TV-Serie ″This England″: Boris Johnson und Corona | Kultur | DW | 03.10.2022
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Pandemie im Film

TV-Serie "This England": Boris Johnson und Corona

Michael Winterbottom besetzt Kenneth Branagh als Boris Johnson. Obwohl das Jahr vor Johnsons Rücktritt eine Menge Stoff für Drama bietet, bleibt die Serie "seltsam oberflächlich", findet DW-Reporter Scott Roxborough.

TV Serie This England: Kenneth Branagh als Boris Johnson vor UK-Flagge

Kenneth Branagh spielt in der Serie "This England" den Ex-Premierminister Boris Johnson

"Was geschah" war der treffende Titel des Buches von US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton über die US-Wahl 2016, die Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika machte. Mit überraschenden Ergebnissen von historischer Bedeutung konfrontiert, blickt der Mensch instinktiv zurück auf die Ausgangsposition - und versucht zu verstehen, wie es dazu kommen konnte.

Indem wir verstehen, wie etwas geschehen ist - so die Theorie - können wir vielleicht auch verstehen, warum es passiert ist. Und vielleicht verhindern, die gleichen Fehler wieder zu machen. Dieses Denken motiviert auch die meisten biographischen Filme, ob für Kino oder Fernsehen, die versprechen, "hinter die Schlagzeilen" zu blicken.

Der Wunsch, hinter die Schlagzeilen zu blicken

"JFK" von Oliver Stone etwa behauptet, Geheimnisse zu enthüllen, die zeigen, wie es wirklich zu der Ermordung Kennedys kommen konnte. Stephen Frears gibt 2006 in "The Queen" scheinbar ganz private Einblicke in Momente und Gespräche von Queen Elizabeth II. nach dem Tod von Prinzessin Diana. Und Meryl Streeps Darstellung von Margaret Thatcher in "The Iron Lady" ist so machtvoll, weil sie die Illusion erzeugt, dass wir hier die echte Frau hinter der politischen Fassade kennen lernen.

Ganz ähnlich verhält es sich bei "This England": Die sechsteilige Miniserie will erzählen, "was wirklich geschah" hinter den geschlossenen Türen des britischen Premierministers Boris Johnson und seiner Regierung, als die erste Welle der Corona-Pandemie das Vereinigte Königreich erreichte.

Beim Bezahlsender Sky TV, auf dem die Serie seit dem 28.09.2022 ausgestrahlt wird, wird sie als "Drama basierend auf echten Events" angepriesen. Die Anziehungskraft soll sein, dass wir hier einen Blick hinter die Kulissen erhalten, dass wir sehen und hören, was wirklich geschah, nachdem die Fernsehkameras aus waren.

Kenneth Branagh als Boris Johnson

Johnson wird von Oscarpreisträger Kenneth Branagh verkörpert, kaum erkennbar mit Zahnprothese und wallender blonder Perücke. Er interpretiert den früheren Premier als eine seltsame Kombination aus King Lear und Narr. Ein ohne Unterlass Shakespeare und andere Klassiker zitierender Regierungschef, so tragisch wie absurd.

TV Serie | This England: Kenneth Branagh als Boris Johnson in grauem Anzug

Ein Narr oder ein Held? Kenneth Branagh als Boris Johnson mit gewohnt fliegenden Haaren

Der ironische Mix von Prunk und Possenreißerei spiegelt sich bereits im Serientitel wider - und ist der Rede von John of Gaunt in Shakespeares "König Richard II." entlehnt. Nachdem Gaunt "dieses England" zunächst noch als "Dies gekrönte Eiland, Dies Land der Majestät… Dies Kleinod, in die Silbersee gefaßt" bezeichnet, ist es am Ende "nun in Schmach gefasst, mit Tintenflecken und Schriften auf verfaultem Pergament".

Doch wer nun hofft, ein Shakespeare'sches Drama aus hoher Politik und tiefer Moral serviert zu bekommen, muss anderswo danach suchen. "This England" zeigt zwar viele interne Querelen, zum Beispiel schier endlose Krisengipfel des Kabinetts oder PR-Strategiebesprechungen. Oft ist Johnsons Politberater Dominic Cummings dabei, der mit viel Spielfreude von Simon Paisley Day dargestellt wird. Mit seiner verschlagenen Schlauheit und seinen Intrigen kann man ihn als echten Schurken bezeichnen, ganz gemäß der Shakespeare'schen Tradition.

