Umstrittene Initiative für Polygamie im Iran | Asien | DW | 13.11.2019
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Familienrecht im Iran

Umstrittene Initiative für Polygamie im Iran

Im Iran tobt ein Kulturkampf um die Polygamie. Konservative Kreise verkaufen sie als Hilfe für Frauen aus benachteiligten Schichten. Polygamie ist aber traditionell im Iran verpönt.

Anfang Oktober behauptete der ultrakonservative iranische Parlamentsabgeordnete Ali Motahari in einem Interview: "Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man in Deutschland Männern erlaubt, bis zu vier Frauen zu heiraten. Viele deutsche Männer waren im Krieg gefallen und es gab viele heiratsfähige Frauen". Tatsächlich ist Polygamie in Deutschland verboten und steht schon seit 1871 unter Strafe.

Das noch heute gültige iranische Familiengesetz von 1974, also aus der Regierungszeit des Schahs, erlaubt es Männern unter bestimmten Bedingungen, eine zweite Frau zu heiraten. Allerdings sei Polygamie im Iran verpönt, sagt die prominente Rechtsanwältin Farideh Gheyrat. "Motahari weiß das genau. Soweit wir wissen, lebt er selbst in Monogamie", betont Gheyrat im Telefongespräch mit der Deutschen Welle aus Teheran. Sie ergänzt: "Revolutionsführer Ayatollah Chomeini lebte in Monogamie, sein Nachfolger Ayatollah Chamenei auch. Diese seltsame Initiative, die für Polygamie im Iran wirbt, hat keine Chance." 

Iran Ali Motahari Abgeordneter (ISNA)

Abgeordneter Ali Motahari befürwortet die Polygamie-Initiative

Polygamie als "Hilfe" für Frauen in Schwierigkeiten

Trotzdem hat sich im Iran eine hitzige Debatte über die Polygamie entwickelt. Motahari gehört zu den wenigen Politiker, die sich daran beteiligen. Vor den Parlamentswahlen im kommenden März scheint der einflussreiche Politiker auf politischem Selbstmordkurs zu sein. Ein großer Teil der iranischen Gesellschaft ist empört. Ein "Polygamie-Workshop", den ein "Institut zur Förderung religiöser Werte" in Qom für Männer und Frauen anbietet, die lernen möchten, in Polygamie zu leben, hat das Fass zum Überlaufen gebracht.

Einflussreiche Abgeordnete wie Ali Motahari und ein Teil der konservativen Kreise im Iran setzen sich dafür ein, dass vor allem wohlhabende Männer mehrere Ehefrauen haben können. Sie verkaufen das als Hilfe für Frauen aus benachteiligten Schichten. Ihr Vorschlag zielt vor allem auf Frauen ab, die ihre Familie – Kinder, Eltern oder Ehemänner - alleine finanzieren. Deren Zahl ist nach offiziellen Angaben in den vergangenen zehn Jahren um 70 Prozent gestiegen. Derzeit gelten drei Millionen Frauen als "Familienoberhaupt". Die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten für iranische Familien sind laut Statistikamt um 50 Prozent gestiegen, allein für Lebensmittel zwischen März 2018 bis März 2019 um mehr als 70 Prozent. Die Löhne sind dabei um höchstens 20 Prozent gestiegen.

Iran Wintereinbruch (ILNA/M. Safari)

Gedanken an Polygamie sind bei dem iranischen Paar nicht zu vermuten

 

"Werbung für legale Prostitution"

"Natürlich gibt es verzweifelte Frauen im Iran, die keine andere Wahl sehen, als eine zweite Ehefrau zu werden", sagt Anwältin Gheyrat. "Das kann aber nicht die Lösung für unsere sozialen Probleme sein". Nicht nur Frauenaktivistinnen sind empört. Ein großer Teil der konservativen Kreise sieht den "Polygamie-Workshop" als Werbung für legale Prostitution. Der Workshop wird in der heiligen Stadt Qom angeboten. In der Region ist die sogenannte Ehe auf Zeit nach schiitischer Tradition weitverbreitet. Jene kann zwischen 30 Minuten und 99 Jahren dauern, was in einer Heiratsurkunde festgehalten wird. Nach Ablauf dieser Zeit hat die Frau keinerlei Rechte.   

"Wie in jeder anderen Gesellschaft, wo Sexualität unterdrückt wird, gibt es auch im Iran heimliche und außereheliche Beziehungen" stellt der Soziologe Amin Bozorgian im Gespräch mit der Deutschen Welle fest. "Ein Teil der konservativen Kreise möchte Polygamie als Lebensentwurf in der Gesellschaft etablieren. Das wird jedoch abgelehnt, weil die iranische Gesellschaft in den letzten 100 Jahren die Monogamie als einen säkularen Wert verinnerlicht hat". 

Irans Religionsführer Ali Khamenei trifft Mitglieder des Expertenrates (khamenei.ir)

Religionsführer Chamenei (Mitte) will keine Polygamisten in seinem Kreis dulden

Auch Chamenei dagegen

Der Iran hat in den letzten 110 Jahren drei Revolutionen erlebt. Der Kampf ist noch nicht entschieden, ob sich religiöse Werte, traditionelle Werte oder die säkularen Werte der modernen Welt durchsetzen. Das Pendel ist mehrfach hin- und hergeschwungen. Zum Beispiel war der Hidschab, die traditionelle Kopfbedeckung der Frau, zeitweise verboten. Jetzt ist er obligatorisch. Befürworter der Polygamie haben auch in den Reihen des Klerus starke Gegner: Der geistliche Führer Ayatollah Chamenei soll ein strikter Gegner der Polygamie sein. Wer in seinem Büro arbeitet und eine zweite Frau nimmt, wird gefeuert, heißt es.

 

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