Trotz Brexit: Britanniens Wirtschaft wächst | Wirtschaft | DW | 29.01.2018
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Brexit

Trotz Brexit: Britanniens Wirtschaft wächst

Im Jahr vor dem Brexit wächst die britische Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit langem nicht mehr. Dabei hatten viele vor den wirtschaftlichen Folgen eines EU-Austritts gewarnt.

In der kleinen Werkshalle fräst sich eine Maschine durch ein dickes Stück Metall. "Dank neuer Technologie werden unsere Teile immer größer", sagt Oliver Gwynne, Sales-Manager beim Zulieferer Bronte in Bradford, West Yorkshire. "Es ist wirklich eine Wachstumsbranche."

25 Mitarbeiter stellen bei Bronte Maschinenbauteile in Hochpräzision her. In der Mitte der Werkshalle wartet gerade eine Ladung gewaltiger Scheiben aus Metall auf den Abtransport zu einem Waggonbauer. In diesem Jahr will das Unternehmen neue Mitarbeiter einstellen - trotz Brexit.

Nach Erfolgsgeschichten wie der von Bronte muss man derzeit in Großbritannien nicht lange suchen. Die verarbeitende Industrie hat gerade ihr bestes Quartal seit dreieinhalb Jahren abgeschlossen. "Unsere Produktivität ist Jahr für Jahr gestiegen und unser Gewinn auch", sagt Gwynne. "Warum soll das nicht so weitergehen?"

Folgen des Brexit - Wirtschaft (DW/Erik Albrecht)

Ein Bauteil für eine Straßenfräse entsteht. Um zehn Prozent musste die Durham Foundry ihre Preise anheben.

Wirtschaftswachstum statt Brexit-Rezession

Vor negativen Folgen des Brexit hatten vor allem EU-Befürworter gewarnt. Die wirtschaftlichen Konsequenzen eines EU-Austritts würden massiv: Rezession, steigende Arbeitslosigkeit, fallende Hauspreise. "Britain Stronger in Europe", die Kampagne für den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU zitierte etwa eine Studie des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers (PwC), wonach die Unsicherheit des Brexit schon bis 2020 knapp eine Million britische Jobs vernichten werde.

Doch 2017 wuchs die Wirtschaft mit etwa zwei Prozent. Die Arbeitslosenquote fiel auf den niedrigsten Wert seit über 40 Jahren. Dabei hat sich die britische Regierung ein Jahr vor dem EU-Austritt immer noch nicht auf einen klaren Plan für die Zeit danach verständigt.

Pfund-Verfall als Konjunkturspritze

Dass der tiefe Absturz nach dem Referendum ausblieb, dürfte vor allem mit Verfall des britischen Pfunds zusammenhängen, sagt Jonathan Perraton, Ökonom an der Universität Sheffield. "Gerade das produzierende Gewerbe hat dadurch an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen."

Oliver Gwynne merkt das im Geschäft etwa mit Kunden aus Deutschland. Doch Bronte profitiert noch von einem anderen Trend, den der Brexit ausgelöst hat: "Viele große Firmen bewerten derzeit ihre Zulieferketten neu", beobachtet Gwynne. "Einige fragen sich seit dem Brexit: Könnten wir alles im Vereinigten Königreich produzieren, statt im Ausland?" Auch deshalb seien Brontes Auftragsbücher voll.

Dämpfer beim Wachstum

"Keep calm and carry on", scheint bislang die Devise vieler britischer Unternehmen. Trotzdem bleibt abzuwarten, ob die Gelassenheit anhält, wenn Brüssel und London in diesem Jahr über Details ihres Verhältnisses nach dem Brexit verhandeln.

"Unternehmen investieren immer noch ziemlich wenig", beobachtet Jonathan Perraton. Viele warteten darauf, dass die Folgen des Brexit absehbar würden. Und auch das Wirtschaftswachstum sei nicht besonders hoch angesichts der starken Konjunktur in der Weltwirtschaft, gibt der Ökonom zu bedenken. "Seit dem Brexit ist das Vereinigte Königreich auf einen der letzten Plätze unter den G7-Staaten gefallen."

Folgen des Brexit - Wirtschaft (DW/Erik Albrecht)

"Die Folgen des Brexit werden erst in zwei, vier, sechs Jahren sichtbar", sagt Mike Naylor, hier in seinem Büro.

Der Internationale Währungsfond IWF hat seine Wachstumsprognose für die Insel für 2019 gerade erst von 1,6 auf 1,5 Prozent herunterkorrigiert. Auch das ist kein herber Rückschlag. Doch gleichzeitig erhöhte der IWF seine Prognose etwa für Deutschland von 1,5 auf 2,0 Prozent. "Unser Produktion wird nicht einbrechen", sagt Perraton. "Aber wir werden schlechter abschneiden als ohne den Brexit."

Das schwache Pfund verteuert Importe

Diese Sorge treibt auch Mike Naylor um. Seine Durham Foundry spürt die Folgen des Brexit schon jetzt. "Gewinn war für uns lange Zeit eine Frage des Volumens", erklärt der Inhaber der Gießerei in Sheffield und zeigt auf die großen Öfen am Kopf der Fabrikhalle aus Backstein, in denen das Roheisen erhitzt wird. "Bei vier Schmelzen pro Tag machen wir Profit."

Derzeit schafft die Gießerei regelmäßig vier Schmelzen. "Unsere Auftragsbücher sind sogar ein wenig zu voll", sagt Naylor. Doch die alte Rechnung stimmt nicht mehr. "Roheisen und Stahl sind um 30 bis 50 Prozent teurer geworden. Und das ist eine direkte Folge des Brexit." Vor allem das schwache Pfund verteuert seinen Einkauf. Denn die Rohstoffe werden auf dem Weltmarkt gehandelt.

Als das Eisen 1350 Grad erreicht hat, gießt es ein Arbeiter in einen großen Bottich. Ein Kran unter dem Hallendach fährt den Bottich zu einer großen Form. Rot glühend fließt das Eisen in die Form aus Sand. Ein Bauteil für eine Straßenfräse entsteht. Naylor wird das Produkt zehn Prozent teurer verkaufen müssen als noch vor einem Jahr.

Folgen des Brexit - Wirtschaft (DW/Erik Albrecht)

Sheffield im Jahr vor dem Brexit: Die alte Stahlstadt erholt sich gerade erst von den Folgen der De-Industrialisierung.

Inflation Gefahr für privaten Konsum

Auf über drei Prozent ist die Inflation in Großbritannien seit dem Brexit geklettert. Ökonomen machen dafür vor allem das schwache Pfund verantwortlich. Naylor passt die Löhne seiner Arbeiter daran an. Viele Briten haben jedoch real weniger in der Tasche. Das werde bald auch die britische Wirtschaft spüren, erwartet Jonathan Perraton. Schließlich habe bislang der starke Konsum die Effekte des Brexit abgefedert.

EU-Befürworter hätten vor dem Referendum Panik geschürt, erinnert sich Mike Naylor. "Die haben den Weltuntergang voraussagt. Doch das war immer schon unrealistisch." Der Manager erwartet einen schleichenden Abstieg. Ein paar Zehntel Prozentpunkte weniger Wachstum hier, eine höhere Inflation dort. "Den wirklichen Effekt des Brexit werden wir erst in zwei, vier oder sogar sechs Jahren sehen." Es dürften die wirtschaftlich schwachen Regionen im Norden Englands sein, die die Folgen besonders spüren werden.