Turner-Preis geht an alle vier nominierten Künstler | Kunst | DW | 04.12.2019
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Zeitgenössische Kunst

Turner-Preis geht an alle vier nominierten Künstler

Zum ersten Mal teilen sich vier Finalisten den renommierten Turner-Preis für Moderne Kunst. Ausgezeichnet wurden im englischen Margate Lawrence Abu Hamdan, Helen Cammock, Oscar Murillo und Tai Shani.

Die nominierten Künstler hatten die Jury in einem Brief gebeten, den Preis zu teilen, als Statement der "Gemeinsamkeit, Vielfalt und Solidarität" in einer Zeit der politischen Krise. Sie wollten damit ein Zeichen setzen "in einer Ära, die vom Aufstieg der Rechten und von der Erneuerung des Faschismus geprägt" sei.

Damit ist die Vergabe des Turner-Preises 2019 in doppelter Hinsicht besonders gewesen: Nicht nur die Tatsache, dass sich die Jury auf die Bitte der Künstler einließ, dürfte viele überrascht haben, sondern auch der Zusammenschluss der vier Künstler an sich ist ungewöhnlich. Cammock, Shani, Abu Hamdan und Murillo erklärten, ihr Werk sei inkompatibel mit dem Wettbewerb-Format, dessen Tendenz es sei, zu spalten und zu individualisieren. Daher wollten sie den Preis gemeinsam annehmen - Kollegialität im Dienste eines höheren Zwecks, anstatt Ellenbogen-Attitüde wie man sie normalerweise aus dem Kunstbetrieb kennt.

Auszeichnung am Puls der Zeit 

UK l Verleihung des Turner-Preis für Moderne Kunst 2019 l Preisträger Lawrence Abu Hamdan (Getty Images/Stuart Wilson)

Preisträger Lawrence Abu Hamdan

Der Schritt der Turner-Jury überraschte jedoch nicht jeden. Im Deutschlandfunk sagte der Kunstkritiker Carsten Probst, es sei doch relativ plausibel, wenn man sich den Vorlauf und die Debatten der letzten Monate anschaue. "Da gab es zum Beispiel die Sackler-Debatte um Kunst- und Kultursponsoring durch Firmen oder reiche Sammler mit fragwürdigen Geschäftsmodellen. Der Turner-Preis selber hatte eine Debatte, weil einer seiner Förderer homophobe Äußerungen gemacht hatte." Seit seiner Gründung in den 1980er Jahren habe der Preis immer wieder versucht, "Trends zu setzen oder zumindest Trends zu stärken, die auf die Gegenwartskunst zielen". In den letzten Jahren habe er auch verstärkt versucht, Minderheiten zu stärken, gegen Diskriminierung zu wirken und für das soziale Engagement von Künstlern. Der Turner-Preis reflektiere das, was derzeit diskutiert werde. "Das sind Gründe, warum sich die Bedeutung des Preises gehalten hat", so Probst weiter. 

Der Vorsitzende der Jury und Direktor der Tate Britain, Alex Farquharson, erklärte bei der Verleihung im englischen Margate, die Nominierten hätten der Jury mit ihrer Bitte eine Menge zu denken gegeben. Aber es sei "sehr im Geiste des Werkes dieser Künstler, Konventionen herauszufordern, polarisierten Weltsichten zu widerstehen und andere Stimmen zu vertreten". Er fügte hinzu: "Es gibt keine vier Gewinner, es gibt nur einen Gewinner und das sind die vier als ein Kollektiv."

Politik, Gesellschaft und Geschichte sind zentrale Themen 

Im Vorfeld hatte der kolumbianisch-britische Künstler Oscar Murillo mit seiner Installation von lebensgroßen menschlichen Figuren, die wie eine Kirchengemeinde vor einem teils verhangenen Fenster mit Ausblick auf das Meer auf Bänken gruppiert sind, als Favorit gegolten. Im Zentrum seiner Werke stehen Fragen von Migration, Gemeinschaft, Austausch und Handel in der heutigen globalisierten Welt. Zu Murillos Repertoire gehören sowohl großformatige Gemälde, Texte, Videokunst oder Werke aus Recycling-Materialien. Mit 11 Jahren von Kolumbien nach London emigriert, stützt er sich dabei immer wieder auf seine eigene Biografie sowie auf die seiner Familie und Freunde, und bezieht sie häufig bei seinen Performances mit ein.

