Taube Menschen und Corona: ″Ernsthaft, Deutschland?″ | Deutschland | DW | 14.03.2020
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COVID-19

Taube Menschen und Corona: "Ernsthaft, Deutschland?"

Der Zugang zu Informationen und ärztlicher Versorgung ist im Fall des Coronavirus überlebenswichtig. Den 83.000 tauben Menschen, die in Deutschland leben, wird er erschwert.

Lela Finkbeiner ist vor allem eins: wütend. Wütend darüber, dass die deutsche Politik "verschlafen hat", dass sie "passiv bleibt". Dass sie nicht genug dafür tut, dass gehörlose Menschen einen barrierefreien Zugang zu Informationen bekommen. Wütend vor allem jetzt, da ein Ernstfall eingetreten ist, ein ansteckendes Virus, der sich rasant ausbreitet, das Vorsichtsmaßnahmen erfordert, Information und Behandlung. Den Zugang dazu haben gehörlose Menschen bisher nicht ausreichend. Das ist nicht nur gefährlich für sie, sondern auch für den Rest der Gesellschaft - schließlich geht es darum, die Ausbreitung des Virus gemeinsam zu verhindern.

"Ernsthaft, Deutschland?", fragt die taube Aktivistin in dem Video, das sie binnen kürzester Zeit mit elf anderen Aktivistinnen und Aktivisten auf Gebärdensprache produziert hat. Sie habe nicht mit so vielen Rückmeldungen gerechnet, erzählt sie im DW-Interview. Denn: "Viele taube Menschen haben so eine Art 'Allergie' gegen den medizinischen Bereich entwickelt, weil ihnen schon beim Aufwachsen immer das Gefühl gegeben wurde, dass sie nicht stimmen und repariert werden müssen." Überrascht war sie deshalb, als ihr Handy konstant vibrierte, weil sich Menschen bei ihr meldeten, die sich an dem Video beteiligen wollten. Das zeige: Das Thema beschäftige viele sehr im Moment. Rund 83.000 taube Menschen, schätzt der Deutsche Gehörlosen-Bund, leben derzeit in Deutschland.

Deutschland Coronavirus Informationsvermittlung für Gehörlose (DW/Leonie von Hammerstein)

Kaum Informationen zum Coronavirus in Gebärdensprache: Corinna Brenner (l) und Lela Finkbeiner (r)

Eine Kette an Barrieren

"Muss erst eine taube Person an Corona sterben aufgrund von Barrieren und Informationsdefiziten, bis die Regierung handelt?", so drastisch formuliert es die taube Dolmetscherin Corinna Brenner. Die aktuelle Ausnahmesituation unterstreiche, welcher Kette an Barrieren taube Menschen tagtäglich begegnen. Es fange an beim Zugang zu Informationen, auf den Internetseiten der Behörden gebe es kaum welche in Gebärdensprache. Geschriebene Texte reichen oft nicht aus, vielen Gehörlosen fällt das Lesen und Schreiben der deutschen Schriftsprache schwer. Das liegt daran, dass man beim Lernen von geschriebener Sprache auf die Lautsprache zurückgreift. Wenn das jedoch nicht möglich ist, wird das Lernen mühsam, die Sprache zur Fremdsprache.

Deswegen sei es so wichtig, dass Informationen zum Coronavirus auch in Gebärdensprache, der dreidimensionalen Muttersprache vieler tauber Menschen, zur Verfügung gestellt werden. Und das nicht nur online, so Brenner, sondern auch bei wichtigen Pressekonferenzen. Die nächste Barriere komme dann, wenn tatsächlich Symptome auftauchen. Dann könne sie nur Hotlines anrufen, auch das nicht barrierefrei für taube Menschen. Und sollte es zum Ernstfall kommen und sie müsse mit Coronavirus ins Krankenhaus, sei es fast unmöglich, kurzfristig eine Dolmetscherin zu finden, geschweige denn eine angemessene medizinische Betreuung. 

