Trampen - die vergessene Abenteuerlust | Deutschland | DW | 03.08.2019
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Reise

Trampen - die vergessene Abenteuerlust

Das Reisen per Anhalter schont Klima und Geldbeutel und erweitert den Horizont. In Deutschland sieht man Tramper trotzdem nur noch vereinzelt. Warum? Und wer trampt heute noch? Über eine Reiseform im Wandel.

Etwas über eine Stunde Autofahrt trennen Lübeck und Hamburg. Felix Kösters legt die rund 70 Kilometer häufig mit Fremden zurück. "Die Strecke zu trampen ergibt absolut Sinn, weil ich nicht an irgendwelche Abfahrtszeiten gebunden bin", sagt der Student. "Ich kann mich einfach an die Straße stellen und werde mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit innerhalb von einer Viertelstunde mitgenommen. So bin ich deutlich flexibler." Zwar müsse man sich beim Trampen auf fremde Menschen einlassen und sich häufig wiederholen, aber "es überrascht einen immer wieder, wie viel Neues man erlebt und wie wenig sprachliches Verständnis man im Ausland braucht, um eine andere Person zu verstehen."

Neben seiner Abschlussarbeit an der Universität organisiert Kösters in diesen Tagen gemeinsam mit anderen Tramp-Begeisterten ein Tramprennen durch Europa. Der Wettkampf findet bereits zum 12. Mal statt. Ab Mitte August trampen von Görlitz und Bad Grönenbach aus rund 20 Zweier- und Dreierteams mit 19- bis 40-Jährigen auf verschiedenen Routen um die Wette nach Rumänien und sammeln dabei Spenden für die zivile Seenotrettung.

Screenshot Facebook - Tramprennen (Facebook )

Viele Tramper teilen ihre Erfahrungen auf Blogs und Social Media

Die Teams melden sich online an und halten sich über einen Liveticker über ihre Fortschritte auf dem Laufenden. Auf Youtube findet man eine Art Werbevideo für das Rennen, es gibt ein Blog, eine Facebook-Seite und einen Instagram-Account. Dass soziale Netzwerke für Tramper heute eine wichtige Rolle spielen, zeigt etwa die Facebook-Gruppe "Hitchhiking Europe", die aktuell 30.000 Mitglieder zählt. "Digitale Plattformen sorgen dafür, dass man es schafft, eine Community europaweit oder sogar weltweit zu vernetzen, die viel trampt. So findet ein viel größerer Erfahrungsaustausch statt, etwa darüber, wo man am besten stehen kann", sagt Kösters.

"Das kann unangenehm sein"

Was für ihn das Trampen attraktiv macht, schreckt andere eher ab - zum Beispiel Orlando Reijndrop. "Ich glaube, das Trampen ist einfach nichts für mich", sagt der 24-Jährige aus Amsterdam, der mit ein paar Freunden auf dem Parkplatz einer Raststätte an der A3 steht. Auf der gegenüberliegenden Seite rauscht der Verkehr gen Süden, daneben stehen LKW aus Polen, Slowenien und Österreich dicht an dicht, an Zapfsäulen werden anthrazitfarbene SUV aufgetankt, ein älteres Paar packt vor seinem Auto Butterbrote aus.

Das Informationsportal Hitchwiki empfiehlt den Rasthof als Ausgangspunkt für Tramper, die Richtung Frankfurt reisen wollen. Doch Anhalter mit Reiserucksack, die ein Pappschild hochhalten oder Autofahrer direkt bitten, sie ein Stück mitzunehmen, sind weit und breit nicht zu sehen.

Reijndorp und seine Freunde sind mit dem Auto unterwegs nach München, um sich ein Fußballspiel anzuschauen. Per Anhalter sei er noch nie gefahren, sagt der Student. "Mir ist beim Reisen Planbarkeit wichtig. Ich möchte wissen, wann ich wo ankomme. Außerdem muss man sich beim Trampen viel mit Menschen unterhalten. Das kann unangenehm sein."

Verlernte Spontaenität

Auch wenn der junge Niederländer nur für sich spricht: Allein dürfte er mit seiner Meinung nicht dastehen. Zwar gibt es - bis auf die Mitgliedszahlen einiger Vereine - keine Daten, die Aufschluss darüber geben, wie sich die Zahl der Tramper in Deutschland entwickelt hat. Klar ist aber: Die Zeiten, in denen Anhalter Landstraßen und Autobahnauffahrten säumten, um sich bis zur nächsten Stadt oder gleich in ein fremdes Land bringen zu lassen, sind lange vorbei. Und auch das inzwischen beliebtere Ansprechen von Fahrern an Autobahnraststätten ist offenbar kein Massenphänomen.

