Tour de France: Eine Chance für die Kleinen? | Sport | DW | 06.07.2018
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Tour de France

Tour de France: Eine Chance für die Kleinen?

Eine Regeländerung soll die Tour de France spannender machen: Nur noch acht statt bisher neun Fahrer pro Mannschaft sind erlaubt. Geht das Kalkül auf? Und wie wird das französische Publikum mit Chris Froome umgehen?

Tour de France Paris Arc de Triomph (Getty Images/C. Graythen)

Das Ziel vor Augen: Drei Wochen quer durch Frankreich enden am 29. Juli in Paris

Man stelle sich vor, die FIFA entscheidet, dass die WM nur noch mit zehn statt elf Spielern pro Team gespielt wird. Um das Spiel zu beleben, interessanter zu machen. Ein Aufschrei wäre die Folge. Elf gegen Elf, das war doch schon immer so. Sicher sähe der eine oder andere Tradition und Erbe des Fußballs bedroht. Und im Radsport? Da ist so etwas möglich, ohne großen Aufschrei führt die Tour de France eine Regeländerung ein, die das Rennen entscheidend verändern könnte: Statt bisher neun Fahrern dürfen jetzt nur noch acht Profis pro Rennstall an den Start gehen. Damit will die veranstaltende ASO das Rennen offener gestalten, weniger kalkulierbar und wohl vor allem weniger kontrollierbar für dominante Mannschaften wie Team Sky von Titelverteidiger Chris Froome.

Die meisten Teams haben sich vor der 105. Tour de France, die an diesem Samstag mit einer Flachetappe von Noirmoutier-en-l'Ile nach Fontenay-le-Comte (201 km) beginnt, mit der neuen Regel arrangiert. "Es ist eine Herausforderung", sagt Cedric Vasseur im DW-Gespräch. "Man muss sich stärker fokussieren. Wir wollen natürlich auf jedem Terrain erfolgreich sein, aber das ist nicht immer möglich", so der Chef des französischen Cofidis-Rennstalls, der 1997 selbst für fünf Tage im Gelben Trikot fuhr. Für Jean-François Bourlart, Teammanager der kleinen belgischen Wanty-Mannschaft, bleibt alles beim alten: "Wir sind nur noch acht Fahrer, aber das ändert nichts an unserer Strategie: Wir greifen an." Den kleinen Mannschaften könnte Acht-Fahrer-Regel durchaus in die Karten spielen, denn den Sprinter- und Favoriten-Teams fehlt damit ein Mann in der Verfolgungsarbeit von Ausreißergruppen.

Sprinter-Festival im Schatten der WM

Frankreich, Paris: Tour de France 2017: Andre Greipel (Getty Images/M. Steele)

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Gleich zu Beginn wird dieses in der Vergangenheit mal mehr, mal weniger spannende Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Ausreißern und dem jagenden Feld zu sehen sein. Auf der ersten Etappe geht es fast 140 Kilometer lang geht es durch die Sumpflandschaft des Marais Poitevin an der Atlantikküste entlang, Seitenwind ist dort nahezu garantiert, Windkantensituationen könnten das Feld sprengen. Ganz weit vorne werden also auch sie sich aufhalten: Marcel Kittel, Andre Greipel und John Degenkolb. Die deutschen Top-Sprinter rechnen sich gute Chancen auf einen Sieg und das damit verbundene Gelbe Trikot aus. Doch die Sprint-Konkurrenz um Marc Cavendish (Großbritannien), Fernando Gaviria (Kolumbien), Alexander Kristoff (Norwegen), Dylan Groenewegen (Niederlande), Arnaud Démare (Frankreich) oder Weltmeister Peter Sagan (Slowakei) ist beträchtlich.

