Uneinige Armee gefährdet Burundis Frieden | Afrika | DW | 07.08.2015
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Afrika

Uneinige Armee gefährdet Burundis Frieden

Tage nach der Ermordung des Geheimdienstchefs Nshimirimana bleibt die Lage in Burundi angespannt. Experten befürchten eine Spaltung der Armee. Für den verwundeten Aktivisten Mbonimpa besteht derweil Hoffnung.

Wenige Wochen, nachdem sich Burundis Präsident in einer umstrittenen Wahl im Amt bestätigen ließ, ist in der Hauptstadt Bujumbura eine Art von Alltag wiedergekehrt - zumindest tagsüber. Nachts hallen weiter Schüsse durch die Straßen. Die Anspannung ist umso größer, seit vergangenen Sonntag der ehemalige Geheimdienstchef Adolphe Nshimirimana bei einem Anschlag getötet wurde. Der Tod des Generals habe die burundische Bevölkerung schwer erschüttert, sagt Politikwissenschaftler Phil Clark von der Londoner School of Oriental and African Studies (SOAS): "Er war eine zentrale Figur im politischen und militärischen System des Landes."

Burundi vor Parlamentswahlen

Nur durch hohe Sicherheitsvorkehrungen gelang die Wahl

Das Attentat habe nicht nur die Unsicherheit im Land aufgezeigt, sondern deute auch auf mögliche Verwerfungen innerhalb des Militärs hin, so der Politikwissenschaftler. Schließlich führen die Spuren der Angreifer zurück in militärische Kreise. "Viele Burundier haben Angst, dass eine Spaltung innerhalb der Armee die Gewalt im Land sehr schnell eskalieren lassen könnte", sagt Clark im DW-Interview.

Sammelbecken Armee

Als im April Proteste gegen Präsident Nkurunziza aufflammten, sahen Beobachter die Armee eher aufseiten der Demonstranten, die den Respekt der Verfassung einforderten: Der zufolge kann ein Präsident nicht länger als zwei Amtszeiten an der Spitze des Landes stehen. Die Polizei galt hingegen dem Willen Nkurunzizas verpflichtet. Doch ein Putschversuch im Mai zeigte, dass die Fronten nicht so klar verliefen: Eine Offiziersgruppe um den ehemaligen Geheimdienstchef und Armeegeneral Godefroid Niyombare erklärte den Präsidenten für abgesetzt - und wurde nach zwei Tagen der Ungewissheit von Nkurunziza-treuen Soldaten besiegt. Zentrale Figur bei der Niederschlagung des Putsches war der nun getötete Nshimirimana.

Niyombare ist seitdem flüchtig. Dass der Mord an Nshimirimana eine späte Rache der Putschisten sein könnte, ist nur eine der Theorien, die nun in Burundi die Runde machen. Andere Burundier halten die Beseitigung des Generals gar für eine "präventive Maßnahme" des Präsidenten: "Es ist möglich, dass der der General dem Präsidenten zu mächtig und damit zu gefährlich wurde", so Clark. "Obwohl General Adolphe in der Vergangenheit ein loyaler Anhänger von Präsident Nkurunziza war, sind manche Leute der Ansicht, dass der Präsident genug von ihm hatte und seine Eliminierung für die beste Lösung hielt."

Erinnerungen des Bürgerkriegs

Burundi Putschversuch gescheitert General Niyombare

Flüchtig: Putschistengeneral Godefroid Niyombare

Die weitere Entwicklung im Land hänge nun davon ab, wie die Regierung auf die Ermordung von General Nshimirimana reagiere, sagt der Kölner Politikwissenschaftler Christoph Vogel. "Aktuell sehen wir eine Rückkehr der Gewalt wie vor der Niederschlagung des Putschversuchs im Mai." Erste Anzeichen einer erneuten Eskalation ließen nicht lange auf sich warten: In der Nacht nach dem Mord wurde der bekannte Menschenrechtler Pierre-Claver Mbonimpa bei einem Attentat schwer verletzt. Am Mittwoch wurde dann ein Funktionär aus Nkurunzizas Regierungspartei CNDD-FDD von einem Mob getötet.

"Wenn man mit den Leuten spricht, spürt man die Angst", sagt der burundische Journalist Antoine Kaburahe im Gespräch mit der DW. Die Vorkommnisse erinnerten viele an den Bürgerkrieg, der in den 1990er Jahren in Burundi entbrannt war. Ein langwieriger Friedensprozess hatte ein Jahrzehnt später die Rückkehr zur Normalität eingeläutet. Nach dem Friedensvertrag von Arusha aus dem Jahr 2000 waren die Kämpfer nach und nach in die reguläre Armee eingegliedert worden. Kaburahe zeigte sich indes erleichtert, dass ebendiese Armee sich bislang ruhig verhalte. Von einer klassischen Kriegssituation könne man bisher in Burundi nicht sprechen, sagt auch Politikwissenschaftler Vogel. Die jüngsten Anschläge seien eher als individuelle Gewaltakte einzuordnen.

Menschenrechtler Mbonimpa darf im Ausland behandelt werden

Für die Familie des Menschenrechtsaktivisten Pierre-Claver Mbonimpa besteht unterdessen Grund zur Hoffnung: Er sei bei Bewusstsein und auf dem Weg der Besserung, erklärte seine Tochter Amadine Nasagare der DW am Telefon und zeigte sich erleichtert: Der Generalstaatsanwalt habe der Familie mittlerweile die Erlaubnis erteilt, Mbonimpa für weitere Untersuchungen ins sichere Ausland bringen zu dürfen. Die Ärzte hielten ihn trotz seiner Verletzungen für transportfähig.

Burundi Pierre-Claver Mbonimpa Menschenrechtsaktivist

Menschenrechtsaktivist Pierre-Claver Mbonimpa

Die Familie bemühe sich nun um eine schnelle Evakuierung ins kenianische Nairobi oder nach Europa, so Tochter Nasagare. Denn selbst im Krankenhaus schwebe der bekannte Regierungskritiker weiterhin in großer Gefahr: "Die Klinik ist groß und voller Menschen, niemand weiß, wer kommt und geht, es könnte jeden Augenblick ein Attentäter hereinkommen."

Auch auf den Straßen Bujumburas bleibt die Angst. Berichte von bewaffneten Jugendlichen machen die Runde, die als selbsternannte "Bewacher" ihrer Viertel in den Straßen patrouillieren. Eine Passantin sagte gegenüber der DW: "Wir wissen nicht, ob wir morgen noch am Leben sein werden. Wenn jemand das Haus verlässt, weiß man nicht, ob er auch wieder zurückkommt. Wir verlangen von der Regierung, alles zu tun, damit sich die Situation wieder normalisiert."

Mitarbeit: Eric Topona und Carole Assignon

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