Tiflis tanzt! | Europawahl 2014 | DW | 23.05.2018
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Proteste in Georgien

Tiflis tanzt!

Die georgische Jugend demonstriert in Form von Techno Raves für ein liberaleres Land. Ihnen gegenüber steht jedoch eine zum Teil streng religiöse Mehrheit, die gegen ein offeneres Georgien ist.

"Man blickt auf eine Menschheit, die teilweise von Hass zerfressen wird. Die durch den Hass vergeudet wird. Es geht darum, sich dagegen aufzulehnen und zu sagen, Ich habe keine Angst." Dieser Text wurde für das Lied "Hate me" von DJ und Produzent KDA über einen düsteren Techno Beat gesprochen. Jetzt schallt er über das 4GB Festival-Gelände, eine halbe Autostunde von Tiflis, Georgien entfernt. Bei den Worten "Ich habe keine Angst" setzt der Bass ein, die Menge grölt, Energie entlädt sich.

Die Gesellschaft ist gespalten

In einer Umfrage haben 80 Prozent der Befragten Georgier angegeben, streng religiös zu sein. 2013 attackierte ein wütender, von Priestern angeführter Mob eine LGBTQ Kundgebung. Nach den Protesten letzte Woche zeigten rechtsradikale Gegendemonstranten den Hitlergruß.

Ihnen stehen 20 Prozent meist junge, meist gebildete Georgier gegenüber. Viele von ihnen organisieren sich seit etwa fünf Jahren in Aktivistengruppen für liberalere Rechte und sind sehr eng mit der Club-Community verwoben. Damit wird jeder Club-Besuch zum politischen Statement. Davit Chikhladze, Repräsentant des Mtkvarze Clubs, engagiert sich wo er kann für ein liberaleres Georgien: "Die einzige Möglichkeit, wie wir uns mehr Respekt verschaffen können, ist, indem wir geschlossen zueinander stehen und keine Angst haben. Nur so können wir etwas verändern."

Davit Chikhladze (DW/P. Kapuste
)

Davit Chikhladze, Repräsentant des Mtkvarze Clubs, will ein offenes, liberales Georgien

Eskalation zwischen den Fronten

Keine Angst zu haben ist derzeit gar nicht so einfach in Tiflis. Vor allem seit vergangene Woche Freitag. Da durchsuchten Polizisten mit Maschinengewehren die Clubs Bassiani und Café Gallery. Besucher und Journalisten wurden verletzt und bis zu 60 Menschen festgenommen. Nach den Razzien entstand ein spontaner Protest. Die Demonstranten zogen vor das Parlament und dort blieben sie auch das gesamte Wochenende. Bis zu 10.000 Menschen protestierten in Form eines Techno Raves für liberalere Drogengesetze und gegen Polizeigewalt. Als sich am Sonntagabend rechtsradikale Gegendemonstrationen formierten, konnte die Polizei die friedlichen Demonstranten nur mit Mühe beschützen. Einige von ihnen sagen, dass sie um ihr Leben fürchteten.

Verhandlungen statt Demonstrationen

Georgien Religion (DW/P. Kapuste)

Für viele Georgier hat Religion einen hohen Stellenwert im Leben

Seitdem sitzen die Protestführer mit Vertretern des Innenministeriums am Verhandlungstisch. Zur Debatte stehen die Geschehnisse der Freitagnacht: Laut Polizeisprecher Mamuka Chelidze  wurden die Razzien durchgeführt, um Drogendealer festzunehmen, die durch Untersuchungen der letzten drei Monate mit den beiden Clubs in Verbindung gebracht wurden. Später stellt sich jedoch heraus, dass die acht mutmaßlichen Dealer bereits festgenommen wurden, bevor die Razzien begannen.

Doch die Bedeutung der Razzien geht über die Logik ihres Ablaufes und ihre gewaltsame Umsetzung hinaus. "In der georgischen Clubkultur ging es von Anfang an um Frauenrechte, Rechte der LGBTQ Gemeinde und die Idee, derjenige sein zu können, der man sein möchte. So wurden die Clubs zu einem sicheren Ort für diese Menschen. Dass dieser Schutzraum jetzt auf brutale Weise von der Polizei angegriffen wurde, das ist das eigentliche Problem."

Ein weiteres Anliegen der Protestführer ist die Entkriminalisierung von Drogen. Momentan gelten in Georgien unverhältnismäßig hohe Strafen für Drogenbesitz, die die Verurteilten bis zu 20 Jahre hinter Gitter bringen. Anstatt den Missbrauch mit hohen Haftstrafen zu ahnden, versuchen die Aktivisten die Regierung dazu zu bringen, das Geld in Prävention und Entzugshilfe zu stecken.

Tanzt, sonst sind wir verloren

Georgien Tiflis Proteste Opposition (Reuters/D. Mdzinarishvili)

Die Demonstranten zogen vor das Parlament: "Unsere Liebe ist lauter als eure Angst"

Ein Großteil der Menschen, die sich bei Demonstrationen vor dem Parlament versammelt hatten, haben an diesem Wochenende auf dem 4GB Festival zusammen gefunden.

Vor drei Bühnen tanzen die Besucher zu den Musiksets von internationalen Berühmtheiten der Szene. Hinter einem der DJ Pulte hängt sogar eine Nachbildung des Parlaments aus Holz. Die Botschaft ist klar: Der Protest geht weiter.

Die Geschehnisse des letzten Wochenendes drücken trotzdem auf die Stimmung der Besucher. In das Ergebnis der Verhandlungen mit dem Innenministerium legen die meisten auch nicht viel Hoffnung. Denn nachdem sich der Innenminister zunächst noch für die Vorgehensweise entschuldigte, rudert er nun immer weiter zurück. Davit Chikhladze sieht darin eine Taktik: "Erst organisieren sie Razzien, dann entschuldigen sie sich und dann verteidigen sie ihr Vorgehen wieder. Genauso hat auch die Sowjetunion funktioniert. Sie wurde auf Angst gebaut. In den letzten fünf Jahren hatten wir keine Angst, doch das hat sich mit den Razzien geändert."

Neben der Freiluftbühne auf dem Festival tanzt ein Sicherheitsmann ausgelassen zu den wummernden Bässen. Auch wenn er kein Polizist, sondern Angestellter einer privaten Sicherheitsfirma ist, sorgt das Bild des tanzenden Mannes in Uniform für Freude unter den Festivalbesuchern. "Letzte Woche waren wir 10.000 auf der Straße. Wir werden weiter nach unseren Werten leben und weitere 10.000 inspirieren", sagt Chikhladze.

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