Mit Ausnahme des Mannschaftszeitfahrens auf der dritten Etappe in Cholet und der Ankunft an der Mur-de-Bretagne am sechsten Tag "gehören" die ersten neun Etappen den Sprintern. Allein die Vielzahl an starken Leuten garantiert Spannung, nicht zuletzt, weil dabei immer wieder auch brenzlige Situationen entstehen, wie im Vorjahr, als Peter Sagan nach einem Kontakt mit Mark Cavendish (der stürzte und aufgeben musste) in einer umstrittenen Entscheidung von der Tour ausgeschlossen wurde.

Das Festival der Spinter fällt allerdings in die letzte Woche der Fußball-WM in Russland, die als weltweit größtes Sportereignis selbst die große Tour de France in den Schatten stellt. "Klar wäre es schöner gewesen, wenn es keine Überlappung mit dem Fußball gegeben hätte", sagt Ralph Denk, Teammanager des deutschen Bora-Hansgrohe-Rennstalls, im DW-Interview. "Aber es ist nun einmal so, dass Fußball aus medialer Sicht das größere Event ist", so Denk, der mit Blick auf den Kampf um Gelb eine "sehr offene Tour" erwartet.

Konkurrenz für Froome

Frankreich, Le La Mure/ Serre-Chevalier: Tour de France 2017 (Getty Images/AFP/J. Pachoud)

Dunkle Wolken über der Tour: Das D-Thema ist mit dem Fall Froome zurück

Im weiteren Verlauf der 21 Etappen übernehmen dann die Berg- und Klassement-Fahrer das Zepter. Zunächst in den Alpen, später in den Pyrenäen und schließlich in einem Zeitfahren nahe der Atlantik-Küste tragen die besten Rennfahrer der Welt ihr Rennen um "Gelb" aus. Top-Favorit Chris Froome plant nach dem Vorjahressieg sowie den folgenden Siegen bei Vuelta und Giro nun den vierten Streich infolge. Nach seinem Freispruch in der Salbutamol-Affäre durch die UCI scheinen viele Zuschauer in Frankreich jedoch verärgert über Froomes Umgang mit dem Doping-Verdacht zu sein. Bei der Teamvorstellung pfiffen die Fans Froome aus. Auch auf den Landstraßen Frankreichs droht dem vierfachen Sieger des Rennens offener Unmut der Fans.

Sportlich betrachtet hat Froome noch immer das stärkste Team an seiner Seite. Aber die Konkurrenz hat aufgerüstet: Der Movistar-Rennstall mit der Dreifach-Spitze Nairo Quintana, Mikel Landa und Alejandro Valverde könnte dem Briten zusetzen. Daneben dürfen sich aus dem Kreis der Favoriten dieser Tour de France der Australier Richie Porte, der Franzose Romain Bardet und der Kolumbianer Rigoberto Uran Hoffnungen auf den Sieg machen. Das Team von Froome ist wie in den Vorjahren mit Edelhelfern wie Geraint Thomas, Wout Poels oder dem Jungstar Egan Bernal das stärkste. Doch auch hier können die Gegner auf weniger Ordnung, weniger Kontrolle hoffen, da auch Team Sky nicht mit acht Fahrern fahren kann wie mit neun. Die Franzosen hoffen, dass Bardet sie nach 33 Jahren des Wartens auf einen Toursieger aus dem Gastgeberland erlöst. Doch der stellt klar: "Ein Platz auf dem Podium ist sehr, sehr schwer zu erreichen. Die Tour ist schwer und hart."

Das können auch die bestätigen, die weit hinter den Bergflöhen über die Gebirgspässe fahren. "Es sieht keiner im Fernsehen, aber weit hinter den Besten müssen wir genau so hart fahren", sagt Marcel Kittel und beschreibt damit die tägliche Arbeit der Sprinter im Gruppetto, der letzten Gruppe im Rennen, die meist mit dem Zeitlimit kämpfen muss. Am Ende kann sie sich aber auszahlen: Denn in Paris winkt ein prestigeträchtiger Etappensieg auf den Champs-Élysées, der fast schon traditionell an die Sprinter geht.

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