Deutschland | Orlando Reijndorp | Autobahnraststätte A3 (DW/H. Kaschel)

Stellt sich das Trampen vor allem anstrengend vor: Orlando Reijndorp

Mehr Autos, Billigflieger, ein besseres Bahnnetz, günstige Alternativen wie Fernbusse und Online-Mitfahrzentralen: Einige mögliche Gründe für das Verschwinden des Trampens aus dem Mainstream liegen auf der Hand. Aber auch andere neue Reisegewohnheiten könnten eine Rolle spielen, vermutet Kerstin Heuwinkel. "Es wird viel mehr geplant", sagt die Professorin für Internationales Tourismus-Management mit dem Schwerpunkt Tourismussoziologie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes.

So seien selbst Abenteuer im Urlaub häufig durchkalkuliert. "Nehmen Sie das Bungee Jumping oder das Shark Cage Diving. Das ist Adrenalin pur, aber sie wissen auch: Mir kann nichts passieren." Hohe Erwartungen an das Reisen lösten den Druck aus, sich schon vorab zu informieren, so Heuwinkel. Und selbst, wenn vor einem Urlaub nicht alles gebucht sei, könne man vor Ort auf Booking-Apps, Online-Bewertungen und Erfahrungsberichte zugreifen. Vielleicht müssten die Menschen erst wieder lernen, die "wahre Spontaneität" des Trampens zu erleben.

"Mein Leben hat Priorität"

Zudem halte "eine grundsätzliche, ungreifbare Unsicherheit" viele vom Trampen ab - oder davon, Anhalter mitzunehmen, glaubt Heuwinkel. Die Tourismuswissenschaftlerin verweist auf vergangene Terroranschläge, die nachwirkten, und den Angriff am Frankfurter Hauptbahnhof.

Polizeiliche Statistiken zu Straftaten beim Trampen existieren nicht und Nachrichten wie der Mord an der Tramperin Sophia L. bestimmen selten die Schlagzeilen. Auch in der Geschichte des Tramprennens ist laut Felix Kösters noch nie etwas wirklich Gefährliches passiert. "Das Schlimmste war mal ein gebrochener Arm".

Dennoch ist Sicherheit auch auf dem Rasthof an der A3 ein Thema. "In Frankfurt sehe ich manchmal Tramper, aber als Frau würde ich nie jemanden mitnehmen, wenn ich alleine bin. Da hätte ich Angst," sagt die Verkäuferin Hameda Fathi. Die niederländische Lehrerin Karin Deen, die mit ihrem Mann auf dem Weg in den Italien-Urlaub auf dem Parkplatz pausiert, sieht es genauso. Und auch Boloi Costal, ein LKW-Fahrer aus Rumänien, der eine Ladung Zucker nach Potsdam fährt, würde für Tramper nicht anhalten. "Mein Leben hat Priorität", sagt er.

Deutschland | Karin und Frans Deen | Autobahnraststätte A3 (DW/H. Kaschel)

Würde nie Anhalter mitnehmen, wenn sie alleine im Auto sitzt: Karin Deen (links)

Und die Sicherheit der Tramper selbst? Denen rät die Kriminalprävention der Länder und des Bundes dazu, nur bei Frauen oder Paaren mitzufahren, nicht allein zu trampen, einer Vertrauensperson zu Beginn der Fahrt Kennzeichen und Fahrtziel mitzuteilen - und wenn möglich, doch lieber ein öffentliches Verkehrsmittel zu nutzen.

Kommt die Tramp-Renaissance?

Auf eine Renaissance des Trampens lassen solche Aussagen nicht eher nicht schließen. Kösters ist trotzdem überzeugt, dass das Reisen per Anhalter in die heutige Zeit passt - auch vor dem Hintergrund der aktuellen Klimadebatte. "Eigentlich sollte es ja Aufgabe sein, die Autos, die im Moment fast komplett leer viele Kilometer zurücklegen, entweder zu füllen oder komplett von der Straße zu kriegen." Wenn mehr Menschen trampten, steige möglicherweise das Bewusstsein dafür, "wie Mobilität heute aussieht und wie sie explizit Menschen ausgrenzt, die nicht viel Geld haben, weil sie sich kein eigenes Auto leisten können und weil Bahntickets verdammt teuer sind."

Die Anmeldefrist für das Tramprennen ist seit Mittwoch abgelaufen. Dieses Mal gebe es deutlich weniger Anmeldungen als in manch anderem Jahr, sagt Kösters. Über die Gründe könne man derzeit nur spekulieren. Möglicherweise sei die erste Teilnehmergeneration aus dem Reisen per Anhalter herausgewachsen. "Wir werden uns mal im Anschluss mal zusammensetzen und gucken, wie wir das Ganze vielleicht neu aufziehen können."

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