indien. Kenia – das afrikanische Land, in dem das Umweltprogramm der Vereinten Nationen seinen Sitz hat – gewinnt fast 50 Prozent seiner Energie aus Geothermie, und darüber hinaus gibt es Pläne, dass dort Afrikas größter Windpark entstehen soll.

Wir stehen zuweilen unter dem Eindruck, dass in den Entwicklungs-und Schwellenländernin Sachen Nachhaltigkeit nicht viel passiert, aber die Zahlen zeigen, dass es jede Menge Fortschritt gegeben hat.

Was denken Sie, wie die Welt im Jahr 2030 aussehen wird?

Ich denke, dass die Welt noch weiter beansprucht sein wird. Berechnungen zufolge wird die Weltbevölkerung im Jahr 2030 die Zahl von 8,5 Milliarden erreichen – und 9,7 Milliarden im Jahr 2050. Dadurch wird sehr viel Druck auf unsere natürlichen Ressourcen enstehen.

Wenn wir es richtig angehen, können die Bemühungen, die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, tatsächlich eine reichere und nachhaltigere Zukunft für die Menschen und den Planeten erreichen. Es richtig anzugehen bedeutet allerdings, es gemeinsam anzugehen. Ich bin optimistisch, dass wir das erreichen können.

Interview: Nádia Pontes

Achim Steiner leitet das Umweltprogramm der Vereinten Nationen.

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