Trägheit im Herzen | Spurensuche | DW | 29.08.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Spurensuche

Trägheit im Herzen

Wie gehen wir mit Wohnungslosen um? Mit psychisch erkrankten Menschen? Mit Flüchtlingen? Dominikanerpater Bernhard Kohl fragt im Beitrag der katholischen Kirche nach Hilfe auf Augenhöhe.

Eine Papstmesse. Alle sind schön säuberlich nach hierarchischer Rangordnung und Farbe aufgestellt. Am Schluss der Papst selbst in festlichen Gewändern mit Mitra und Stab. Der Papstthron und der Altar sind eigens für diesen Gottesdienst festlich errichtet. Auch wenn es organisatorisch nicht anders geht und der Papst lieber mehr Kontakt zu den Menschen hätte, das Bild bleibt: der Papst umgeben von den Kardinälen und Bischöfen und einigen auserwählten Laien am Altar, unten zuerst die Priester, dann die Ehrengäste und dann die „normalen Gläubigen“.

Gott sei Dank, gibt es aber auch das: die Suppenküchen, die für die Ärmsten der Armen da sind. Menschen werden wertgeschätzt, sie haben einen Namen und sie bekommen etwas vom Überschuss der Reichen, aber nicht vorgeworfen, sondern in Solidarität und Menschenfreundlichkeit überreicht. Die vielen Menschen, die dort ehrenamtlich mithelfen, tun dies aus Verantwortung in unserer Gesellschaft für die Opfer unserer Gesellschaft – zum Teil auch aus ihrer christlichen Verpflichtung heraus.

Hilfe auf Augenhöhe

Und dennoch: unsere Kirchengemeinden hier in Deutschland sind vor allem in der bürgerlichen Mittelschicht angesiedelt. Die Armen kommen häufig nur als Objekte der Caritasarbeit in den Blick. Die Hilfe für die Armen auf Augenhöhe bleibt aber wichtig und unverzichtbar für christliche Gemeinden. Doch in den kirchlichen Gremien sind die Armen, die Arbeitslosen, die Hartz-IV-Empfänger kaum zu finden. Sie fühlen sich oft nicht angenommen und können sich im kirchlichen Milieu nicht zurechtfinden. Sie werden zunehmend unsichtbar.

In diesem Zusammenhang ist eine Frage im Jakobusbrief interessant. „Macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede und seid Richter mit bösen Gedanken“ (Jak 2,4)? Sie ist als rhetorische Frage zu verstehen, da Jakobus seine Frage mit dem griechischen Fragepartikel „ou“ einleitet. Dieser lässt nur ein „Ja“ als Antwort zu.

Mit wem wollen wir umgehen?

Es geht für Jakobus bei seiner Frage nicht nur um die äußerliche Praxis, die Christen pflegen. Natürlich unterstützen Christen Projekte in der sogenannten Dritten Welt, natürlich sammeln wir Spenden, natürlich halten wir Kollekten. Und das ist auch vollkommen gut und richtig so. Aber ist es das, was Jakobus meint? Ist das ein wirklicher, vor allem zu Herzen gehender Einsatz für die Armen? Für Jakobus ist die Frage, wo wir uns mit armen Menschen auf Augenhöhe begeben. Wo wir ihnen als Menschen mit Würde gegenübertreten und nicht doch heimlich in der Pose des Gebenden. Ist es nicht eher so, dass wir uns auch in Kirchengemeinden genau überlegen, mit wem wir umgehen wollen?

  • Wie gehen wir mit Wohnungslosen um? Finden sie in unseren Gemeinden einen Ort, wo sie schlafen können, oder geht das schon zu weit. Halten wir sie eher mit einem kleinen Geldbetrag vor der Tür?
  • Oder: wie gehen wir mit psychisch erkrankten Menschen um? Werden sie, so schwierig das in der Realität ist, wirklich ein Teil von unserer Gemeinde, oder ist ihr Verhalten so besonders, dass ich mich mit so einem Menschen nirgendwo ernsthaft blicken lassen kann?
  • Sind Menschen mit Fluchterfahrung ein Thema für Arbeitskreise und Theaterstücke, oder Personen, die vor allem Menschen und Orte brauchen, bei und an denen sie bleiben können?
  • Stört die Fahne des Alkoholkranken dann nicht doch zu sehr, um lange mit ihm zu sprechen?

Vielleicht ist es eine Trägheit im Herzen, die mich daran hindert, den wirklichen Aufbruch, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen, egal was andere davon halten oder über mich denken. Gerade das ist es, was hinter der Mahnung und Anklage bei Jakobus steht: Er kennt diese menschliche Trägheit und dieses innere Überlegenheitsgefühl, etwas Besseres zu sein, und setzt die Vision einer Kirche und einer Gesellschaft, die die Würde aller wahrt und dem Leben dient, hinzu.

 

Zum Autor:

Bernhard Kohl OP, Dr. theol., Assistant Professor am St. Michael’s College der University of Toronto. Forschung und Veröffentlichungen zu den Themen Verletzbarkeit, Anerkennung, Post- und Transhumanismus.