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Tour de France: Unentschieden zur Halbzeit

Tom Mustroph
10. September 2020

Die Tour de France ist zur Hälfte absolviert. Echte Feierstimmung kommt aber nicht auf. Tour-Boss Prudhomme ist positiv auf COVID-19 getestet worden, im Peloton fahren viele Lädierte. Immerhin gibt es einen neuen Patron.

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Tour de France | Etappe 10 | Julian Alaphilippe
Bild: picture alliance/dpa

Es ist Halbzeit bei der Tour de France. Viele Fahrer sind aber schon jetzt geschlaucht. "Ja, es ging mir schon mal besser", sagt Nils Politt sarkastisch. Er stürzte zu Beginn der Tour. Seitdem schmerzt der Rücken. Zu Beginn der zweiten Woche fiel Politt erneut. "Die linke Schulter hat etwas abbekommen. Da ist etwas an den Bändern. Und sonst überall Prellungen, an den Rippen. Das ist ganz schön unangenehm", erzählt er. Kaum anders hört es sich bei Emanuel Buchmann an, Deutschlands großer Rundfahrthoffnung: "Ich habe mich schon deutlich besser gefühlt. Ich muss sehen, wie ich mich die nächsten Tage erholen kann." Der Vorjahresvierte hatte noch das Handicap, mit einer Sturzverletzung in die Tour zu gehen.

Zur allgemeinen Erschöpfung trug neben den Stürzen auch das Profil der ersten anderthalb Wochen bei. Die Streckenplaner der Tour haben die Strategie gewechselt. Es gibt keine leichten Etappen mehr, bei denen das Feld gemütlich über das flache Land rollt, eine Ausreißergruppe an der langen Leine hält, sie zehn Kilometer vor dem Ziel einholt und dann die Sprinter ihre mächtigen Oberschenkel bis zu 1000 Watt auf die Pedale bringen. In diesem Jahr zogen Berge und Anstiege bereits auf den Etappen zwei, vier und sechs viele Kräfte aus den Sprinterbeinen, bevor der Zielstrich überhaupt in Sichtweite kam. Danach ging es in die Berge der Pyrenäen. Auch die zweite Woche hält Anstiege bereit, bevor dann der große Alpenblock in Sicht gerät.

Virus-Stress und Blasen-Hoffnung

Eine Belastung vor allem psychischer Art stellt natürlich die Pandemie-Situation dar. Der Rennkalender ist verkürzt. Bei einigen Fahrern laufen Verträge aus. Sie haben Druck, sich in dem kurzen Zeitfenster der Restsaison möglichst gut zu präsentieren. Nicht vergessen darf man auch die Bedrohung durch das Virus selbst. Die Tour de France fährt durch ein Land der hohen Infektionszahlen. Zwischen 4.000 und 9.000 Neuinfizierte wurden in den letzten Tagen in Frankreich gezählt. Da mutet es wie ein Wunder an, dass - Stand jetzt - kein einziger der Sportler infiziert ist. Nur Tour de France-Chef Christian Prudhomme - ausgerechnet er! - sowie je ein Betreuer von vier unterschiedlichen Teams wurden am ersten Ruhetag positiv getestet. Die Blase, die um  das Peloton gebildet wurde, hält also einigermaßen. Großes Aufatmen allerseits.

Radsport Tour de France - 8. Etappe Cazeres - Loudenvielle
Trotz der Corona-Pandemie stehen die Fans bei den Bergetappen teilweise so dicht wie vor der Virus-KriseBild: picture-alliance/Augenklick/Roth

"Bis jetzt hatten alle Sportler ein negatives Ergebnis. Und da bin ich sehr erleichtert. Ich hoffe, dass es so weitergeht", bilanziert Radprofi Nikias Arndt vom Team Sunweb.  Er bleibt aber auch vorsichtig: "Es kann passieren, dass von außen irgendwo das Virus ins Fahrerfeld reinkommt." Arndt weiß natürlich auch, dass es ein enger Ritt wird. Immer mehr Zuschauer kommen an die Strecke. Immer dichter rücken sie den Fahrern auf die Leiber. Und nicht alle tragen eine Maske dabei.

