Teresa Enkes unermüdlicher Kampf | Sport | DW | 04.11.2019
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Zehnter Todestag von Torhüter Enke

Teresa Enkes unermüdlicher Kampf

Vor zehn Jahren hat der Profi-Fußballer Robert Enke den Freitod gewählt. Seine Frau Teresa kämpft seitdem darum, das Thema Depressionen ins Bewusstsein zu rufen und Hilfen anzubieten. Hat sich etwas verändert?

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Gedenken an Robert Enke

Am Ende erhoben sich die Menschen von ihren Sitzen im Theater am Aegi in Hannover und applaudierten ausdauernd. Sie bedankten sich auf diese Weise dafür, auf welch beeindruckende Weise Teresa Enke ihre Trauer über den Freitod ihres Ehemannes Robert, dem berühmten und doch so verletzlichen Nationaltorhüter, in Mut und Kraft verwandelt hatte.

An diesem Montagabend in der niedersächsischen Hauptstadt wurde den Besuchern noch einmal bewusst, wie viel Energie diese zierliche Frau darauf verwendet hat, der "Tragödie einen Sinn zu geben", wie sie es selbst nannte. Sie kämpft mit der von ihr gegründeten "Robert Enke Stiftung" einen langen Kampf gegen das Vergessen und für einen normalen Umgang mit der Krankheit Depression, der vielerorts immer noch schwer fällt - und sie ist damit weit gekommen. In ganz Deutschland gibt es nun aufgrund ihres Engagements neue Beratungsmöglichkeiten.

Teresa Enke: "Wir sind schon weit gekommen"

Teresa Enke bei der Filmpremiere in Hannover (imago images/J. Sielski)

Teresa Enke bei der Filmpremiere in Hannover

Und sie hatte Uli Hoeneß eingeladen, den sie so sehr dafür bewundert, wie sehr er sich um seine Leute kümmert "und den Menschen sieht und nicht nur den Fußballer", wie sie sagte. Der Bayern-Manager berichtete von seinen Erfahrungen mit Sebastian Deisler, einem der größten deutschen Talente, zu dem er eine enge Beziehung hatte und der ebenfalls an Depressionen erkrankte - und der das Fußballspielen mit gerade einmal 27 Jahren aufgeben musste. "Ich bedauere noch heute sehr, dass wir es nicht geschafft haben, dass er weiterspielen konnte", berichtet Hoeneß über seine Hilflosigkeit und die des gesamten Klubs in diesen Momenten. 

"Es gab kein Wissen über diese Erkrankung"

Auch Andreas Marlovits hat einst eine ähnliche Ratlosigkeit erlebt. Er war derjenige Sportpsychologe, der die Spieler von Hannover 96 einst nach Robert Enkes Freitod betreut hat. Zunächst hatte es der Klub fast drei Monate ohne zusätzliche Hilfe durch einen Psychologen versucht. Den Klub traf das Geschehnis völlig unvorbereitet, weswegen die Niedersachsen überfordert wirkten. "Es gab diese Situation ja auch noch nie und deshalb gab es ja auch kein Wissen darüber", sagt Marlovits der DW. Seine Aufgabe war entsprechend umfangreich.

Andreas Marlovits (picture-alliance/Kokenge)

Sportpsychologe Andreas Marlovits

"Wir mussten versuchen, den freien Fall zu verhindern und hinbekommen, dass die Gruppe wieder Leistung bringen kann. Das war schon eine sehr intensive Phase der Auseinandersetzung", erinnert sich Marlovits, der auch Studiengangsleiter Sportpsychologie an der Business School Berlin ist: "Solch ein psychisches Thema wie den Freitod aus den Köpfen zu bekommen, das ist ja wie ein Gegenbild. Wenn man ein Tor schießt, soll man sich freuen. Auf der anderen Seite steht der Tod."

Im Profifußball ist noch viel Luft nach oben

20 Jahre Erfahrung hat Marlovits, der derzeit die Profis von Werder Bremen sportpsychologisch betreut, im Leistungssport gesammelt. Der Tod Enkes im November 2009 hat seiner Auffassung nach eine nachhaltige Wirkung hinterlassen. "Das Thema ist relativ schnell wieder abgeflaut, als sich alles wieder normalisiert hat. Aber eine Sensibilität dafür ist geblieben. Man merkt einfach, dass eine Art Vorsicht und ein Bewusstsein dafür entstanden ist, dass es diese Krankheit überhaupt gibt und wie gefährlich sie sein kann", sagt der 53-Jährige.