Helen Cammock war für einen Film über die Rolle von Frauen zu Beginn des Nordirland-Konflikts nominiert. Die Werke der Britin fußen auf intensiven Nachforschungen, bei denen sie der Komplexität gesellschaftlicher Entwicklungen auf den Grund geht. Die Stimme ist dabei zentrales Element: in der Geschichte marginalisierte Stimmen oder die Frage, wer für wen und zu welchen Bedingungen spricht. Cammocks Arbeiten sind gekennzeichnet durch fragmentierte, nichtlineare Narrative. Es finden Sprünge zwischen verschiedenen Orten, Zeiten und Kontexten statt, die den Betrachter dazu zwingen, komplexe globale Zusammenhänge und die untrennbare Verbindung zwischen Individuum und Gesellschaft anzuerkennen. 

Tai Shani gewann mit ihrer Performance "DC: Semiramis", in der sie weibliche Andersartigkeit als ein perfektes Ganzes darstellt und diese in einer Welt voller Mythen und Geschichten verortet, die das Patriarchat negieren. Die Performances, Filme, Fotografien und skulpturalen Installationen der 43-Jährigen sind häufig um experimentelle Texte herum strukturiert. So entstehen dunkle, fantastische Welten, die voller utopischer Möglichkeiten stecken.

Lawrence Abu Hamdan hatte mit Soundeffekten die Erinnerungen ehemaliger Häftlinge an die Geräusche in einem syrischen Foltergefängnisses auf verschiedene Weise verarbeitet. In seinen audiovisuellen und installativen Arbeiten thematisiert er die politischen Dimensionen von Sprache und Kommunikation, erforscht die Rolle von Klang und Stimme im Rahmen von Recht und Menschenrechten. Abu Hamdan, der im Libanon lebt, arbeitet dafür immer wieder mit Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International zusammen.

Wichtigster britischer Kunstpreis

Der Turner-Preis ist die wichtigste britische Auszeichnung für moderne Kunst. Er ist nach dem englischen Maler William Turner (1775-1851) benannt und wird seit 1984 vergeben. Das Preisgeld für den Gewinner beträgt 25.000 Pfund (etwa 29.000 Euro). Die anderen Nominierten bekommen jeweils 5000 Pfund. Die Preisgelder werden nun in Summe an die vier Gewinner gegeben, die es unter sich aufteilen. Die Vergabe der Auszeichnung wird von der Londoner Tate Gallery organisiert. Sie erfolgte in diesem Jahr erstmals in der Turner Contemporary Gallery in dem Küstenort Margate im Südosten Englands.

Im vergangenen Jahr ging der Preis an die britische Künstlerin Charlotte Prodger. Die 45-Jährige wurde für ihre teilweise mit dem iPhone aufgenommenen Kurzfilme "Bridgit" und "Stoneymollan Trail" ausgezeichnet.

Unter den Preisträgern sind bislang erst zwei Deutsche: der Fotograf Wolfgang Tillmans (2000) und die Malerin Tomma Abts (2006).

Farquharson sagte weiter, der Turner Preis sei schon zuvor aus den vorgefertigten Formen ausgebrochen, so zählten Architekten und Menschenrechtsforscher in jüngerer Zeit zu den Gewinnern und Nominierten. Die Innovation habe dafür gesorgt, dass der Preis dynamisch, überraschend und keineswegs versteinert bleibe. "Ich denke nicht, dass er diese lange Geschichte gehabt hätte, wenn er sich nicht entwickelt und uns nicht überrascht hätte."

kle/hk/bb (dpa, ape)

 

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