Tickende Zeitbomben - Müll in Russland | Wirtschaft | DW | 26.09.2018
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Müll und Umwelt

Tickende Zeitbomben - Müll in Russland

Zu den Aufgaben einer Stadtverwaltung gehört die Müllabfuhr: Der Abfall stinkt und ist gesundheitsgefährdend. In Russland funktioniert das mehr schlecht als recht. Miodrag Soric hat das Problem unter die Lupe genommen.

Der Bürgermeister von Tscheljabinsk, Evgenij Tefteleev, hat den Ausnahmezustand verhängt. Seit zweit Wochen wird in der Millionenstadt der Hausmüll nicht abtransportiert. Er stapelt sich vor den Häusern. Bürger protestieren. Wie konnte es soweit gekommen?

Wie in vielen anderen russischen Städten auch wird Tscheljabinsks Abfall mit LKWs zu einer Deponie gebracht. Diese wuchs und wuchs. Vor kurzem beschloss die Stadt, diese zu schließen und drei andere, die sich allerdings weiter von der Stadt entfernt sind, zu eröffnen. Für die längere Fahrt sollen die Müllfahrer aber nicht entlohnt werden, weshalb sie sich weigern, diese Arbeit zu verrichten.

Inzwischen hat der Gouverneur Geld zur Verfügung gestellt, damit der Müll abtransportiert werden kann. Hilfe aus anderen russischen Städten wurde angefordert. Doch es wird noch Wochen dauern, bis die Müllsäcke in der Stadt abtransportiert worden sind.

Russland Müllabfall in Tscheljabinsk (picture-alliance/dpa/TASS/D. Sorokin)

Ein Problem, das zum Himmel stinkt: nicht abgeholer: Müllhaufen in Tscheljabinsk.

Mülltrennung wäre hilfreich, aber ...

Was derzeit in Tscheljabinsk passiert, könnte sich bald in vielen anderen russischen Städten ereignen. Sowohl die Politiker in Moskau als auch die in den Regionen haben das "Müllproblem" seit vielen Jahren verschoben, verdrängt, ignoriert. Dabei fallen im größten Land der Erde jährlich 60 bis 70 Millionen Tonnen Abfall an. Russland versinkt im Müll.

Mülltrennung und Recyceln wäre zumindest eine Teillösung. Doch diese in Russland praktisch unbekannt. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Kleinstadt Saransk, etwa 600 Kilometer östlich von Moskau. 2011 sahen die lokalen Politiker ein, dass sie Hilfe von außen benötigen. Das deutsche Unternehmen Remondis bot seine Dienste an. Mülltrennung gehört zu ihrem Kerngeschäft.

Zwar wird in Saransk nach wie vor nur ein Teil des Mülls getrennt und weiterverarbeitet. Aber ein Anfang ist gemacht. Im kommenden Jahr will Remondis eine neue Sortieranlage in Betrieb nehmen. Es laufen Verhandlungen, die örtliche Mülldeponie von Remondis bewirtschaften zu lassen. Ein Knackpunkt: Wer wird in Zukunft für die Altlasten verantwortlich sein?

Die Regierung hat nur zugesehen

Die russische Regierung und die Duma müssen sich vorwerfen lassen, das Problem schon vor Jahren kommen sehen und wenig gemacht zu haben. 2014 wurde ein erstes Gesetz zum Thema Müllentsorgung verabschiedet. Es wurden Pläne gemacht, aber nicht umgesetzt.

Vier Jahre seien einfach nicht genug, um das Problem zu lösen, meint Vjatscheslav Zhukov vom Zentrum für ökologische und epidemiologische Sicherheit in Moskau gegenüber der DW. Westeuropa hätte 20 Jahre gebraucht, bis es das jetzige Niveau erreicht habe. Russland benötige einfach mehr Zeit, sagte er gegenüber der Deutschen Welle.

Das wird teuer

Nach wie vor ungeregelt ist die Frage, wie Mülltrennung finanziert werden soll. Aber selbst wenn dies klar wäre: "Es fehlt die industrielle Infrastruktur für die Trennung und Weiterverarbeitung von Abfall", gibt Vjatscheslav Zhukov zu. Im Klartext: Es gibt keine Müllverbrennungsanlagen, keine Infrastruktur wie Müll getrennt und recycelt werden kann. Müllverbrennungsanlagen sind teuer - umgerechnet 500 Millionen Euro pro Werk.

Und Russland braucht viele davon. Der angesehene Experte, der auch die Regierung berät, vermisst steuerliche oder andere Anreize Papier, Glas, Metall oder Plastik wiederzuverwerten. Immerhin würde Moskau an einer entsprechenden Regelung arbeiten.

Russland WM2018 japanische Fans räumen auf (picture-alliance/dpa/D. Sorokin)

Wenn doch nur immer Fußballweltmeisterschaft wär' ... Anhänger des japanischen Teams räumen ihren Müll selbst weg.

Proteste können gefährlich sein

Doch die Geduld der Russen ist begrenzt. Es kommt wegen des Müll-Problems immer wieder zu Protesten - nicht nur in Tscheljabinsk, sondern auch in Volokolamsk oder Sankt Petersburg. Engagierte Bürger, die sich wehren, wie etwa Vjatscheslav Egorov in Kolomna, werden von den Behörden drangsaliert und verfolgt.

Zusammen mit anderen Anwohnern organisierte er im Frühjahr Straßensperren in der Kleinstadt. Sie wehrten sich dagegen, dass der Abfall aus dem 100 Kilometer entfernten Moskau in die idyllische Kleinstadt aus dem Mittelalter gebracht wurde - bis zu 300 LKWs täglich. Tausende gingen bei Demonstrationen auf die Straße. Immer noch befürchten viele Bürger dass das Grundwassers verseucht, die Erde mit Dioxinen vergiftet werden könnte. Sie stört der Gestank vom Abfall, die hohe Konzentration von Schwefelwasserstoffen in der Luft.

Die Hauptstadt als Vorbild?

Statt für den Rest des Landesein Vorbild zu sein, geht die zehn Millionen Einwohner der Metropole Moskau mit schlechtem Beispiel voran. Müll wird nicht oder kaum getrennt und er wird nicht sachgerecht entsorgt. Moskau "exportiert" seinen Abfall in die umliegenden Kleinstädte.

Diese können sich gegen die politische Übermacht aus der Metropole kaum wehren. Eine der größten Abfallplätze Moskaus wurde im Juni 2017 auf Anweisung von Präsident Putin geschlossen. Den Einwohnern der Hauptstadt hat dies gefallen. Die Menschen in den umliegenden Kleinstädten wurden nicht gefragt.

Im Übrigen bleibt unklar, was mit geschlossenen Mülldeponien in Russland in Zukunft passiert. In der Regel: gar nichts. Die Entgiftung, die Rekultivierung kostet Geld. Im Staatshaushalt ist dafür kaum etwas vorgesehen.