Trotz Corona: Fridays for Future mit Klimastreik wieder auf der Straße | Umwelt | DW | 25.09.2020
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Umwelt

Trotz Corona: Fridays for Future mit Klimastreik wieder auf der Straße

Es ist der erste "echte" Klimaprotest im Jahr der Pandemie. Schülerinnen und Schüler weltweit fordern heute von der Politik, entschieden gegen die Klimakrise vorzugehen. Die Proteste sollen Corona-konform sein.

COVID-19 machte ihnen einen Strich durch die Rechnung - wie so viele andere Veranstaltungen fielen dieses Jahr durch die Corona-Pandemie auch die öffentlichen Klimastreiks aus. Von den Corona-Beschränkungen gelähmt, inszenierten die Klimaschützer der Fridays for Future-Bewegung monatelang digitale Proteste gegen das Nicht-Handeln der Politik in Sachen Klimawandel.

Heute gehen sie wieder auf die Straße.

Was 2018 mit dem Schulstreik der jungen Schwedin Greta Thunberg in Stockholm begann, die jeden Freitag mit Protestplakaten vor dem schwedischen Parlament eine bessere Klimapolitik einforderte, statt zum Unterricht zu gehen, ist längst zu einer globalen Jugendbewegung für Klimagerechtigkeit angewachsen.

Im vergangenen Herbst versammelten sich weltweit Millionen zu Protestmärschen und Kundgebungen. Dann kam die Corona-Krise, Schulen wurden geschlossen, Versammlungen verboten.

Klimaschutz-Appell an Deutschland

Der Protest an diesem Freitag ist die erste globale Aktion der Gruppe seit Ausbruch der Pandemie und folgt auf Treffen zwischen prominenten Aktivisten und internationalen Politikern. Letzten Monat überreichten Thunberg und drei weitere Klimaaktivisten Bundeskanzlerin Angela Merkel einen von fast 125.000 Menschen unterschriebenen Brief. Darin fordern sie die Staats- und Regierungschefs der EU auf, "nicht länger so zu tun, als könnten wir die Klima- und Umweltkrise lösen, ohne sie als Krise zu behandeln".

In ihrem Appell drängen Fridays for Future unter anderem auf einen sofortigen Stopp aller Investitionen und Subventionen in fossile Brennstoffe. Und sie rufen die deutsche Regierung auf, den Ausstieg aus der Kohleförderung von 2038 auf 2030 vorzuziehen und Deutschland bis 2035 statt bis 2050 klimaneutral zu machen.

Klimaschutzaktivistin Line Niedeggen spricht auf einer Demonstration

Es sei an der Zeit, dass Deutschland mit gutem Beispiel vorangeht, meint Line Niedeggen

Line Niedeggen, Physikstudentin an der Universität Heidelberg und Sprecherin von Fridays for Future, sieht Deutschland in der Verantwortung, beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Historisch gesehen sei die Bundesrepublik einer der größten Kohlenstoff-Emittenten der Welt, so Niedeggen. Das Land sei reich genug, um sauberere Energiesysteme einzuführen.

Berlin müsse gerade jetzt, nach Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft in Juli, aktiv werden. "Wir müssen diese Rolle als Führer eines der größten Emittenten der Welt nutzen, um einen Richtungswechsel einzuleiten. Denn wissenschaftlich gesehen ist 2020 das letzte Jahr, in dem wir Änderungen vornehmen können, um tatsächlich das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen", so Niedeggen gegenüber der DW.

Letzte Chance zur Senkung der CO2-Emissionen

Im vergangenen November mahnte die Leiterin des UN-Umweltprogramms gemeinsam mit Forschern, das Jahr 2020 biete die letzte Chance zur Senkung der weltweiten Treibhausgasemissionen. Damals war für die meisten unvorstellbar, dass dieses Schlüsseljahr dem beispiellosen weltweiten Corona-Notstand zusammenfallen würde.

Die Pandemie hat dem Klimaaktivismus einen herben Schlag versetzt. Als Bewegung, die die Welt auffordere, endlich auf die Wissenschaft zu hören, hätten die Streikenden die Versammlungsverbote äußerst ernst genommen, öffentliche Proteste sofort gestoppt und ihre Aktivitäten ins Internet verlegt, betont Niedeggen.

Menschen halten Plakate für mehr Klimaschutz vor ihren Bildschirmen hoch

Dieses Jahr haben Fridays for Future ihre Botschaft bisher vor allem digital verbreitet

Am 24. April organisierte Fridays for Future einen "digitalen Klimastreik". Gemeinsam mit anderen Aktivisten veranstaltete Niedeggen eine Livestream-Veranstaltung, die fast eine Viertelmillion Besucher anzog. "Wir standen nicht physisch zusammen, aber wir kämpften alle zusammen", sagt sie. Aktivistinnen und Aktivisten sammelten außerdem Tausende von Plakaten aus ganz Deutschland und legten sie unter dem Motto "Fight every crisis" (Kampf gegen jede Krise) vor dem Deutschen Bundestag aus.

Pandemie stiehlt Proteste

Dennoch verdrängte das Coronavirus den Klimawandel unweigerlich von der Tagesordnung. Laut einer Umfrage der Postbank beteiligten sich seitdem nur rund sechs Prozent der deutschen 16- bis 18-Jährigen an Onlinestreiks. Zum Vergleich: An den physischen Fridays-for-Future-Protesten nahmen vorher fast 30 Prozent dieser Altersgruppe teil.