Zusätzlich hängt  das Damoklesschwert der Zwei-Fälle-Regel über den Teams. Bei einem zweiten positiven Fall innerhalb von sieben Tagen muss das gesamte Team die Tour verlassen. Mit diesem Risiko beschäftigen sich die Profis natürlich. "Es wäre schade, und wir wären sicherlich alle enttäuscht", spielt Nikias Arndt auf den Fall an, dass die Fahrer zwar weiter negativ bleiben, aber zwei Betreuer positiv getestet werden und deshalb der ganze Rennstall abreisen muss. "Aber es wäre das einzig Richtige, um das ganze restliche Fahrerfeld zu schützen. Da sind wir auch in der Verantwortung, wenn die Regularien es so sagen. Ich stehe voll und ganz dahinter, dass zumindest das Rennen dann weitermachen kann."

Wenigstens eine kleine Entwarnung erreichte die Teams und Fahrer in Sachen Corona-Bestimmungen am Donnerstag, während sie sich auf der längsten Etappe der Tour über 218 Kilometer von Chauvigny nach Sarran Corrèze befanden. Tour-Veranstalter ASO legte fest, dass die vier Rad-Teams mit einem Positivfall im Betreuerstab bei einer weiteren Infektion nicht direkt das Rennen verlassen müssen, wenn am zweiten Ruhetag die nächsten Kontrollen durchgeführt werden. Vielmehr fangen alle 22 Rennställe wieder bei Null an. Es gilt aber weiterhin, dass zwei Positivfälle zum Ausschluss des ganzen Rennstalls führen. 

Wachablösung im Rennen

Im Rennen selbst zeichnet sich eine Wachablösung ab. Team Ineos mit Titelverteidiger Egan Bernal ist ins zweite Glied gerückt. Die Nummer eins ist eindeutig Primoz Roglic, Kapitän des sehr dominant auftretenden Teams Jumbo Visma. Das stellt mit Roglic nicht nur den Mann in Gelb. Es verfügt auch über den stärksten Bergzug und leistet sich zudem den Luxus, bei flacheren Etappen Edelhelfer Wout van Aert die Lizenz zum Etappensieg auszustellen. Zwei Mal schlug der Ex-Mountainbiker bereits zu.

Tour de France | Etappe 11 | Roglic und Bernal
Der Tour-Sieger 2019 und sein Nachfolger? Egan Bernal (r.) mit Primoz Roglic (l.) Bild: picture alliance/AP Photo

Richtig fürchten muss Roglic wohl nur einen einzigen: Landsmann Tadej Pogacar. "In den Pyrenäen war er definitiv einer der Stärksten", meint Roglic respektvoll. Zugleich erfüllt ihn auch Stolz, den jungen Landsmann bei dessen Tour-Debüt derart auftrumpfen zu sehen.  "Für mich ist es einfach sehr schön, zu sehen, dass hier zwei Slowenen so gut Rad fahren. Das ist schon verrückt, ein Land mit zwei Millionen Leuten hat die beiden besten Fahrer auf der Welt." Einen Freifahrtschein habe Pogacar deswegen aber nicht, versichert Roglic noch. "Er ist ein supernetter Kerl. Aber das heißt nicht, dass wir ihn einfach gewinnen lassen. Es ist auch ein Kampf zwischen uns."

Eingreifen in dieses Duell möchte natürlich auch ein kolumbianisches Quartett mit Titelverteidiger Bernal, Ex-Giro-Sieger Nairo Quintana, Rigoberto Uran und Miguel Angel Lopez. Sie besetzen derzeit die Ränge zwei, fünf, sechs und neun. Zwischen ihnen hat sich das französische Duo Romain Bardet und Guillaume Martin platziert. Die beiden "Hausherren" hegen ebenfalls Podiumshoffnungen.

Reparatur-Tour für Buchmann

Für Emanuel Buchmann beginnt hingegen die Tour de France der Reparaturen: "Wenn ich es schaffe, mich ganz gut zu erholen, dann werde ich versuchen, in eine Gruppe zu gehen, und vielleicht um einen Etappensieg zu kämpfen. Aber da muss ich auch noch etwas fitter werden als ich im Moment bin", sagt der Kapitän des Team BORA-hansgrohe.

Und natürlich muss die Tour dazu auch erst einmal in die dritte Woche kommen. Das ist angesichts der Infektionswelle im Veranstalterland aber alles andere als sicher.