Thailand: Glockenspiel wird zur Staatsaffäre | Asien | DW | 10.10.2018
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Asien

Thailand: Glockenspiel wird zur Staatsaffäre

Die Glockenklänge des “Wat Sai”-Tempels in den Morgenstunden bringen ausländische Anwohner in Bangkok auf die Palme und rufen sogar die Staatsführung auf den Plan. Julian Küng aus Thailand.

Jeden Morgen um 4 Uhr besteigt ein Mönch den Klosterturm, läutet mit den rhythmischen Schlägen auf die 1,2 Meter große Glocke den Klosteralltag ein. Für viele Thailänder ist dieser bis zu 20 Minuten anhaltende Glockenklang heilig. Er soll gemäß buddhistischer Philosophie einen Geist enthalten, welcher die Menschen erweckt und Gutes hervorbringen soll.

Im Falle des "Wat Sai"-Tempels im Westen von Bangkok erweckt das Geläut derzeit aber auch böse Geister. Anwohner des nebenan neu erbauten "Star View” Condo-Gebäudes, zwei aneinander liegender Wolkenkratzer mit Luxus-Wohnungen, beschweren sich über das lautstarke buddhistische Ritual.

Wat Sai Tempel, 10120 Bangkok (DW/J.Küng)

Luxusanwesen in der Nachbarschaft

"Etwas leise bitte!"

In der vergangenen Woche flattert ein Brief vom Bezirksamt beim Tempelabt Phreecha Punnasilo ins Kloster, mit der Aufforderung, die Lautstärke des Glockenrituals zu reduzieren. Es seien Beschwerden von den benachbarten Luxusmietern eingegangen, heißt es im offiziellen Schreiben des Bezirksamtes Bang Kholaem, in dem auch der 300 Jahre alte Tempel "Wat Sai" liegt.

"Wir können den Glockenklang nicht einfach einstellen", sagt Punnasilo gegenüber der Deutschen Welle. "Das traditionelle Schlagen der Glocke um 4 Uhr morgens und 18 Uhr abends dient unseren Mönchen als Gebetszeitplan", so der oberste Mönch weiter.

Ermahnung durch Polizei

Wenig später tauchen beim Tempel Polizeibeamte auf, ermahnen die Mönche, das Glockenspiel zu dezimieren. Ganz nach der Lehre des Buddhas folgen die Geistlichen dem "mittleren Weg", kommen der Bitte nach.

Sie ersetzen das dickholzige Schlagwerkzeug mit einem kleineren Klöppel. Auch schlagen sie die Metallglocke künftig sanfter, um die sensibeln Ohren der Luxusmieter zu schonen, versprechen sie den Ordnungshütern.

Wat Sai-Tempel, Bangkok (DW/J. Küng)

Der "Mittelweg": Kleiner Klöppel statt Dickholz

Heftige Reaktion in der Nachbarschaft

Was als kleiner Nachbarschaftsstreit beginnt, entwickelt sich langsam zum Flächenbrand, ob in der Lokalzeitung, im Radio oder auf dem Abendmarkt. Allerorts in der südostasiatischen Metropole wird das Glockendrama kontrovers debattiert.

Die einen teilen Sympathien mit den lärmgeplagten Mietern, die anderen kritisieren die Einschränkung der Glaubenstradition scharf. "Eine Frechheit!", sagt ein Anwohner der DW. "Ich kann verstehen, dass die urbane Bevölkerung das repetitive Läuten am frühen Morgen als störend empfindet", sagt ein anderer.

Glockenspiel wird zum Politikum

Nun schaltet sich auch der Bangkoker Bürgermeister ein. Er lädt Mönche, Wohnungsmieter und Bezirksamtsverantwortliche zu einer Krisensitzung Mitte Oktober ein. Weiter ersucht der Stadtvater alle 50 Bezirksämter damit, Lösungen für das Glockendrama zu erarbeiten.

Auch der oberste buddhistische Rat Thailands appelliert öffentlich an seine Glaubensgemeinschaft, einen Mittelweg zu suchen. Sogar Regierungschef Prayut Chan o Cha versucht, seine Mitbürger zu beruhigen: "Die Tempelverantwortlichen und die Anwohner müssen das eigenständig klären. Macht keine große Sache daraus!", lässt sich der Militär-Machthaber von Lokalmedien zitieren.

Wat Sai Tempel, 10120 Bangkok (DW/J.Küng)

Diese Glocke beschäftigt die Nachbarschaft und die Politik

Moderne vs. Tradition

Die Diskussion scheint ihren bisherigen Höhepunkt erreicht zu haben, als sich der thailändische Schauspieler Petch Karoonpon zu Wort meldet. Karoonpon ist Mieter eines Apartments im Luxuskomplex. Er enthüllt auf Social Media-Kanälen, dass die Beschwerden lediglich von einem einzigen Mieter stammen. Die restlichen Anwohner hätten überhaupt nichts gegen das allmorgendliche Bimmeln.

"Es handelt sich um einen ausländischen Bewohner, welcher sich mit zahlreichen Briefen beim Bezirksamt beschwert hat", bestätigt auch der oberste Mönch Phreecha Punnasilo gegenüber der Deutschen Welle.

Respekt vor Tradition gefordert

Der Meldung folgt ein postwendender Meinungsumschwung. Was anfänglich als teilweise nachvollziehbare Kritik der Moderne an altmodischen Ritualen angesehen wurde, entwickelt sich rasch zu einer Diskussion über die Ignoranz eines Ausländers an thailändischen Traditionen.

Bürgermeister Aswin Kwanmuang besucht ein wenig später den Tempel "Wat Sai", entschuldigt sich im Namen des Bezirksamtes bei den Mönchen. Das Aufforderungsschreiben wird kurzerhand zurückgezogen. Beim zuständigen Bezirksamt wird gleichentags ein neuer Leiter ernannt.

Wat Sai-Tempel, Bangkok (DW/J. Küng)

Um 4 Uhr morgens wird das buddhistische Ritual eingeläutet

Großrazzia gegen Ausländer

Damit nicht genug. Es folgt eine Großrazzia im Luxus-Apartmentgebäude. Jeder ausländische Mieter wird von der Polizei unter die Lupe genommen, die Aufenthaltserlaubnis mit größter Sorgfalt geprüft. "Man kriegt, was man gibt", kommentiert Mönch Punnasilo die heftige Gegenreaktion und hofft, dass nun bald wieder Ruhe einkehrt.

Für den ausländischen Beschwerdeführer könnte die Glockenaffäre aber auch rechtliche Folgen haben. Die Lärmbeschwerde könnte als Verletzung der Freiheit zur Ausübung einer Religion geahndet werden. In Thailand würde ihm bis zu sieben Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe von 50 bis 370 Euro drohen.