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Wichtiger als E-Mails?

Marcus Bösch11. April 2008

In 140 Zeichen lässt sich nicht viel sagen. Denken Sie. Bloggern, der BBC und Barack Obama reicht das. Sie alle publizieren beim Online-Dienst Twitter. Der könnte die nächste große Sache im Internet werden.

https://p.dw.com/p/DfT0
Screenshot der Twitter-Startseite (Quelle: DW)
Was machst du?

Glaubt man aufgeregten Medienjournalisten bahnt sich hier nichts weniger als die Zukunft des Internets an. Kostprobe gefällig? "Die klassischen Medien stürmen Twitter." "In den USA wird derzeit das Microblogging-Tool Twitter als legitimer Nachfolger der E-Mail betrachtet." Oder auch: "An Schulen und Universitäten erlebt Twitter laut Berichten der US-Medien gerade einen riesigen Boom." Das alles sind aktuelle Meldungen aus dem Netz. Und so sieht Twitter.com aus:

Hört sich banal an

8 Uhr 27 Minuten: "Es schneit", schreibt misscaro. 11 Uhr 33 Minuten: "Bowling!", schreibt Spreeblick. Irgendwann später: "In San Francisco jubeln Jubel-Chinesen und reissen den Demonstranten die Free-Tibet-Fahnen aus der Hand", schreibt weltkompakt. Eine schlichte Internetseite mit übereinandergeschichteten Kurzmeldungen. Das ist sie also. Die schöne neue Twitter-Welt. Angemeldete Benutzer schreiben SMS-ähnliche Textnachrichten. Interessierte Nutzer bekommen sie automatisch auf den Computer oder das Handy weitergeleitet.

Hört sich banal an. Ist es auch. So banal, dass sich keine direkte Faszination einstellen mag. "Twitter ist so einfach, dass viele Leute nicht wissen was sie damit tun sollen", sagt Oliver Ueberholz. Er bloggt unter dem Namen Webworkblogger über die Welt des Webs. Und hat bereits im März letzen Jahres "17 sinnvolle Anwendungsideen für Twitter" veröffentlicht. Im Moment überarbeitet er den Eintrag. Denn seit dem letzten Hype im Frühjahr 2007 bahnt sich fast genau ein Jahr später ein neuer Hype an.

Schnell, direkt, unverbindlich

Seit Juli 2007 sind die Twitter-Nutzerzahlen von 300.000 auf weit mehr als 800.000 angestiegen. Nur wie und wozu man Twitter jetzt am besten nutzt, darüber besteht noch kein wirklicher Konsens. misscaro, die im wirklichen Leben Caro Buchheim heißt, in Freiburg wohnt und für das Webportal Fudder arbeitet, nutzt Twitter zur Kontaktpflege: "Man kann ein loses Bekanntschafts- und Freundesnetz viel besser im Blick behalten und vertiefen." Für Web-Experte Ueberholz nur eine der zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten für Blogger, Unternehmer, große Familien oder Journalisten.



Twitter als schnelle, direkte Informationsbörse haben inzwischen auch klassische Medien und Wahlkämpfer für sich entdeckt. So twittern nach den Pionieren von der BBC auch verschiedene deutsche Medien wie die Bildzeitung, die Welt und auch die Deutsche Welle. Nach dem Willen der Twitter-User wäre übrigens auch der andauernde Streit um den demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten schon lange und eindeutig entschieden. Denn Barack Obama hat dort sieben Mal so viele so genannte Follower wie Hillary Clinton.

Screenshot der Website Tweetvolume (Quelle: DW)
Wenn es nach den Twitter-Usern gehen würde, dann wäre Barack Obama schon lange der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat

Weltweites Geschnatter

Ob sich mit Twitter allerdings wirklich der legitime Nachfolger der E-Mail in Startposition befindet? Webworkblogger Ueberholz glaubt nicht daran: "Nein, aber es ist eine unglaublich schnelle Art und Weise zu kommunizieren, weil man über alle Medien hinweg kommunizieren kann." Denn Twitter lesen und bestücken kann man sehr einfach auch am Mobiltelefon per SMS. Ein klarer Vorteil zur klassischen E-Mail, für die eine Internetverbindung nun mal notwendig ist.

Screenshot der Website Twittervision (Quelle: DW)
Kann süchtig machen - die Website Twittervision.com



So kann, wer will, auch in der Bahn, im Cafe oder auf dem Fahrrad, in das weltweite vielstimmige Gezwitscher und Geschnatter (englisch: "Twitter") einstimmen. Die einzige Bedingung: Mehr als 140 Zeichen gibt es nicht. Für alle, die erst einmal gucken wollen, empfiehlt sich die Website Twittervision. Denn hier ist eine Weltkarte zu sehen, die automatisch Twitter-Einträge aus der ganzen Welt nahezu in Echtzeit aus der jeweiligen Weltregion anzeigt. Ein kurioses Nebeneinander von banalen, wichtigen, interessanten und vollkommen egalen Informationen. Ein wirres Sammelsurium. Eine unmittelbare Abbildung der weltweiten Jetzt-Zeit.