Ukraine-Krieg führt zu Panikkäufen in der Türkei | Europa | DW | 11.03.2022
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Folgen des Ukrainekrieges

Ukraine-Krieg führt zu Panikkäufen in der Türkei

Mehrere türkische Containerschiffe, beladen mit Sonnenblumenöl, stecken in russischen Häfen im Asowschen Meer fest. Die Folge sind Panikkäufe in der Türkei. Das Land ist abhängig von Importen aus Russland.

Türkei Hamsterkäufe Öl Supermarkt Panikkäufe

Leere Regal statt Sonnenblumenöl satt: In der Türkei wurde hektisch eingekauft

Es war nur eine kleine Meldung in diesen Kriegstagen, aber sie hat große Panik in der türkischen Bevölkerung ausgelöst. Tahir Büyükhelvacigil, Vorsitzender der Unternehmervereinigung für Pflanzenöl, hatte in einem Interview gesagt, dass 16 Containerschiffe mit Sonnenblumenöl seit Tagen darauf warteten, russische Häfen im Asowschen Meer zu verlassen - vergeblich. Es sei nur noch ein Monatsvorrat an Sonnenblumenöl verfügbar.

Die Folge waren Panikkäufe in vielen Supermärkten türkischer Großstädte, die zum Teil noch andauern. In zahlreichen Videos im Internet sind leere Regale zu sehen. Und Menschenansammlungen, die sogar vor den Lagern der Supermärkte ungeduldig auf neue Paletten warteten und sich schon bei der Anlieferung auf die Kanister mit Sonnenblumenöl stürzten. In einem Video hält ein älterer Mann stolz zwei Fünf-Liter-Kanister in die Kamera. Bilder, die jüngeren Türken fremd sind, doch die älteren an die bitteren Krisenjahre der 1970er und 80er erinnern.

Dabei war Sonnenblumenöl schon vor Kriegsausbruch nicht günstig. Vor zwölf Monaten noch kostete ein Liter 19 türkische Lira, jetzt sind es fast 40, umgerechnet rund 2,50 Euro. Ein unfassbar hoher Preis für ein Land, in dem mehr als zehn Millionen Beschäftigte nur den Mindestlohn von rund 312 Euro erhalten und rund 3,5 Millionen Beschäftigte sogar für noch weniger arbeiten.

Karte Asowsches Meer Ukraine Russland DE

Die türkischen Schiffe saßen in russischen Häfen am Asowschen Meer fest

Türkei weltweit Hauptimporteur von Sonnenblumenöl

Nach Angaben des türkischen Landwirtschaftsministeriums ist das Land mit einem Anteil von 37 Prozent weltweit der größte Importeur von Sonnenblumenöl. Die Türkei führt etwa 65 Prozent seines Bedarfs aus Russland ein, etwas mehr als vier Prozent stammen aus der Ukraine. Einen Teil davon verkauft die Türkei weiter an Algerien und den Irak.

Die schwierige Lage, in der sich die Türkei derzeit befindet, hat auch mit ihrem stark gestiegenen Bedarf an Sonnenblumenöl zu tun. In den Jahren 2015/2016 lag er bei 2,1 Millionen Tonnen, nur fünf Jahre später erreichte er die Marke von 3,3 Millionen Tonnen. Durch die Erhöhung des eigenen Anbaues hat sich die Lage etwas entspannt, dennoch konnte der Bedarf nicht gänzlich abgedeckt werden.

Für den eigenen Markt braucht die Türkei mehr

Nach Angaben des Branchenvertreters Tahir Büyükhelvacigil verbrauchen die Türken selbst jährlich 2,7 Millionen Tonnen Sonnenblumenöl. Die eigene Produktion liegt aber bei nur 1,7 Millionen Tonnen. "Das heißt, wir benötigen eine Million Tonnen mehr, damit wir uns selbst versorgen können", sagt er im Gespräch mit der DW, und hofft dafür auf staatliche Fördergelder für die eigenen Landwirte. 

Bauern im Südosten der Türkei klagen über die steigende Düngemittelpreise

Die türkische Landwirtschaft setzte in den vergangenen Jahren immer weniger auf Sonnenblumen

Die haben in den letzten Jahren vermehrt Weizen und Raps angebaut, weil das profitabler war. Daher glaubt Imdat Saygi, der Vorsitzende der Landwirtschaftskammer der Provinz Tekirdag Süleymanpasa, nicht daran, dass die Bauern schnell umdisponieren können. Er hofft, dass durch eine regenreiche Saison die Sonnenblumenernte dieses Jahr insgesamt gut ausfällt. Dadurch werde ein besseres Angebot gesichert und der Marktlage könne sich etwas entspannen.

Thrakien - Sonnenblumenfelder soweit das Auge reicht

Thrakien, die Heimat von Imdat Saygi, ist das Herz des türkischen Sonnenblumenanbaus. Hier im europäischen Teil des Landes wird fast die Hälfte der gesamten Sonnenblumenernte der Türkei angebaut. Im Sommer gibt es hier gelbe Felder, soweit das Auge reicht.

Wenn der Boden aber so fruchtbar und das Klima günstig ist, warum wurde die Türkei dann so abhängig von Nahrungsmittellieferungen aus dem Ausland? Diese Frage beschäftigt immer mehr Menschen, insbesondere seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine. Denn das Land am Bosporus bezieht nicht nur rund 70 Prozent seines Sonnenblumenimports aus Russland und der Ukraine, auch 70 Prozent seines Weizenimports führte Ankara vergangenes Jahr aus Russland . Die Angst vor einer Lebensmittelknappheit ist daher sehr groß.

Noch größer aber ist die Angst vor einer Inflation. Denn diese steigt weiter rasant an. Im Februar betrug sie über 54 Prozent. Die Mehrheit der Bevölkerung leidet seit Monaten unter der Inflationsspirale, die als Folge der Niedrigzinspolitik von Präsident Erdogan gesehen wird. Nach der Pandemie kommt nun auch ein Krieg in der Region dazu. Ein Abflachen der Inflation ist nicht in Sicht.

Türkei Symbolbild Lira

Brot wurde in der Türkei durch die Inflation immer teurer, wird es durch den Ukrainekrieg nun auch noch knapp?

"Die Türkei muss krisensicher sein"

Baki Remzi Suicmez, Vorsitzender der türkischen Kammer für Agraringenieure sagt im Interview mit der DW: "Die Türkei muss krisenfest sein." Nur mit nachhaltiger Planungssicherheit und staatlicher Förderung könne die Abhängigkeit vom Ausland reduziert werden, meint er. Dies sei sowohl für Sonnenblumen als auch für Weizen und Mais unbedingt notwendig. Auch andere Experte rufen die AKP-Regierung dazu auf, einen Fünf-Jahres-Notfallplan für Landwirtschaftsprodukte zu erarbeiten. 

Derweil verhandelte Ankara hinter verschlossenen Türen intensiv mit Moskau darüber, die Containerschiffe aus den russischen Häfen auslaufen zu lassen. Mit Erfolg. Am Mittwochabend gab das türkische Verkehrsministerium bekannt, dass vier der Containerschiffe die Häfen von Jeisk und Rostov im Asowschen Meer verlassen durften und Mitte kommender Woche in der Türkei erwartet werden. Diese Nachricht wurde in türkischen Medien als Eilmeldung verbreitet. Allein das zeigt, wie ernst die Lage derzeit am Bosporus ist.

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