In den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligaklubs sind Sportpsychologen mittlerweile verpflichtend. Dort werden die jungen Spieler regelmäßig betreut. Allerdings bleiben im Profifußball noch einige Fragen offen. "Da tut sich die Psychologie schwerer reinzukommen, weil sie immer unter dem Damoklesschwert steht, mit Versagen zu tun zu haben. Das verändert sich aber auch Schritt für Schritt. Es ist aber dennoch so, das bisher wenige Vereine sportpsychologische Unterstützung bekommen", sagt Marlovits.

Thema Depression noch nicht bei allen Sportlern angekommen

Trauer um Robert Enke (AP)

Trauer um Robert Enke

Auch Marion Sulprizio beschäftigt sich täglich mit diesem Thema. Die Sportpsychologin ist Projektleiterin der Netzwerkinitiative "Mental Gestärkt" des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule Köln in Kooperation mit der Robert-Enke-Stiftung, der Verwaltungsberufsgenossenschaft (VBG) und der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV). Die Initiative hat es sich zur Aufgabe gemacht, Sportlern mit psychischen Problemen zu unterstützen und Lösungen anzubieten.

"Es existiert das Grundproblem, dass alles, was mit der Psyche zu tun hat, immer noch etwas ängstlich angegangen wird", sagt Sulprizio der DW. Seit 2011 gibt es das Hilfsangebot für Sportler mit psychischen Problemen. Die Initiative bietet neben der konkreten Hilfe für individuelle Probleme auch Workshops für Sportler und Vereine an."Ich weiß aber nicht, wie tief dieses Thema tatsächlich schon in den Köpfen vieler Sportler angekommen ist", sagt Sulprizio. Der Grad der Wahrnehmung sei zwar gestiegen, ist aber noch weit vom Optimum entfernt.

In den acht Jahren seit Gründung haben sich rund 400 Betroffene an Sulprizio und ihre Kollegen gewandt. Dabei kommen die Anfragen von Vereinen oder von Sportlern aus vielen unterschiedlichen Sportarten. Allerdings seien Sportler keine Bevölkerungsgruppe, die häufiger als Nicht-Sportler an Depressionen erkranke. "Studien zeigen, dass Leistungssportler und Trainer nicht von psychischen Problemen wie etwa Stress, Angst, Depressivität, Essstörungen verschont bleiben und die Häufigkeitsraten dieser Erkrankungen denen der Normalbevölkerung ähneln", sagt Sulprizio. 

Druck ist nicht ursächlich für Depressionen

Moderator Andreas Kaeckell (l.) und Teresa Enke (imago images/J. Sielski)

Moderator Andreas Kaeckell (l.) und Teresa Enke

"Das so etwas wie mit Robert Enke passiert ist, hat mich schon ein wenig überrascht. Aber wenn man sich das rein statistisch anschaut, müsste das eigentlich häufiger vorkommen. Nicht nur im Fußball sondern insgesamt im Leistungssport. Wenn ich das richtig sehe, ist nicht der Druck die Ursache dafür, dass man an einer Depression erkrankt, sonst würden ja viel mehr Sportler daran erkranken", sagt Marlovits.

Das Thema psychische Erkrankungen wird aber immer ein äußerst sensibles bleiben, was in der langen Entwicklungsgeschichte des Homo Sapiens begründet ist. "Es hängt auch ein wenig mit der seelischen Bauweise der Menschen zusammen. Man versucht so lange wie möglich die Selbstständigkeit aufrecht zu erhalten, auch wenn man schon sehr leidet. Seelisches Leiden fühlt sich ganz anders an als ein körperliches Leiden", sagt Marlovits. 

Teresa Enke hatte noch eine Botschaft für alle Besucher, die diese in die Welt tragen sollen, damit die Aufklärung über das Thema ungebremst weiter geht. "Es war nicht Robbi, der sich getötet hat. Es war die Krankheit", sagte sie.

Die Deutsche Welle berichtet zurückhaltend über das Thema Suizid, da es Hinweise darauf gibt, dass manche Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen können. Sollten Sie selbst Selbstmordgedanken hegen oder in einer emotionalen Notlage stecken, zögern Sie nicht, Hilfe zu suchen. Wo es Hilfe in Ihrem Land gibt, finden Sie unter der Website https://www.befrienders.org/  . In Deutschland hilft Ihnen die Telefonseelsorge unter den kostenfreien Nummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. 

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