″Tiger King″: Ablenkung von der Coronakrise | Kultur | DW | 02.04.2020
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Streaming-Trends

"Tiger King": Ablenkung von der Coronakrise

Die Netflix-Dokuserie "Tiger King" ist verrückt und unmoralisch, aber gerade deshalb ein Riesenerfolg. Jetzt, in der Corona-Krise, wächst die Fangemeinde der Geschichte des Raubkatzenhalters Joe Exotic immer weiter.

Eines vorab: Wer den Hype um die Netflix-Dokuserie "Tiger King: - Murder, Mayhem and Madness" (deutsch: "Großkatzen und ihre Raubtiere") verstehen möchte, muss sich die sieben Folgen ansehen. Die Welt, die sich auftut, sprengt jede Vorstellungskraft. Was dort passiert, ist unbeschreiblich bizarr, hemmungslos, heuchlerisch, zügellos.

Worum geht es in der True-Crime-Doku? 

Mitten im US-Bundesstaat Oklahoma betreibt "Tiger King" aka Joe Exotic einen privaten Zoo mit Wildkatzen, zeitweise lebt er dort mit über 200 Tigern, zwei Ehemännern und einer Horde Gefolgsleuten. Aber damit nicht genug: Es geht um Geld, Drogen, Sex und Auftragsmorde - kurz: um ein Milieu, in dem keine Regeln gelten. Denn Joe Exotic ist bei Weitem nicht der einzige Raubkatzen-Fanatiker in den USA. Um den "Tiger King" und seine Rivalen entspinnen sich endlose Fehden.

Szene aus Tiger King (picture-alliance/Zuma/Tampa Bay Times/L. Lake)

In "Tiger King" wimmelt es von tigervernarrten Selbstdarstellern

Da ist zum einen der Großkatzenhändler "Doc" Antle, der sich selbst den Titel "Doktor der mystischen Wissenschaften" verliehen hat. In seinem Reservat in South Carolina geht er nicht nur seiner Leidenschaft für Raubtiere nach, sondern gibt sich auch ungeniert als polyamorer Kultführer. Und nicht zu unterschätzen ist auch die selbsternannte Tierrechtsaktivistin Carole Baskin, die meist von Kopf bis Fuß raubtiergemusterte Fummel trägt und unter Mordverdacht steht.

Über "Tiger King" vergessen die Zuschauer sogar die Corona-Krise

Ein spurlos verschwundener Ehemann, eine Zoowärterin, die beinahe stirbt, weil ihr ein Tiger den Arm abreißt, wenige Tage später aber wieder am Gehege steht und Tiere füttert, leicht bekleidete Animateurinnen, die mit ausgewachsenen Raubkatzen im Pool schwimmen, Brandstiftung, Mordgelüste und -aufträge. Was sich nach einem Thriller-Drehbuch anhört, entpuppt sich in "Tiger King" als erschütternde Realität. Zweifellos, die menschlichen Abgründe, die sich auftun, sind tief und unergründlich. Eric Goode, Regisseur der Reality-Serie, hat die Machenschaften der Protagonisten über fünf Jahre dokumentiert. Ihm gelingt mit dieser Produktion Erstaunliches: Die unglaubliche Geschichte des Wildkatzenhüters Joe Exotic und seiner Kontrahenten lenkt erfolgreich von allem ab, was dieser Tage unausweichlich ist, die Coronakrise.

Wer einmal mit der Serie angefangen hat, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Zuschauer weltweit trauen ihren Augen nicht angesichts des Wahnsinns, der sich auf ihren Bildschirmen abspielt und sich von Folge zu Folge zuspitzt.

Natürlich sind längst auch Promis - manche augenzwinkernd - auf den Hype aufgesprungen. So US-Sänger und Schauspieler Jared Leto…

Oder unfreiwillig, wie US-Präsident Donald Trump...

Mehr Tiger in Käfigen als in freier Wildbahn

Doch bei aller Kreativität, die sich derzeit in sozialen Netzwerken rund um den "Tiger King" entfaltet, gibt es auch kritische Stimmen, die den enormen Hype um die True-Crime-Serie in Frage stellen. Immerhin geht es hier um das Schicksal Tausender Raubtiere. In den USA allein leben mehr Tiger in Gefangenschaft als weltweit in freier Wildbahn gezählt werden. Hinzu kommen die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die Angestellten der privaten Zoos leben und arbeiten.

Trotz der Ungeheuerlichkeiten – oder auch gerade deshalb – gehen die Streaming-Zahlen der True-Crime-Serie in diesen Tagen durch die Decke. Aktuell gehört "Tiger King" zu den beliebtesten TV-Sendungen in den USA. In Deutschland steht die Doku immerhin auf Platz 9 des Netflix-Rankings. Die bizarren Machenschaften des Joe Exotic und seiner Rivalen scheinen in der Coronakrise einen Nerv zu treffen. Absurder kann es eigentlich nicht mehr werden.

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