Gesundheitsminister Spahn unter Druck

In der Verantwortung sieht Jürgen Dusel, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, eben diese: die Bundesregierung. Und Gesundheitsminister Jens Spahn. In der Regierungsbefragung am Donnerstag spricht die Grünen-Abgeordneten Corinna Rüffer den Minister auf die Problematik an.

Er nehme das Thema "mit dem Nachdruck, mit dem Sie es hier richtigerweise angesprochen haben, mit", betont Spahn.

"Diese Aussage: 'Ich werde das Thema mitnehmen.' Das ist für mich wirklich eine Beleidigung. Das muss ich ehrlich sagen. Ich war davon sehr getroffen", sagt Finkbeiner. Das ist ihr zu wenig: "Ich möchte die Bereitschaft sehen, Maßnahmen zu ergreifen."

Etwas bewegt sich - langsam

Diese Bereitschaft sei da, behauptet eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums auf Anfrage der DW. "Mit Hochdruck" würde das Ministerium an einer barrierefreien Kommunikation arbeiten. Außerdem gebe es bereits das Bürgertelefon des Ministeriums, was auch Informationsmöglichkeiten zum Virus für Gehörlose und Hörgeschädigte bereithalte. 

Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung plant informative Videoinhalte in Gebärdensprache. Man tue alles dafür, dass der Zugang zu wichtiger Information so bald wie möglich gewährleistet werde, bestätigte eine Sprecherin der DW.

Und auch aus den einzelnen Bundesländern gibt es positive Beispiele: Der Hamburger Senat hat bereits ein Erklärvideo zum Virus in Gebärdensprache veröffentlicht, eine Pressekonferenz in Baden-Württemberg zum Thema Corona wurde simultan in Gebärdensprache übersetzt.

Deutschland Corona | Kein Händeschütteln in der Sparkasse (picture-alliance/dpa/B. Thissen)

Präventive Informationen, um die Verbreitung des Virus zu verhindern

Anderswo geht es doch auch

Und doch: Andere Länder scheinen deutlich weiter. Egal ob in Finnland, Italien oder den USA, die Pressekonferenzen auf Regierungsebene zu Corona wurden simultan in Gebärdensprache gedolmetscht. Da Gebärdensprache (genau wie gesprochene Sprache) in jedem Land anders ist, ist diese Information aber nicht zugänglich für Menschen, die nur deutsche Gebärdensprache verstehen. 

Berlin - Jürgen Dusel: Neuer Behindertenbeauftragter der Bundesregierung (picture-alliance/dpa/S. Stache)

Jürgen Dusel: "Barrierefreiheit ist ein Menschenrecht"

Warum hinkt Deutschland hinterher? "Mein Eindruck ist, dass Barrierefreiheit, egal ob im baulichen Bereich oder aber in der Kommunikation, in Deutschland entweder als ein 'nice to have' oder sogar als eine zusätzliche Belastung angesehen wird. Dass es sich um eine grundlegendes Menschenrecht handelt, wird oftmals ausgeklammert", sagt Jürgen Dusel. Und das, obwohl Deutschland vor zehn Jahren die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat, die den Zugang zu Information zum Menschenrecht für Menschen mit Behinderungen erklärt.

Fehlende Barrierefreiheit fällt nicht nur im Zusammenhang mit dem Coronavirus unangenehm auf. Auch ohne den Notfall, erzählt Brenner, müssen viele taube Menschen vier bis sechs Wochen warten, bis sie einen Dolmetscher bekommen, um beispielsweise zum Arzt zu gehen oder ins Krankenhaus. Egal, ob es um medizinische Versorgung, Informationen zur Verkehrslage, Meinungsumfragen oder beruflichen Aufstieg geht: Gehörlose haben mit Barrieren zu kämpfen.

Finkbeiner und Brenner wünschen sich vor allem eins: Dass die verantwortlichen Stellen enger mit gehörlosen Menschen zusammenarbeiten. Um Lösungen zu schaffen. Und im Fall von Corona: gesund zu bleiben.

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