Anderswo in der Welt sorgte der Übergang zum Online-Aktivismus sogar für noch mehr Schwund. Fatou Jeng, Klimaaktivistin aus Gambia, berichtet, dass Schulstreiks in Afrika zwar weniger effektiv gewesen seien als in Europa, dennoch hätten sie zu vielen anderen Aktionen inspiriert. So habe sich der Protest hauptsächlich auf Naturschutzarbeit, das Pflanzen von Bäumen zum Schutz gefährdeter Küstenlinien sowie die Aufklärung der Bevölkerung in den Dörfern über den Klimawandel konzentriert.

Protestplakate der Klimaschutzbewegung füllen den Rasen vor dem Berliner Reichstag

Auch während des Lockdowns fanden Klimaschützerinnen und Klimaschützer in Deutschland einen Weg, um gesehen und gehört zu werden

Doch die meisten dieser Aktionen mussten als Folge von COVID-19 eingestellt werden. Und während gambische Aktivisten weiterhin digitale Mittel einsetzen, um Entscheidungsträger unter Druck zu setzen, "haben die ländlichen Gebiete, die anfälliger für die Auswirkungen des Klimawandels sind, kaum Zugang zum Internet", so Jeng zur DW.

Eine neue Normalität ist möglich

Der globale Klimastreik im vergangenen September zog Jung und Alt auf der ganzen Welt an. Laut Fridays for Future beteiligten sich insgesamt 7,6 Millionen Menschen an den Aktionen, schätzungsweise allein 270.000 Menschen in Berlin. Für die diesjährige Veranstaltung hat die Klimaschutzbewegung nun an die jeweils regional geltenden Corona-Schutzmaßnahmen angepasst.

COVID-19 biete aber auch Chancen, meint Jeng. "Die Pandemie zeigt, dass wir unseren Alltag ändern können, wir sind sehr wohl in der Lage, uns auf eine Krisensituation einzustellen", sagt sie. Die Schlüsselfrage sei, wie die Volkswirtschaften wieder auf die Beine kommen: "Wir haben die Möglichkeit, eine neue Normalität aufzubauen, eine ökologisch gerechte, klimagerechte Normalität für alle, eine nachhaltige Weltordnung."

Klimaaktivistin Fatou Jeng bei einer Pressekonferenz

Fatou Jeng: "Nicht für alle Menschen in Gambia ist ein Online-Streik machbar"

Ein Wirtschaftssystem der Ungerechtigkeit

Im Juli gehörte Jeng zu den 20 Aktivistinnen der Fridays-for-Future-Gruppe aus dem globalen Süden, die einen offenen Brief an die G20-Finanzminister unterzeichneten. Darin warnen sie davor, dass deren Entscheidungen in "exklusiven Hinterzimmern" über Konjunkturpakete und Rettungsaktionen für Unternehmen "die Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung für Jahrzehnte blockieren" würden.

"Das System ist nicht kaputt, es wurde gebaut, um ungerecht zu sein. Wir brauchen keinen Aufschwung, wir brauchen einen Neustart", heißt es in dem Brief, der außerdem betont, dass "Schwarze, Indigene und People of Color" unverhältnismäßig stark von der Wirtschafts-, Klima- und Coronavirus-Krise betroffen sind.

Doch die Zahlen zu den Konjunkturausgaben der G20-Staaten lassen nicht vermuten, dass diese Worte Wirkung zeigten. So gab es international viel Kritik, weil die Finanzminister der G20-Staaten sich einem Schuldenerlass gegenüber den ärmeren Ländern verweigerten.

Aktivistinnen und Aktivisten mit Mund-Nasen-Schutz fordern in Sydney auf Transparenten mehr Klimaschutz

Proteste in Sydney

Laut Energy Policy Tracker, einem Internet-Rechner, den Nichtregierungsorganisationen gemeinsam mit Wirtschafts- und Umweltinstituten betreiben, um die weltweite Energiepolitik auszuwerten, sagten die G20-Länder seit Beginn der Pandemie bis zum August insgesamt 142 Milliarden Euro für die Förderung des fossilen Energiesektors zu. 

"Noch kein echter politischer Wandel"

Katrin Uba, außerordentliche Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Uppsala in Schweden forscht über Fridays for Future. Zwar habe die Klimaschutzbewegung das Bewusstsein für die Klimakrise geschärft habe und ihre Vertreter würden von politischen Entscheidungsträgern eingeladen und gehört. Dennoch: "Ein echter politischer Wandel hat bislang aber noch nicht begonnen", sagt Uba.

Allerdings, so erläutert die Politikwissenschaftlerin, durchliefen soziale Bewegungen verschiedene Wellen der Mobilisierung, je nachdem, ob die öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Kernthemen ab- oder zunähmen. Und vielleicht sei die größte Errungenschaft von Fridays for Future die Geburt einer politisch aktiven Generation, die den Kampf gegen die Klimakrise noch lange weiterführen werde, wenn die Corona-Pandemie eingedämmt und von der aktuellen Tagesordnung wieder verschwunden sei.

"Wir wissen aus unseren Recherchen eindeutig, dass viele der Menschen, die auf die Straße kamen, zuvor in ihrem Leben noch nie protestiert hatten", betont Uba."Und wir wissen auch: Wer einmal bei einem Protest mitmacht, der wird wahrscheinlich auch weiterhin aktiv bleiben." 

Dieser Artikel erschien erstmals im August und wurde aktualisiert, um den globalen Klimastreik im September 2020 einzubeziehen.

Adaption: Jeannette Cwienk

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