Holocaust: In Theresienstadt verfallen Erinnerungsorte | Geschichte | DW | 08.05.2021
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Tag der Befreiung

Holocaust: In Theresienstadt verfallen Erinnerungsorte

Unter den Nazis wurde Theresienstadt zum jüdischen Ghetto. Wie lässt sich die Erinnerung im heutigen Terezín wachhalten?

Dachgebälk ist in einen Gang gestürzt, die Mauern haben starke Risse, die Farbe blättert von den Wänden ab.

Ein bedeutender Erinnerungsort droht endgültig einzustürzen: "Dresdner Kaserne" in Terezín

Für seine junge Familie hat Jiri Hofman das Haus des Totengräbers gekauft, am Rande des Friedhofs. "Ein gutes Haus in Alleinlage", sagt Hofman. Die Toten würden ihn nicht stören. Die seien in Terezín, wie Theresienstadt heute heißt, ja so oder so allgegenwärtig. Jiri Hofman leitet die örtliche Touristeninformation. "Täglich werden wir gefragt: Wo sind die Gaskammern? Wo die Holzbaracken, wo der Stacheldrahtzaun?" Die Touristen würden nach Symbolen eines Vernichtungslagers suchen, das Theresienstadt aber nie war. "Und dann sind sie gar enttäuscht und irgendwie unzufrieden", erzählt Hofman im DW-Interview.

Es gibt wohl kaum einen komplexeren Erinnerungsort als dieses kleine tschechische Städtchen - und das macht das Gedenken so schwierig. Wo war denn nun das jüdische Ghetto, in dem Juden aus vorwiegend Mittel- und Osteuropa gesammelt wurden, bevor die Nazis sie in Vernichtungslager wie Auschwitz deportierten? Die Antwort lautet: überall. Daher gibt es auch kein Eingangstor mit abgegrenztem Areal, das man nach einem meist erschütternden Besuch wieder verlassen kann. Die Erinnerung lässt sich hier nicht ein- und abschließen. Sie ist buchstäblich in jeden Stein, in jede Mauer, unter jedes Dach gekrochen: Das ganze Städtchen war ein Ghetto. Und in dem ganzen Städtchen geht das Leben seit 1945 weiter.

Ansicht eines Platzes mit einem großen rosafarbenen, historischen Gebäude.

Terezín heute: Ein kleines Städtchen, zum Teil aufwendig restauriert

In dem einstigen Ghetto befinden sich jetzt Wohnungen, Schulen, ein Kindergarten, Gaststätten und Geschäfte. Mehrere Institutionen erinnern an die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs, wie beispielsweise die Gedenkstätte Theresienstadt oder das Ghettomuseum. Rund die Hälfte der historischen Gebäude wurde seit der Wende liebevoll saniert, doch andere zerfallen zusehends.

"Vorzeigeghetto" dient als perfide Kulisse

"Die Bauwerke sind der physische Beweis für den Holocaust. Deswegen ist es wichtig sie zu erhalten", sagt Simon Krbec gegenüber der DW. Der Leiter des Zentrums für Genozidstudien in Terezín ist bemüht, sachlich und ruhig zu argumentieren. Doch seit 2020 Teile des Dachstuhls der "Dresdner Kaserne" eingestürzt sind, ist er zunehmend frustriert. Das riesige Militärgebäude ist für ihn ein Sinnbild für die Rolle Theresienstadts während der Judenvernichtung.

Weltberühmt wurde die Kaserne durch ein perfides Fußballspiel, das 1944 im Innenhof stattfand: Angetreten waren zwei jüdische Mannschaften des Ghettos, das Spiel wurde für einen SS-Propagandafilm gedreht. "So gut haben es die Juden bei uns", sollte der vermeintliche Dokumentarfilm der Außenwelt beweisen. Was der Film nicht zeigte: Die mitwirkenden Juden wurden anschließend ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert.

Historische Aufnahme eines Fußballspiels im Innenhof einer Kaserne.

Perfide Inszenierung: Fußballspiel im Ghetto. Die Teilnehmer wurden anschließend nach Auschwitz deportiert

Als "Vorzeigeghetto" hatte die SS das SammellagerTheresienstadt inszeniert. Prominenten und alten Juden war es gar als Kurort verkauft worden, die für einen Aufenthalt zahlten. Doch statt Erholung erwarteten sie unerträglich überfüllte Unterkünfte, Unterernährung, Seuchen und Krankheit.

Bis zu seiner Befreiung im Mai 1945 gingen mehr als 155.000 Juden durch Theresienstadt, mindestens 33.000 von ihnen kamen im Ghetto um und etwa 88.000 wurden in die Vernichtungslager geschickt.

Spurensuche unter Dächern

"Theresienstadt war eine von langer Hand geplante Tarnung, um der Welt zu suggerieren: Wir lassen die Juden hier in Ruhe leben", sagt Roland Wildberg. Der Journalist und Buchautor beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem früheren Ghetto, reiste unzählige Male dorthin, kartographierte die Erinnerungsorte.

Auslöser für seine Faszination war die "Dresdner Kaserne" und die Arbeit seiner Frau: Uta Fischer hatte 2004 als Stadtplanerin an einer Umwandlung der Kaserne in sozialen Wohnungsbau gearbeitet. An den Plänen hatte auch die Stadt Gefallen gefunden, doch das Projekt versandete. "Es ist nach wie vor schwer zu verstehen, warum man das Gelände so verfallen lässt", sagt Wildberg gegenüber der DW.

Holzbalken einer eingestürzten Kaserne sind in den Innenhof gekracht.

