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Politik

"Terroristen und Amokläufer ähneln sich"

3. Januar 2019

Nach dem Autoanschlag im Ruhrgebiet wird über die Motive des mutmaßlichen Täters spekuliert. Terroristen und Amoktäter sind gleichermaßen psychisch erkrankt, meint die Kriminologin Britta Bannenberg im DW-Interview.

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Deutschland Mann fährt in Fußgängergruppe
Nach dem Auto-Anschlag in Bottrop: Polizisten patrouillieren hinter einem Absperrband Bild: picture-alliance/dpa/M. Kusch

Erst in Bottrop, dann in Essen. Mehrfach fährt der 50-jährige Deutsche Andreas N. gezielt in ausländisch aussehende Menschengruppen. Acht Menschen verletzt er, bevor ihn die Polizei in der Silvesternacht festnimmt. Derzeit sitzt Andreas N. in Untersuchungshaft. Die Behörden gehen von einem rassistischen Motiv aus, der Hartz IV-Empfänger aus Essen soll aber auch psychisch erkrankt sein. 

Deutsche Welle: Der offenbar rassistisch motivierte Auto-Anschlag eines 50-jährigen Deutschen in Bottrop und Essen beschäftigt gleichermaßen Behörden und Öffentlichkeit. Viele Menschen fragen sich, was einen Menschen genau dazu treibt, mit seinem Wagen in eine Menschenmenge zu rasen?

Britta Bannenberg: Das ist eine komplexe Thematik. Wir haben seit Jahren sogenannte Amok-Taten erforscht. Das sind geplante Mehrfach-Tötungen von Personen, die meist einzeln handeln, deren Motiv nicht gleich erkennbar ist und die sich letztlich auf fremde Opfer konzentrieren. Deshalb ist die Aufregung und auch Wahrnehmung in der Öffentlichkeit so hoch, denn es kann theoretisch jeden treffen.

Was mag die Motivation bei dem sogenannten Auto-Anschlag an Silvester gewesen sein?

Man wird noch abwarten müssen, um das konkret zu beurteilen. Die ersten Hinweise lassen erkennen, dass das Verhalten sehr typisch ist. Junge Täter unterscheiden sich von erwachsenen Tätern und bei den erwachsenen Tätern gibt es interessante Auffälligkeiten.

Welche sind das?

Wirklich psychisch gesund sind die Täter nicht. Das sind seltene Taten, sehr schwere Tötungsdelikte. Aber die Art der psychischen Störung ist unterschiedlich. Es fiel uns allerdings auf, dass mehr als ein Drittel der erwachsenen Täter im Alter von 24 bis 70 Jahren eine sehr schwere psychische Erkrankung im Sinne einer paranoiden Schizophrenie aufwies. Attackiert wurden dann in der Regel fremde Menschen, teilweise mehrere tödlich verletzt. Solche Personen sind in der Regel von ihrer Grundstimmung her voller Groll, Hass und Ablehnung gegenüber der Gesellschaft.

Sie projizieren ihren Hass in besonderer Weise auf bestimmte Gruppen. Ob das nun Ausländer, Frauen oder Arbeitskollegen sind oder im Allgemeinen die Gesellschaft. Diese psychische Störung im Sinne einer Schizophrenie ist eine Wahn-Erkrankung, die Krankheits-Elemente mit ablehnenden Hass-Motiven verbindet. Deshalb sind solche Personen sehr gefährlich, wenn sie die Absicht haben, andere Menschen zu töten, zu verletzen und damit der Gesellschaft sozusagen ein Zeichen der Rache zu senden.

Britta Bannenberg, Krimonologin an der Universität Gießen
Britta Bannenberg wirbt für eine höhere gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit gegenüber psychisch gestörten TäternBild: DW/K.Witsch

Sollte eine Persönlichkeitsstörung die Auto-Attacke von Bottrop und Essen begünstigt oder ausgelöst haben - gibt es denn Möglichkeiten, mit denen man diese Gefahr frühzeitig entdecken kann beziehungsweise den Anschlag hätte verhindert können?

Ja, selbstverständlich. Das hat die empirische Forschung deutlich gezeigt. Wobei es nicht in jedem Fall möglich ist, aber in den meisten Fällen schon. Und da muss man ergänzen: Ein Drittel der erwachsenen Täter ist wie gesagt psychisch krank im Sinne einer Schizophrenie. Das ist eine schwere psychische Erkrankung, die sich allerdings von Persönlichkeitsstörungen unterscheidet.

Persönlichkeitsgestörte Menschen sind aber auf eine andere Art und Weise auch gefährlich. Sie haben möglicherweise etwas mehr Einsicht in ihr Handeln, etwas mehr Steuerungsvermögen, aber sie verrennen sich oftmals genauso fanatisch in die Idee, einen spektakulären Tötungsakt oder eine mehrfache Tötung begehen zu wollen. Genau diese beiden Varianten haben wir bei den Einzeltätern, den Amoktätern gefunden.

Es ist durchaus möglich, im direkten sozialen Umfeld, als Nachbar oder als Arbeitskollege diese Störungen wahrzunehmen und frühzeitig die Polizei zu informieren. Dann bestehen gute Chancen, diese Menschen zu entdecken. Gerade Schizophrene sind medikamentös behandelbar. Wenn sie unbehandelt sind, ist das Gefahrenrisiko für Gewalttaten mindestens sieben bis achtfach erhöht. Wenn sie zusätzlich Alkohol trinken oder Drogen nehmen, ist es vierzehnmal erhöht. Wenn sie aber Medikamente nehmen, sinkt dieses Risiko wieder auf das Normalmaß.

