Türkische Regierung nimmt K-Pop ins Visier | Musik | DW | 10.09.2021
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Kunstfreiheit in der Türkei

Türkische Regierung nimmt K-Pop ins Visier

Die K-Pop-Fangemeinde der Türkei ist eine der aktivsten weltweit. Doch Konservative sehen in der Musik aus Südkorea eine Gefahr. Droht die Zensur?

Die Mitglieder von BTS auf der Bühne im März 2015.

Die sieben Mitglieder von BTS: Ihr androgyner Look gibt in der Türkei Anlass zur Kritik

Sie nennen sich BTS, Blackpink, EXO, TXT und TWICE und sind zu Idolen einer ganzen Generation geworden. Und das weltweit. Die digitale Strategie der Musiklabels, die hinter den sorgfältig gecasteten androgynen Girl- und Boygroups stehen, haben dem K-Pop-Hype ausgerechnet in Pandemie-Zeiten einen Boost verliehen. Einige ihrer Videos haben über eine Milliarde Views. Ihre Online-Community ist eine der aktivsten der Welt. Kürzlich feierte Twitter sein zehnjähriges #kpop-Hashtag-Jubiläum.

#kpopyasaklanmasın - #KPopsollnichtverbotenwerden

Auch die Jugend der Türkei ist Teil dieser globalen Fangemeinschaft. Sie ist weltweit auf Platz 12, was die Anzahl der abgesetzten K-Pop-Tweets angeht. Hier trendet derzeit vor allem ein Hashtag: #kpopyasaklanmasın - #KPopsollnichtverbotenwerden. Aus sicherer Quelle wollen bestürzte Fans wissen, dass K-Pop ab Mitte September in der Türkei verboten werden soll. Wahrheit, reine Panikmache oder gar der Versuch, Stimmung gegen die Regierung zu machen?

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K-Pop Fans helfen Bangkoks Tuk Tuk-Fahrern

Die Ursprünge dieses Gerüchts sind nebelig. Zuerst erschien ein Artikel, demzufolge drei Mädchen angeblich von zuhause ausreißen wollten, um nach Südkorea zu reisen. Ein koreanischer Film habe sie dazu inspiriert. Später sagte der Vater von einem der Mädchen, koreanische Filme schaue seine Tochter zwar gerne, aber nach Korea habe sie nie gewollt.

Kurz darauf erschien ein weiterer Artikel, der erklärte, das Familienministerium untersuche, inwieweit K-Pop Jugendliche von ihren Familien entferne und sie zu einem geschlechtslosen Leben ermutige.

Debatte offenbart gespaltene Gesellschaft der Ära Erdoğan  

Schließlich meldete sich die Ministerin für Familie und Soziales, Derya Yanık, zu Wort. In einem Interview mit dem türkischen Fernsehsender NTV erklärte sie: "Wir untersuchen alles, was im Bereich der Populärkultur produziert wird, was Kinder interessieren und was sie negativ beeinflussen könnte. Alles, wovon wir denken, dass es Kindern schaden könnte." Verbieten könnten sie ohnehin nichts, erklärte die Familienministerin weiter. Sie könnten höchstens Inhalte prüfen und gegebenenfalls bestimmte juristische Mechanismen in Gang setzen, die etwa einzelne Bilder verbieten. "Es handelt sich hier um Agitation", tat die Ministerin die Gerüchte ab.

Seitdem tobt eine verbale Schlacht zwischen verschiedenen Fronten. Der von wagen Aussagen und Gerüchten losgetretene und seitdem mit heftigen Emotionen auf beiden Seiten geführte Kampf offenbart vor allem eins: Die zwei Pole einer Gesellschaft, die in den 20 Jahren der Ära Erdoğan so weit auseinandergedriftet sind wie nie zuvor. Von einem gesellschaftlichen Konsens ist keine Spur.

