Trotz Corona: Ungarn will nationalistischen Lehrplan umsetzen | Kultur | DW | 29.03.2020
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Kultur

Trotz Corona: Ungarn will nationalistischen Lehrplan umsetzen

In Ungarns Schulen sind völkische und antisemitische Autoren bald Pflichtlektüre. Auch die eigene Geschichte soll verfälscht werden – im Sinne der Nation. Der Protest dagegen hält auch in der Corona-Krise an.

Als die rechtsnationale Regierung von Ungarns Premierminister Viktor Orbán Ende Januar ihren neuen "Nationalen Grundlehrplan" (NAT) vorstellte, ahnte wohl noch niemand, dass zwei Monate später alle Schulen im Land bis auf weiteres geschlossen bleiben würden. Das Coronavirus hat Ungarns Bildungssystem fast vollständig zum Stillstand gebracht. "Bis auf wenige Ausnahmen funktioniert Home-Schooling in Ungarn derzeit nicht", sagt Ildikó Repárszky, Lehrerin am Budapester Mihály Fazekas Gymnasium, im Gespräch mit der DW. Die von der Regierung zur Verfügung gestellte Plattform zum Austausch von Lehrmaterialien breche regelmäßig zusammen. Es fehle an schnellem Internet und Laptops für Lehrer und Schüler, vor allem in den ärmeren Regionen des Landes. "Die aktuelle Situation zeigt, wie sehr die Modernisierung des Bildungssystems in den vergangenen Jahren vernachlässigt wurde", so Repárszky.

Nobelpreisträger Imre Kertész am Rednerpult (picture-alliance/dpa/P. Lundahl)

Aus dem Literaturkanon der Schulen gestrichen: Literaturnobelpreisträger Imre Kertész, hier bei der Verleihung 2002

Obwohl das Schulsystem gerade in sich zusammenfällt, will die Orbán-Regierung an der Einführung ihres viel kritisierten nationalistischen Lehrplans im September festhalten. Doch der Protest dagegen wächst. Lehrerverbände, Schüler, Eltern, Professoren und Intellektuelle kritisieren das neue Curriculum als inhaltlich stark ideologisiert. Zudem sei es mit Lernstoff überfrachtet und trainiere Kindern das kritische Denken ab.

Geschichte soll verfälscht werden

Besonders deutlich sind die nationalistischen Tendenzen in den Fächern Literatur und Geschichte. Letztere soll so gelehrt werden, dass die Schüler "stolz auf die Vergangenheit ihres Volkes" sind. Historische Niederlagen der Ungarn sollen dazu aus dem Lehrplan gestrichen und durch siegreiche Schlachten ersetzt werden. Sagen und Mythen der ungarischen Frühgeschichte stellt der Lehrplan als historische Fakten dar.

Selbst die umstrittene Regentschaft Miklós Horthys (1920-1944) sollen Geschichtslehrer als durchweg positive Ära der ungarischen Geschichte vermitteln. Dass Horthy bereits 1920 anti-jüdische Gesetze erließ und später ein enger Verbündeter Adolf Hitlers war, wird heruntergespielt. "Es ist höchst problematisch, dass der jungen Generation ein idealisiertes Bild der ungarischen Geschichte beigebracht werden soll", kritisiert László Miklósi, Vorsitzender des ungarischen Geschichtslehrerverbands, gegenüber der DW. Schüler hätten dadurch nicht nur ein verfälschtes Geschichtsbild, ihnen werde auch das kritische Denken abtrainiert, so Miklósi.

Antisemitische Schriftsteller werden Pflichtlektüre

Im Zentrum der Kritik steht weiterhin der Literaturkanon des neuen Lehrplans. Ungarns einziger Literaturnobelpreisträger, der Holocaust-Überlebende Imre Kertész, wurde daraus ebenso entfernt wie der weltweit anerkannte und vielfach übersetzte Romancier Péter Eszterházy, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Stattdessen sind nun Werke von völkischen Autoren wie József Nyírő und Albert Wass Pflichtlektüre. Nyírő war Mitglied der faschistischen Pfeilkreuzler-Partei und erklärter Bewunderer von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, Wass ein bekennender Antisemit und verurteilter Kriegsverbrecher. Seit Jahren arbeitet die Fidesz-Regierung an beider Rehabilitierung, benennt Straßen nach ihnen und baut ihnen Denkmäler.

Statue des ungarischen völkischen Schriftstellers Albert Wass (DW/F. Schlagwein )

Statue des völkischen Schriftstellers Albert Wass nahe Budapest

Der neue Literaturkanon löste einen landesweiten Aufschrei aus. Lehrergewerkschaften, Universitäten und die Ungarische Akademie der Wissenschaften (MTA) forderten die Rücknahme des Lehrplans. In den sozialen Medien protestierten Lehrer unter dem Hashtag #noNAT mit Slogans wie "Ich unterrichte keine faschistischen Schriftsteller". Auch aus konservativen Kreisen und von den Kirchen kam Kritik.

Weiterer Schritt im anhaltenden "Kulturkampf"

Mit der Einführung des neuen Grundlehrplans setzt Viktor Orbáns Fidesz-Regierung ihre Zentralisierungspolitik im Bildungssektor fort. "Die Regierung macht die Schulen damit zum Schlachtfeld in diesem Kulturkampf", sagte der Politologe und Bildungsforscher Péter Radó bereits Ende Februar vor internationalen Journalisten, unter anderem der DW. Zuvor hatte diese bereits große Teile der vom ungarisch-amerikanischen Milliardär George Soros gegründeten Central European University (CEU) aus Budapest vertrieben und ihren politischen Einfluss auf die Ungarische Akademie der Wissenschaften (MTA) ausgeweitet.

Politologe und Bildungsforscher Peter Rado (DW/F. Schlagwein )

Kämpft gegen den neuen Lehrplan: der Politologe und Bildungsforscher Péter Radó

Auch Kultureinrichtungen stehen seit der Verabschiedung eines umstrittenen Kulturgesetzes Ende vergangenen Jahres unter stärkerer Kontrolle der Regierung. Eine kritische Presse muss Viktor Orbán indes nicht fürchten: Ungarns Medienlandschaft steht – bis auf wenige Ausnahmen – unter Kontrolle der Regierung und regierungsnahen Unternehmern.

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