Türkische Firmen in der Schuldenfalle | Europa | DW | 30.08.2018
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Wirtschaftskrise

Türkische Firmen in der Schuldenfalle

Seit Anfang des Jahres hat die türkische Lira gegenüber dem Dollar rund 40 Prozent an Wert verloren. Dadurch stiegen auch die Schulden kleiner und mittelständischer Betriebe. Vielen von ihnen droht nun der Konkurs.

"Bis zum Ende des Jahres muss ich fünf Millionen Dollar Schulden zurückzahlen. Zu Beginn des Jahres waren das noch umgerechnet 19 Millionen Türkische Lira. Als aber der Kurs fiel, stiegen meine Schulden auf 31 Millionen Lira. Zudem sind die Geschäfte ins Stocken geraten. So viele Schulden kann ich nicht bezahlen. Ich weiß nicht, was ich machen soll."

Das sagt ein Geschäftsmann, der im Textilsektor in Istanbul tätig ist. Seinen Namen möchte er nicht nennen. Um seine Schulden abbezahlen zu können, muss er mindestens die Hälfte seiner Angestellten entlassen. Wenn das überhaupt reicht. Seine größte Sorge ist, dass er Insolvenz anmelden muss, falls die Lira weiterhin an Wert verlieren sollte. Diese Sorge teilen hunderttausende von Geschäftsleuten in der gesamten Türkei.

Türkei Textilfabrik Archiv 2004 (Mustafa Ozer/AFP/Getty Images)

Arbeiter in einer Textilfabrik in Istanbul

Millionen Familien droht Armut

Denn ihre Kredite nehmen viele türkische Unternehmen in US-Dollar auf. Ihre Einnahmen aber generieren sie vor allem in der Landeswährung. Im vergangenen Jahr belegte die Türkei auf der Liste der wirtschaftsstärksten Nationen der Welt den 17. Platz, mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 850 Milliarden Dollar. Insgesamt gibt es in der Türkei rund 3,5 Millionen Unternehmen. Die allermeisten davon sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU).

Doch seit Anfang des Jahres hat die Lira gegenüber dem Dollar mehr als 40 Prozent an Wert verloren und die Türkei wurde zum Schwellenland mit der stärksten Inflation. Allein seit Anfang Juli sind die Schulden türkischer Unternehmen um 90 Milliarden Lira gestiegen. Umgerechnet sitzen sie nun auf einem Schuldenberg von rund 225 Milliarden US-Dollar. Die Probleme, die die fällige Rückzahlung mit sich bringt, werden vor allem kleine und mittlere Unternehmen treffen. Und damit auch Millionen von Menschen, die ihren Lebensunterhalt mithilfe ihrer kleinen Familienbetriebe bestreiten.

Necdet Takva ist Vorsitzender der Union der Kammern und Börsen der Türkei (TOBB). Ihr gehören sämtliche aktiven Wirtschaftsunternehmen an. Dass die Lira so stark an Wert verloren hat, könnte verheerende Auswirkungen auf das ökonomische Gleichgewicht haben, so Takva. "Unsere Wirtschaft ist wie ein Spinnennetz und alle Unternehmen sind miteinander verbunden. Die Schulden der Unternehmen sind zu den Schulden der 81 Millionen türkischen Staatsbürger geworden", erklärt er.

"Bau- und Energiesektor am stärksten betroffen"

Der Bau- und der Energiesektor sind Takva zufolge am stärksten betroffen. Die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) hat in den 16 Jahren ihrer Herrschaft diese beiden Branchen stets besonders unterstützt. Heute sind beide Sektoren stark verschuldet. Denn hier machen die auswärtigen Kreditverpflichtungen beinahe alle Gesamtschulden aus. Zudem haben beide Sektoren kaum Einnahmen aus Devisen.

Türkei Großer Basar in Istanbul Bauarbeiten (Getty Images/AFP/O. Kose)

Der Bausektor war jahrelang das Zugpferd der türkischen Wirtschaft

Besonders der Bausektor sei stark mit den anderen Sektoren verflochten, erklärt Takva. "Das türkische Wirtschaftswachstum basiert seit Jahren auf dem Bauboom. Für die Möbel- und Textilindustrie, für den Haushaltsgeräte- und den Elektroniksektor war der Bausektor die treibende Kraft. Jetzt schrillen allerdings ausgerechnet hier die Alarmglocken. Das wird einen negativen Einfluss auf die restlichen 160 Sektoren haben. Der Staat muss schnell Schritte einleiten, um das zu verhindern", so Takva.

"Größte Gefahr ist Rückgang des Handels"

Bendevi Palandöken ist Vorsitzender der Konföderation Türkischer Händler und Handwerker, die über zwei Millionen registrierte Unternehmer repräsentiert. Die kleinen Unternehmen in der Türkei leiden besonders unter den durch den Lira-Verfall stark angestiegenen Treibstoff- und Energiekosten, erklärt er.

Doch nicht nur der Anstieg der Devisenschulden sei eine große Gefahr für türkische Unternehmen, sagt Palandöken. Dramatisch sei auch der Rückgang des Binnenkonsums. "Je weniger die Menschen in der Türkei ausgeben, umso schlechter geht es den Unternehmen." Steigende Schulden und sinkende Einnahmen verstärken sich so gegenseitig zu einem Teufelskreis. "Der Staat", sagt Palandöken deshalb, "muss auf jeden Fall Maßnahmen einleiten, damit der Handel zunimmt".

Neue Maßnahmen aus dem Präsidentenpalast

Die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger in der Türkei haben in den vergangenen Wochen eine Reihe von Maßnahmen getroffen, um den historischen Verfall der Lira zu bremsen.Damit die kleinen Unternehmen die Krise so unbeschadet wie möglich überstehen, wurde ein aus 16 Paragrafen bestehendes "Unterstützungs- und Maßnahmenpaket" erarbeitet. Dieses Paket sieht unter anderem vor, dass die Firmen ihre öffentlichen Schulden erst 2019 zurückzahlen müssen. Wirtschaftskreise bezweifeln allerdings, dass sich die türkische Wirtschaft durch solche kosmetischen Maßnahmen aus der aktuellen Krise wird befreien können. Und der Absturz der türkischen Währung konnte bislang auch noch nicht gebremst werden.

Türkei Recep Tayyip Erdogan (picture alliance/dpa/AP/B. Ozbilici)

Werden Präsident Erdogans Maßnahmen ausreichen, um den Verfall der türkischen Lira zu bremsen?

Die Märkte warten auf das neue Programm

Die größte Prüfung der Türkei wird allerdings das neue sogenannte "Mittelfristige Programm" sein, das Finanzminister Berat Albayrak, der Schwiegersohn von Staatspräsident Erdogan, Anfang September vorstellen soll.

Sollte das Programm, das eine neue Roadmap für die Wirtschaft zeichnen soll, den Märkten kein neues Vertrauen geben können, dürfte die Türkei geradewegs auf eine Rezession zusteuern.

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