Tod in der Zelle: Wurde Oury Jalloh doch getötet? | Aktuell Deutschland | DW | 16.11.2017
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Justiz

Tod in der Zelle: Wurde Oury Jalloh doch getötet?

Vor zwölfeinhalb Jahren starb Oury Jalloh in einer Polizeizelle in Dessau. Nun hat ein Team des WDR Informationen, wonach selbst Gutachter glauben, dass sich der Mann nicht selbst angezündet haben könne.

Oury Jalloh war 36 Jahre alt, als er am 7. Januar 2005 starb. Dessau, Wolfgangstraße 25: In einer Gefängniszelle des dortigen Polizeireviers kam Jalloh ums Leben, verbrannt. In Gewahrsam genommen wurde er, weil er - nach Polizeiangaben - alkoholisiert und unter dem Einfluss von Kokain stehend mehrere Frauen belästigt haben soll.

Der Asylbewerber aus Sierra Leone soll sich geweigert haben, seine Papiere vorzuzeigen, als die Polizei eintraf. Bei seiner Festnahme soll er Widerstand geleistet haben. Dann wurde er in die Zelle der Wache in der Wolfgangstraße gebracht und an Händen und Füßen auf einer Matratze gefesselt. Wenige Stunden später war Jalloh tot.

Urteil wegen fahrlässiger Tötung

Seit zwölfeinhalb Jahren beschäftigt der Fall die Justiz in Sachsen-Anhalt. Zwei Polizeibeamte wurden wegen fahrlässiger Tötung angeklagt - und zunächst freigesprochen. Ein Vorwurf gegen die Polizei: Die Gegensprechanlage, mit der man das Geschehen in der Zelle verfolgen konnte, war leise gestellt. Hätte man Jalloh retten können - oder schneller auf den Feueralarm reagieren können? Das war einer der Gründe, warum der Dienstgruppenleiter später wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt wurde - 120 Tagessätze in Höhe von 90 Euro, also 10.800 Euro. 

Wie entstand das Feuer?

Wie das Feuer in der Zelle entstand, wurde über all die Jahre nicht vollständig aufgeklärt. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau, die zunächst für die Ermittlungen zuständig war, ging stets davon aus, dass Jalloh den Brand in seiner Zelle selbst gelegt habe. Mit Hilfe eines Feuerzeugs soll er seine Matratze angezündet haben.

Deutschland Brandanalyse Zellenbrand Oury Jalloh (picture-alliance/dpa/A. Burgi)

Mit Hilfe eines Dummies wurde das Feuer nachgestellt

Diese Version wird nun erneut in Zweifel gezogen. Ein Team des Westdeutschen Rundfunks (WDR), das den Tod des Mannes aus Sierra Leone verfolgt, hat Einsicht in die Akten des Falls genommen und zieht daraus die Schlussfolgerung: "Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde er getötet."

Kronzeuge für diese These ist nach Darstellung des WDR-Magazins "Monitor" ein Mann, der aber nicht mehr mit dem Verfahren betraut ist - und schweigt: Folker Bittmann, als leitender Oberstaatsanwalt Chef der Ermittlungsbehörde in Dessau-Roßlau, gehe angesichts neuer Expertisen auch von einem neuen Erkenntnisstand aus. Er habe seine Einschätzung, der Asylbewerber habe sich selbst getötet, inzwischen widerrufen, berichtet der WDR.

Handlungsunfähig oder sogar schon tot?

Der Sender zitiert aus Gutachten, nach denen sich der Zustand der Zelle und des Leichnams nicht ohne den Einsatz eines Brandbeschleunigers erklären lasse. Die Theorie der Selbstanzündung sei auch deshalb so gut wie auszuschließen, weil der Häftling bei Brandausbruch wahrscheinlich komplett handlungsunfähig oder sogar schon tot gewesen sei. Dies habe, so der WDR weiter, Bittmann auch in einem Brief vom April dieses Jahres formuliert - und sogar konkrete Verdächtige aus den Reihen der Dessauer Polizeibeamten genannt. Deren Motiv könnte die Vertuschung einer anderen Straftat gegenüber dem Asylbewerber gewesen sein.  

Wie gesagt: Bittmanns Behörde gibt in der Angelegenheit keine Erklärungen mehr ab. Die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg, die vorgesetzte Behörde, hatte den Ermittlern die Zuständigkeit entzogen. Über die Gründe dafür kursieren mehrere Versionen. Fakt ist: Seit dem Frühjahr verfolgt die Staatsanwaltschaft Halle das Verfahren, und die erklärte am 12. Oktober 2017: Sie wolle die Ermittlungen einstellen, weil sich "keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter an der Brandlegung" ergeben hätten.

Initiative präsentiert neue Gutachten zu Oury Jallohs Tod (picture-alliance/dpa/J. Carstensen)

Neue Informationen: Die "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" , hier mit ihrem Sprecher Thomas Ndindha (2.v.r.).

Für viele Menschen, die sich in der Angelegenheit in den vergangenen Jahren engagiert haben, ist diese Entscheidung ein schreiendes Unrecht. Sie haben sich in einer "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" zusammengeschlossen. "Wir glauben nicht mehr daran, dass die staatlichen Instanzen hier noch an Aufklärung interessiert sind", sagt ihr Sprecher Thomas Ndindah der Deutschen Welle. Er und seine Mitstreiter versuchen, eine internationale Expertenkommission ins Leben zu rufen, die den Fall untersuchen soll.

Beschwerde eingelegt

"Angesichts der neuen Erkenntnisse ist die drohende Einstellung des Verfahrens ein Skandal", sagt die Hamburger Rechtsanwältin der Familie, Gabriele Heinecke, im WDR-Fernsehen. Sie hat formal Beschwerde gegen die Einstellung eingelegt. Das kann sich nun einige Monate hinziehen. Bei der Staatsanwaltschaft in Halle sieht man derzeit keinen Grund, von der bisherigen Entscheidung abzurücken. Öffentlich äußern will sich die Behörde derzeit aber ebenfalls nicht.

 

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