Dachstuhl eingestürzt: Maroder Zustand der "Dresdner Kaserne" im Februar 2021

Uta Fischer und Roland Wildberg kennen das Städtchen wie wenige andere: Seit Jahren durchsuchen sie Dachböden und Keller in Terezín, finden eingeritzte Häftlingsnummern oder Zeichnungen und veröffentlichen die Funde in der Onlinedokumentation "Ghettospuren" . Das Projekt, mit deutschen und europäischen Mitteln gefördert, initiierte Uta Fischer 2014. Regelmäßig melden sich darauf Hinterbliebene, die anhand der dort genannten Häftlingsnummern und Namen einen Verwandten identifizieren können.

"Wir haben Dinge gesehen, die so wahrscheinlich noch nie jemand vor uns wahrgenommen hat." Rund 20 Prozent des Städtchens hätte das Paar derart akribisch untersuchen können. "Es ist herzzerreißend. Wir haben weniger als die Hälfte der Dachböden im Originalzustand besichtigen können, von denen auch immer mehr 'aufgeräumt' werden."

Vergilbte, alte Dokumente und Zeitungsausschnitte.

Überraschungsfund bei Sanierungsarbeiten: Überbleibsel von Ghetto-Häftlingen in Terezín

Reiches, historisches Erbe einer Garnisonsstadt

Dabei geht es hier nicht nur um die Erinnerung ans Ghetto. Theresienstadt ist auch eine Perle der Festungsarchitektur: Die Stadt wurde im 18. Jahrhundert als Garnisonsstadt der k.u.k.-Monarchie mit massiven Festungsmauern aus dem Boden gestampft. Kaiser Joseph II. war höchstpersönlich bei der Grundsteinlegung dabei, der die Festung nach seiner Mutter Maria Theresia benannte. Doch ein Angriff aus Preußen blieb aus: Militärisch musste sich Theresienstadt, damals eine der modernsten und teuersten Festungen, nie bewähren. Der intakte Festungswall führte letztlich im Zuge der "Endlösung" dazu, dass die Nationalsozialisten hier ein Sammellager errichteten - die Stadt war leicht abzusperren und zu überwachen. Ursprünglich für etwa 7000 Menschen geplant, wurden hier nun bis zu 58.000 Juden eingepfercht, das entsprach umgerechnet etwa 1,6 Quadratmeter Lebensraum pro Insasse.

Heute wohnen innerhalb des Festungswalls 2000 Menschen. Hatte stets das Militär, das seit dem 18. Jahrhundert unter jeder Herrschaft in den Kasernen stationiert war (ausgenommen der Ghetto-Jahre), die Stadt am Leben gehalten, steht die Stadtverwaltung nun vor einem gigantischen Erbe ohne entsprechende Mittel: In den 1990er-Jahren wurde der letzte Militärstandort geschlossen.

Theresienstadt Luftaufnahme

Einzigartige Festungsarchitektur des 18. Jahrhunderts: Unter den Nazis wurde die komplette Festung zum Ghetto

Ein etwa dreimal so großes Budget wie die Stadtverwaltung erhält jährlich die Gedenkstätte Terezín, gefördert vom Kulturministerium. Sie ist vorwiegend in der "Kleinen Festung" angesiedelt, 300.000 Besucher kommen jährlich dorthin. Das einstige Gefängnis liegt außerhalb der eigentlichen Garnisonsstadt und des ehemaligen Ghettos.

"Dresdner Kaserne": Keiner fühlt sich zuständig

Ob nicht auch die Gedenkstätte Sorge um die verfallenden Kasernen in Theresienstadt hat? Ein Interview dazu lehnten die Verantwortlichen ab. Ihre Gebäude seien in einem guten Zustand, für weitere seien sie nicht zuständig. "Faktisch ist das natürlich richtig", sagt Jiri Hofman. "Doch wenn es um das Thema jüdische Geschichte geht, sehe ich das anders." Er würde gerne nach gemeinsamen Lösungen suchen, auch wie man die riesige "Dresdner Kaserne" mit Leben füllen und den heutigen Bewohnern der Stadt eine Perspektive geben könnte.

Wiesenfläche mit Grabsteinen, ein großer Judenstern ist an dessen Ende zu sehen.

Gedenkstätte Terezín in der "Kleinen Festung"

Selbst das tschechische Kulturministerium scheint keinen dringenden Handlungsbedarf zu sehen. In einer schriftlichen Antwort gegenüber der DW listet es zwar einige bereits geförderte Sanierungen auf, verweist hinsichtlich der "Dresdner Kaserne" allerdings auf Regierungsebene. Es sei eine Kommission gegründet worden. Darüber kann Jiri Hofman nur müde lächeln. Ja, diese Kommission gebe es - auf dem Papier. Simon Krbec wird noch deutlicher: Er sei regelrecht schockiert über den jahrelangen Stillstand sowohl vonseiten des Kulturministeriums als auch seitens der Regierung. "Der Verfall der Dresdner Kaserne bedeutet einen unersetzlichen Verlust von kulturellem Erbe."

Simon Krbec plant nun eine Crowdfunding-Kampagne. Wo Regierung und Kulturministerium versagen, könnte möglicherweise die Zivilgesellschaft einspringen. Er möchte den Erinnerungsort um jeden Preis retten. Gemeinsam mit dem tschechischen Fußballbund hat er in Terezín ein landesweites Jugendturnier organisiert - in Gedenken an das Fußballspiel von 1944 und die Schicksale im jüdischen Ghetto.

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