Tokio 2020: Vier Rollen für fünf Ringe | Sport | DW | 17.09.2019
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Skateboard

Tokio 2020: Vier Rollen für fünf Ringe

"Olympia braucht Skateboarden, aber Skateboarden braucht Olympia nicht", darin sind sich Titus Dittmann und Tony Hawk einig. Die Skatelegenden sehen die Olympia-Premiere ihres Sports kritisch - wie so viele Skater.

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Skateboarding bei Olympia: Traum oder Albtraum?

Titus Dittmann fürchtet um den Charakter des Skateboardfahren, wenn der Sport im kommenden Sommer in Tokio seine Premiere bei Olympischen Spielen feiern wird. "Olympia macht aus einer Jugendkultur einen Leistungssport", so Dittmann. Der Unternehmer aus Münster hat das Skateboardfahren vor mehr als 40 Jahren nach Deutschland gebracht und populär gemacht. Für den ehemaligen Lehrer hat Skateboarden vor allem einen pädagogischen Wert: "Die Kids setzen sich selbst Ziele, etwa einen bestimmten Trick zu schaffen. Und das machen sie nur für sich, nicht für Papa, Mama oder den Trainer. Und wenn der Trick dann gelingt, ist da eine unglaubliche Euphorie, die positiv fürs Selbstwertgefühl der Kids ist."

Titus Dittmann (picture-alliance/dpa/I. Fassbender)

Brachte das Skateboarden nach Deutschland: Titus Dittmann

Olympia bringe einen Wettkampfgedanken in den Sport, der bisher nicht vorhanden sei, fürchtet Dittmann: "Plötzlich geht es darum, besser als der andere zu sein."

Dabei hat Titus Dittmann mehr als 20 Jahre selbst den größten Skatewettbewerb organisiert, die "Monster Mastership". "Das waren eher Yamborees, wo auch gegeneinander geskatet wurde. Und wir haben den Wettbewerb jedes Jahr angepasst, je nachdem, wie sich Skateboarden entwickelt hat." Dem IOC traut er weniger Flexibilität zu: "Wenn die Regeln einmal durch das IOC festgelegt sind, ist die Entwicklung des Skateboardens am Ende."

"Wir werden nicht die Dead Kennedys hören"

Auch Skate-Legende Tony Hawk glaubt, dass mit Skateboarding und Olympia zwei Welten aufeinanderprallen: "Das Skateboarden steht vor der Herausforderung, authentisch zu bleiben und die Skateboardkultur angemessen zu repräsentieren", schrieb er kürzlich in einem Kommentar. "Aber wir werden als Wettkampfmusik wahrscheinlich nicht die Dead Kennedys hören. Und auch letzte Tricks, die die Fahrer nach Ablauf der Zeit nur fürs Publikum machen, wird es nicht geben."

Doch gerade diese lockere Atmosphäre von Skateboard-Contests ist es, was sich das IOC auch für seine Spiele wünscht, um das junge Publikum zurückzugewinnen. Bei den letzten Sommerspielen in Rio brachen nach einem Bericht des "Wall Street Journals" die Zuschauerzahlen im TV bei den 18- bis 34-Jährigen um 30 Prozente ein im Vergleich zu den Spielen von London 2012.

Skater-Väter cooler als ihre Kinder

Dass das IOC vom Image der Skater profitieren will, ist ein weit verbreiteter Gedanke, auch unter den deutschen Skatern. Viele lehnen es ab, dass ihr Sport olympisch wird. Skaten bedeute Freiheit, jeder mache, was er will und ohne Regeln, so der Tenor - auch bei den Deutschen Meisterschaften in Düsseldorf. Als die besten deutschen Skater sich dort im "Skatepark Eller" treffen, wird schnell klar: Skateboardfahren ist nicht mehr ein Privileg der Jugend. Die Starter sind zwischen neun und 47 Jahren. Viele junge Skater steigen nicht mehr zum Entsetzen ihrer Eltern aufs Brett, sondern um ihnen zu gefallen. Denn die Skaterkids der 80-er und 90-er Jahre sind teilweise die Eltern der heutigen Skateboard-Generation.