Doch die Serie kombiniert diese Hinterzimmer-Machenschaften in vielen Gegenschnitten mit klassischen Heldengeschichten: Expertinnen und Wissenschaftler, die im Wettlauf mit der Zeit versuchen, das Virus zu verstehen und ein Gegenmittel zu entwickeln; Reportage-artige Bilder von Ärztinnen und Ärzten, Krankenpflegepersonal und Pflegenden, die von der Pandemie überrollt werden; und eine Vielzahl an individuellen Handlungssträngen, in denen ganz normale Menschen mit COVID-19 kämpfen.

In den Schlagzeilen gefangen

Michael Winterbottom ist Co-Drehbuchautor und Regisseur von "This England". Bei seinen Filmen "The Road to Guantanamo" (2006) und "In This World" (2002) ist es ihm gelungen, zeitgenössische Geschichten - die erste über britische Inhaftierte, die mehr als zwei Jahre in Guantanamo Bay festgehalten wurden, die zweite über die Reise afghanischer Flüchtender nach England - in machtvolle Kinodramen zu übersetzen. Dabei wurden intime Portraits einzelner Personen gezeichnet, deren Leben einen wichtigen Moment in der Geschichte widerspiegeln.

"This England" gleicht dagegen mehr einem historischen Wandgemälde, da Winterbottom hier versucht, so viele Geschichten und Ereignisse wie möglich in einen einzelnen Rahmen zu pressen. Das Resultat ist, obschon voller Faktenreichtum, seltsam oberflächlich. Als würde man einen lebendig gewordenen Wikipedia-Artikel anschauen. Wenig hilfreich ist, dass der erzählte Zeitraum, in dem "This England" spielt - grob von Johnsons Wahlsieg über die ersten Monate der Pandemie bis zum Mai 2020, in dem Dominic Cummings öffentlich zugibt, Lockdown-Regeln gebrochen zu haben - schon ewig lange her scheint. Die immer weiter zunehmende Geschwindigkeit der Nachrichten bewirkt, dass die Handlung - die gerade noch die Schlagzeilen beherrschte - schon überholt scheint.

Filmstill aus This England: Dominic Cummings verlässt das Haus und geht zu Auto

Filmszene: Dominic Cummings (Simon Paisley Day) verlässt das Haus - trotz eines strikten Lockdowns

Die Handlung der Serie geht dem zweiten Lockdown in England voraus, genauso wie Cummings Rücktritt und den anschließenden Erkenntnissen über die Inkompetenz und das Missmanagement der Regierung während der Pandemie. Auch die sogenannte Partygate-Affäre, die Johnson schließlich zum Rücktritt zwang, spielt noch keine Rolle. Zwar versucht die Serie mit ein paar kurzen Nachrichten-Clips am Ende, diese Lücke zum Jetzt zu schließen, doch bleiben diese Versuche im besten Falle oberflächlich.

Johnsons Kinder und Ex-Partnerinnen als griechischer Chor

Was bleibt, sind die Einblicke in den Kopf von Boris Johnson. Doch jenseits von ein paar in Schwarz-Weiß inszenierten Traumsequenzen - in denen Johnsons Kinder und Ex-Partnerinnen als griechischer Chor und Omen des Untergangs auftreten - kann "This England" zum tieferen Verständnis des Mannes unter der wallenden Mähne nichts beitragen.

Winterbottom ist sehr darauf bedacht, nicht pro oder contra Johnson Position zu beziehen. "Menschen, die Boris Johnson lieben oder hassen, werden diese Version wahrscheinlich passend dazu wahrnehmen, was sie für ihn fühlen", sagt Schauspieler Branagh in der Pressemitteilung.

Diese gewählte Neutralität vermag allerdings kaum, die Zuschauerinnen und Zuschauer von "This England" emotional zu bewegen. Winterbottom hat zwar einen soliden Job dabei gemacht, zu zeigen, was unter Johnsons Führung während der ersten COVID-19-Welle in England passierte. Aber die Fragen nach dem Warum - und was Alternativen gewesen wären - sind Fragen, die er offenlässt.

Die Redaktion empfiehlt