Terror als Wirtschaftsmodell in Burkina Faso | Afrika | DW | 11.06.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Sahel

Terror als Wirtschaftsmodell in Burkina Faso

Islamistische Milizen in Burkina Faso überfallen Dörfer, erpressen ihre Einwohner, kassieren Gelder für den Terrorkampf. Die Gewalt nimmt zu - doch gerade jetzt will Frankreich seine Präsenz in der Region zurückfahren.

Es ist einer der blutigsten Terrorangriffe in der Geschichte von Burkina Faso: Am Wochenende haben Bewaffnete das Dorf Solhan in der Provinz Yagha im Norden des Sahel-Staates überfallen: Sie setzten Häuser und den Markt in Brand und töteten mindestens 138 Menschen. Bundeskanzlerin Angela Merkel kondolierte, Burkinas Präsident Roch Marc Christian Kaboré sprach von einem "barbarischen Angriff". Doch die Gewalt und Unsicherheit durch terroristische Anschläge ist nicht neu in der Region. Für viele Menschen, die entlang der Grenze zu Mali und Niger leben, ist die Angst ein ständiger Begleiter.

Dabei wollte die Regierung mit größerer Militärpräsenz in der Grenzregion eigentlich für mehr Sicherheit sorgen. Aber die Angriffe lokaler, bewaffneter Gruppen hätten in den vergangenen Monaten weiter zugenommen, sagt Alex Vines, Afrika-Experte der Londoner Denkfabrik Chatham House. Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) sind vor allem im Norden und Osten bereits mehr als eine Million Menschen auf der Flucht vor den Milizen, die ihren Ursprung teilweise in Mali haben und häufig dem Islamischen Staat (IS) oder dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahestehen.

Goldminen - ein Ziel für Terroristen

Doch was genau steckt hinter diesen jüngsten Angriffen in Burkina Faso? Experten vermuten: Es geht um lukratives Edelmetall. Die Bewohner von Solhan waschen Gold für ihren Lebensunterhalt, auch in anderen Dörfern der Provinz Yagha - an der Grenze zu Niger gelegen - wird Gold abgebaut. So war der Überfall auf Solhan nicht der einzige in der Nacht: 14 weitere Menschen starben bei einem Angriff auf Tadaryat. Burkina Fasos Präsident Kaboré ließ daraufhin den Goldabbau in der Provinz aussetzen, um weitere Attacken zu verhindern.

Infografik Karte Massaker Burkina Faso DE

"Terroristische Angriffe auf handwerkliche Goldminen in Burkina Faso sind häufig, weil Gold sehr bedeutend für das Überleben der bewaffneten Gruppen ist", sagt der politische Analyst Lionel Bilgo aus Burkina Faso im DW-Interview. "Terrorismus ist eine Form der Wirtschaft. Um zu überleben, braucht es finanzielle Mittel. Nicht nur, um Waffen zu kaufen, sondern auch, um Leute anzuwerben."

Erpressung der Dorfbewohner

Rund um die Goldgräberstätten habe sich eine regelrechte Kriegswirtschaft entwickelt, erklärt Alex Vines: "Dabei spielen auch Schutzgelder für Goldminen in der Region eine Rolle. Davon profitieren die bewaffneten Gruppen, aber auch von Erpressungen der Dorfbewohner." Laut einer Studie des burkinischen Observatoriums für Wirtschaft und Soziales haben Terroristen seit 2016 umgerechnet mehr als 100 Millionen Euro durch Angriffe auf Minen und den handwerklichen Goldabbau eingenommen.

Burkina - Staat ohne Vision

Analyst Bilgo betont, dass sich die Terroristen bei der Anwerbung neuer Kämpfer auch die Unzufriedenheit vieler Menschen in der Region zunutze machen: Der Vorwurf an die Regierung, die Goldminengebiete in den ländlichen Regionen würden für den Profit einer urbanen Elite ausgebeutet, sei weit verbreitet. Der Staat sollte bei der Verteilung der Früchte des Wachstums im Land bestimmte Orte berücksichtigen, die zu Schaden gekommen sind, sagt Bilgo.

Doch neben dem Moratorium auf den Goldabbau setzt die Regierung erst einmal auf andere Maßnahmen, etwa das Verbot von Motorrädern in einigen Teilen des Landes. Das Argument: Die Angreifer würden häufig Motorräder als Transportmittel nutzen. Die Strategie findet nicht überall Anklang. Für Idrissa Birba, Präsident der Menschenrechtsorganisation NDH-Burkina, ist das eher kontraproduktiv: "Ein Verbot von Motorrädern in einem Kontext, in dem sich die gesamte Bevölkerung jeden Tag, auch nachts, bewegt, um Handel zu treiben, wird meiner Meinung nach keinen Effekt zeigen. Die Bevölkerung wird ihrer Einkommensquellen beraubt."

Burkina Faso Symbolbild Anschlag

Als Reaktion auf die jüngste Gewalt hat die Regierung Motorräder verboten - doch das trifft nicht nur Terroristen

Der Soziologe Jacob Yarabatioula diagnostiziert im DW-Interview eine Vertrauenskrise zwischen der Bevölkerung und den Behörden: "Wenn wir nicht die Gelegenheit ergreifen, die Probleme zu lösen, die innerhalb der Regierung oder der Armee, zwischen der Bevölkerung und dem Staat bestehen, werden wir uns im Kreis drehen." Es gebe einen Mangel an Visionen an der Spitze des Staates. So habe die Regierung bisher von einem Dialog mit bewaffneten Islamisten abgesehen - obwohl das in der lokalen Bevölkerung teilweise gefordert würde.

Frankreich zieht Truppen ab

Klar ist aber auch: Die Probleme im Norden Burkina Fasos sind eng mit der angespannten Sicherheitslage in der gesamten Sahel-Region verwoben. Umso problematischer sehen es einige Experten deshalb, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Donnerstag das Ende des seit acht Jahren laufenden Anti-Terror-Einsatzes "Operation Barkhane" angekündigt hat. Bislang ist die einstige Kolonialmacht in der Region mit bis zu 5100 Soldaten präsent. Nach dem jüngsten Putsch in Burkinas Nachbarland Mali wolle man die französische Militärpräsenz neu ausrichten, so Macron.

Der Rückzug Frankreichs werde ein schwieriger Test für Sahel-Staaten sein, sagt der Sicherheitsexperten Mahamadou Sawadogo im DW-Interview. "Die französische Armee verlässt die Sahelzone genau in dem Moment, in dem die bewaffneten Gruppen an Stärke gewinnen. Er betont die Abhängigkeit der Armeen dieser Staaten von der Logistik der Operation Barkhane und den französischen Truppen. "Diese Armeen müssen sich nun anpassen, sich alleine oder gemeinsam weiterentwickeln, um einer terroristischen Bedrohung begegnen zu können, die teils mächtiger und besser organisiert ist."

Mitarbeit: Richard Tiene, Nafissa Amadou,