Und so wirkte der Contest in Düsseldorf auch fast wie ein Fest für die ganze Familie. Viele Väter - in weiten Baggy-Jeans und T-Shirt, graue Haare unter der Basecap – kamen eine Spur cooler daher als ihr Nachwuchs. Einige Nostalgiker darunter, aber auch solche, die die Situation angenommen haben. Alfonso Janssen und Oliver Stophasius zum Beispiel, beide nach eigenen Angaben "Skater der ersten Stunde", fördern ihre skatenden Kinder. Lenny Janssen (18) und Lilly Stophasius (12) zählen zu den ersten Anwärtern auf einem Platz im Olympiateam.

Tony Hawk Skateboard (picture-alliance/dpa/P. Lopes)

Skaterlegende Tony Hawk braucht Olympia nicht

Skateboardkommission: "Wir waren nicht vorbereitet"

Harte Arbeit auf dem Brett, aber noch mehr im Hintergrund. Denn als die Entscheidung durch das IOC 2016 fiel, musste sich plötzlich ein Sport organisieren, der bis dahin davon lebte, unorganisiert zu sein. Die Skateboardkommission im Deutschen Rollsport und Inline Verbandes (DRIV) musste in kürzester Zeit Strukturen aufbauen, die den Vorgaben für eine finanzielle Förderung als olympische Sportart gerecht werden. "Wir waren nicht darauf vorbereitet", sagt Hans-Jürgen "Cola" Kuhn, Vorsitzender der Kommission. "Unser Sport ist eine Mischung aus Sportkultur, aus Lebensstil, auch aus Leistung auf dem Board. Aber nie in der Form, wie es das klassische Wettkampfsystem erwartet und auch kennt."

Eilig wurden Vereine gegründet, ein Dopingkontrollsystem eingeführt. Ex-Profi Jürgen Horrwarth nahm die Arbeit als Skateboard-Bundestrainers auf, wobei sich die wirkliche Trainingsarbeit in Grenzen hält. "Die überwiegende Zeit meines Arbeitstages verbringe ich am Schreibtisch", so der 42-Jährige. Horrwarth organisiert für seine Skater Trainingslager und Wettkämpfe rund um die Welt. Und er begleitet sie auf Reisen, gibt Tipps, hört zu. "Ich bin mehr Ratgeber und Freund, als Trainer." Das passt zum Äußeren: Horrwarth erscheint durchtrainiert in Skaterklamotten, als wolle er selbst gleich einen Contest fahren. Nur ein paar Falten im Gesicht unterscheiden ihn äußerlich von seinen Fahrern.

Sportlicher Erfolg ist unwahrscheinlich

Ob er wirklich die besten deutschen Skater in seinen Kader berufen hat, kann auch Horrwarth nicht einschätzen. Denn von den Hunderttausenden, die in Deutschland Skateboard fahren, sind nur 3000 überhaupt in einem Verein organisiert. Und nur die dürfen Wettbewerbe fahren, die für Qualifikation zu den Olympischen Spielen relevant sind.

Sportlich fahren die deutschen Skateboarder im internationalen Vergleich ohnehin weit hinterher. Eine olympische Medaille ist in Tokio 2020 sehr unwahrscheinlich. Zu groß ist der Abstand zu den Fahrern aus den USA. Auch organisatorisch sind die US-Skater den deutschen Fahrern um Jahre voraus, haben schon lange olympiareife Strukturen. Auch dank Tony Hawk, der auch mit 51 Jahren noch Heldenstatus genießt und in großen US-Talkshows auftritt.

"Eine Chance, die frühere Generationen nicht hatten"

Hawk sieht bei allen Bedenken auch positive Effekte durch Olympia: "Für die neue Skater-Generation wird es das Größte sein, sich auf diesem Level zu präsentieren. Sie haben eine Chance, die Generationen vor ihnen gar nicht hatten."

Titus Dittmann dagegen hofft, dass der Olympia-Effekt sich in Grenzen hält und „dass die Kraft der Jugendkultur erhalten bleibt, die den Kids so viel gibt." Vielleicht stellt sich aber auch ein ganz anderer Effekt ein und das Skateboardfahren macht die strengen Olympischen Wettbewerbe tatsächlich ein wenig lockerer.

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