Gibt es konkrete Schlussfolgerungen, die die deutschen Sicherheitsbehörden aus Anschlägen ziehen sollten, bei denen Täter unter Schizophrenie oder unter einer Persönlichkeitsstörung leiden?

Es muss eine gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit für Personen geben, die vielleicht nicht nur erkrankt oder psychisch auffällig sind, sondern die auch bedrohliche Absichten äußern. Wer ein hohes Interesse zeigt, einen Anschlag zu begehen, sich sehr für Amok-Taten und terroristische Akte interessiert, voller Hass ist, der lässt das in der Regel Monate vorher erkennen. Die meisten Menschen scheuen sich davor, die Polizei zu informieren, weil sie nichts Konkretes in der Hand haben. Aber genau das ist der Weg, um diese Täter letztlich zu stoppen, bevor sie ins Versuchsstadium eintreten und Menschen gefährden.

Inwieweit haben solche Täter Ähnlichkeiten mit terroristischen Einzeltätern wie Terroristen beispielsweise vom Islamischen Staat. Gibt es eine fließende Grenze?

Meine These ist bislang, obwohl das empirisch noch nicht ausreichend erforscht ist, dass sich terroristische Einzeltäter und Amoktäter absolut ähnlich sind. Bei terroristischen Gruppen-Tätern sieht das anders aus. Das sind meist Kriminelle, die im Vorfeld schon polizeibekannt, gewaltauffällig und teilweise Drogenkonsumenten mit vielen Vorstrafen sind. Einzeltäter sind anders - ob man nun ein rechtsextremistisches oder islamistisches Motiv hat oder ob man als Amok-Täter alle hasst und die gesamte Gesellschaft ablehnt. Das beruht auf Persönlichkeits- oder psychischen Störungen.

Frau Bannenberg, müssen wir damit rechnen, dass es einen Nachahmungseffekt gibt, über den man ja bereits im Zusammenhang mit dem islamistischen Terror diskutiert?

Deutschland Polizei übt Einsatz gegen Amokläufer
Amokläufe von Einzeltätern häufen sich hierzulande - die Polizei trainiert deshalb regelmäßig SondereinsätzeBild: picture-alliance/dpa/B. Roessler

Das haben wir doch längst. Seit Paris November 2015 haben wir weltweit einen Anstieg dieser Taten und auch in Deutschland. Das wird immer mit unterschiedlicher Aufmerksamkeit wahrgenommen aber immer wieder gibt es die gleichen Diskussionen.

Aber weniger in Bezug auf den Rechtsextremismus.

Genau das ist das Problem! Sie denken in Kategorien. Wenn ich ihnen sage, dass diese Täter von ihrer Ideologie her teilweise austauschbar sind, weil diese Tat-Motivation aus ihrer Persönlichkeit herrührt, dann haben wir mal einen rechtsextremistisch Handelnden oder mal einen Islamisten. Es gibt aber auch Amok-Täter, die mit einem Lieferwagen in die Menschenmenge fahren und kein gerichtetes ideologisches Motiv haben. Das sind gestörte Menschen, die voller Hass auf andere sind und die mit dieser Tat eine negative Berühmtheit erlangen wollen und dafür teilweise auch bereit sind zu sterben. Seit Jahren haben wir es mit einer ansteigenden Bedrohung zu tun.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien? Könnte der sogenannte Echokammer-Effekt, also das Verstärken bestehender Ansichten durch gleichgesinnte User, Auslöser für eine solche Tat sein oder sie zumindest begünstigen?

Ja. Diese Einzeltäter sind in der Regel Menschen mit wenig oder keinen Sozialkontakten. Was machen sie also: Sie begeben sich ins Internet in genau diese Welten und Foren, die ihre Ansichten von Hass und Ablehnung anderer oder bestimmter Gruppen stärken. Das beobachten wir bei jungen Tätern teilweise sehr extrem, weil die sich in Amokfan-Szenen bewegen. Wir sehen es auch beim IS, wo man sich in ganz bestimmten islamistischen Zirkeln bewegt und den Hass sozusagen füttert.

Kann es sein, dass bei sogenannten bio-deutschen Tätern eher auf psychologische Probleme verwiesen wird als bei nicht-deutschen, islamistisch motivierten Tätern?

Spekulationen der Medien sind das eine und die Wissenschaft ist das andere. Wenn Sie an die Vorfälle von Würzburg und Ansbach im Jahr 2016 denken, dann hatten wir Flüchtlinge als Täter. Da gab es auch Informationen, dass sie nicht psychisch gesund waren, als sie ihre Anschläge begangen haben. Die Erforschung dieser Taten ist aber nicht so leicht, weil die Generalbundesanwaltschaft die Akten lange unter Verschluss hält. Ich denke allerdings, dass wir mit der Einschätzung ganz richtig liegen, dass solche Menschen psychisch nicht auf der Höhe sind, egal welche ideologischen Ausrichtungen vorliegen.

 

Britta Bannenberg ist Professorin für Kriminologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie befasst sich seit Jahren mit der interdisziplinären Erforschung von Amoktaten und Amokdrohungen. Von 2013 bis 2016 forschte sie in einem nationalen Forscherverbund zu diesem Thema. Der Lehrstuhl will helfen, Amoktaten zu verhindern und betroffene Institutionen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu unterstützen.

Das Gespräch führte Ralf Bosen.

Ralf Bosen, Redakteur
Ralf Bosen Autor und Redakteur