Kritikpunkt "Geschlechtslosigkeit"

So warnt in einem Video die islamistische, regierungsnahe Tageszeitung Yeni Şafak (Neue Morgendämmerung), die für ihre Hassreden gegen Oppositionelle und Minderheiten bekannt ist, vor den Gefahren, die angeblich von K-Pop ausgehen. "Die muslimischen Kinder sind einem Bombenhagel aus Musik und Serien ausgesetzt, den man als K-Pop bezeichnet. Besonders Kinder, die von ihren Eltern vernachlässigt werden, hören diese Musik, um sich nicht einsam zu fühlen." Das Hauptproblem sei laut Experten, so das Video, die Geschlechtslosigkeit, die diese Videos transportierten.

Auch Hatice Kübra Tongar ist der Meinung, dass es für die Entwicklung von Jugendlichen nicht gut ist, Vorbilder zu haben, die man nicht klar als Mann oder Frau identifizieren könne. Die "Social-Mum" betreibt einen eigenen YouTube-Kanal mit knapp 300.000 Abonnenten und bezeichnet sich als Erziehungsexpertin. Sie geht noch einen Schritt weiter: "Die Seele, die menschliche Natur stört sich an so etwas. Hätte die menschliche Natur das gewollt, hätte Gott, der Allmächtige, uns nicht das Volk Lots als Beispiel für ein verdorbenes Volk genannt. Das heißt, das ist nicht normal und daher können wir das nicht als normal betrachten."

Türkische Fangemeinde nicht wegzukriegen?

Die K-Pop-Fans auf der anderen Seite sind von dieser Rhetorik wenig beeindruckt. Dass Internetseiten gesperrt werden können, wissen sie. Wie man die Sperrungen umschifft, auch. "Wenn sie es verbieten, ändere ich meine Einstellungen und schaue weiter", schreibt eine Userin abgebrüht unter ein K-Pop-Musik-Video. "Als hätte die Türkei keine anderen Probleme, habt ihr es jetzt auf K-Pop abgesehen", eine andere.

Auch die 23-jährige Studentin Güneş ist ein großer Fan. Seit sie Teenagerin ist, liebt sie koreanische Filme, Serien und Musik. Die derzeitige Aufregung um K-Pop kann sie nicht nachvollziehen. "Ich denke, dass die koreanische Gesellschaft ähnlich konservativ ist wie unsere", sagt sie. Da sei es absurd, zu behaupten, die Stars würden zur Geschlechtslosigkeit oder Homosexualität aufrufen. Dass die männlichen Sänger geschminkt, mit Nagellack, gefärbten Haaren und farbigen Kontaktlinsen auf die Bühne gehen, sei Teil ihrer Musikkultur und heutzutage auch nicht mehr außergewöhnlich, sagt sie. Das gehöre dazu, um sich abzugrenzen und Eindruck zu hinterlassen. Dass K-Pop in der Türkei zum Schweigen gebracht werden kann, glaubt sie nicht. "In Korea ist es eine riesige Sache, ein Idol zu sein. Die Leute arbeiten sehr hart dafür. Und auch die Fan-Kultur ist sehr groß. Die hat sich jetzt auch in der Türkei etabliert. Vielleicht sind wir sogar eine der größten Fangemeinden. Die kriegt man nicht weg."

Generation Z pro Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit

In ihren Liedern singen die koreanischen Stars über Leistungsdruck und den Wunsch, alleine über sich und ihr Leben zu bestimmen. Themen, die die türkischen Jugendlichen nur zu gut kennen. Über elf Prozent der Stimmen werden bei den nächsten Wahlen 2023 aus der Generation Z kommen. Staatspräsident Erdoğan hätte gerne gesehen, dass diese Generation zu einer "religiösen Jugend" heranwächst. Doch es trendet noch ein anderes Hashtag in der Türkei: #oymoyyok - #KeineStimmefürdich. In einer Umfrage haben diese Jugendlichen die Werte angegeben, die ihnen am wichtigsten sind: Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Mit Zensur verträgt sich das nicht.

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