Türkei: Widerstand gegen Waldrodung | Europa | DW | 06.08.2019
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Goldmine contra Naturschutz

Türkei: Widerstand gegen Waldrodung

Weil sie einer Goldmine weichen müssen, wurden im türkischen Ida-Gebirge zehntausende Bäume abgeholzt. Erst protestierte nur ein Dutzend Anwohner – doch aus dem kleinen Protest ist jetzt eine breite Bewegung geworden.

Das Ida-Gebirge ist ein naturbelassenes Waldgebiet im Nordwesten der Türkei. Die Gegend ist bekannt für ihre außergewöhnliche Artenvielfalt von Pflanzen, Vögeln, Insekten und Reptilien. Einige von ihnen sind endemisch, sie kommen nur hier vor. Zudem ist das riesige Waldgebiet so etwas wie eine der letzten "grünen Lungen" in einem Land, dessen rasantes Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum den Hunger nach Ressourcen und Wohnraum rasant befördert.  

Große Teile des Gebiets gehören zu einem Nationalpark, der ein beliebtes Ausflugsziel ist. Doch mit der unberührten Natur könnte bald Schluss sein: Für ein Goldminen-Projekt wird nahe des Dorfes Kirazli eine große Fläche Wald gerodet - auf Betreiben des kanadischen Bergbauunternehmens Alamos Gold.

Türkei Canakkale | Goldsuche in Ida-Gebirge - Abholzung (DW/P. Ünker)

Früher "grüne Lunge" - heute Großbaustelle: das ehemalige Waldgebiet im Ida-Gebirge

"Fasst meine Berge nicht an!"

Seit zehn Tagen halten die Anwohner Mahnwachen gegen den Bau der Goldmine. Rund 300 Aktivisten haben am Rand des abgesperrten Geländes ihre Zelte aufgeschlagen. "Wir tragen eine Verantwortung für unser Land. Was hier passiert, wird man kaum den kommenden Generationen erklären können", klagt eine sichtlich erschütterte Aktivistin und blickt vom streng bewachten Eingang zur Baustelle herüber, wo nur noch einzelne Kiefern- und Eichenstümpfe aus dem kahlen Boden ragen. "Früher war das hier ein grünes Paradies, nun wird es zur Wüste." Ein älterer Mann ist extra aus der naheglegenen Großstadt Canakkale gekommen - "um das Gemetzel zu stoppen", wie er sagt. "Die Natur in unserer Gegend ist makellos. Wir wissen, dass diese Mine ihr schaden wird." Ein junger Ingenieur stimmt ihm zu: "Hier werden Bäume gefällt und dadurch werden die Lebensräume der Tiere zerstört."

Entlang der riesigen Baustelle wird auch das Zeltlager der Aktivisten immer größer: Hier gibt es bereits einen Gemeinschaftsraum, viele Essstände und sogar einen Markt, auf dem Dorfbewohner Gemüse und Früchte handeln. Täglich gehen sie von dort zur Baustelle herüber und protestieren lautstark und mit selbstgemalten Transparenten. Mit Hilfe des Hashtags #kazdaginadokunma ("Fasst meine Ida-Berge nicht an") wurden auf Twitter bislang rund 10.000 weitere Menschen mobilisiert, die sich dem Protest anschlossen. 

Türkei Ida-Gebirge | Proteste (DW/S. Ocak)

Zelten gegen die Zerstörung: Die Aktivisten wollen ausharren, bis die Rodung endgültig gestoppt wird.

Satellitenbilder decken wahres Ausmaß auf

Dass sich immer mehr Menschen dem Protest anschließen, hängt auch damit zusammen, dass das kanadische Bergbauunternehmen offenbar weit mehr Waldfläche gerodet hat als erlaubt: Eigentlich genehmigten die türkischen Behörden ursprünglich nur die Abholzung von rund 45.000 Bäumen – diese Zahl wurde nach Berücksichtigung einer Studie im Juni sogar noch einmal deutlich gesenkt. Tatsächlich aber soll Alamos Gold fast 200.000 Bäume gefällt haben. Die Umweltschutzorganisation "TEMA Foundation" enthüllte das ganze Ausmaß der Rodung mit Hilfe von Satellitenbildern. Dass die offiziell bekannt gegebenen Zahlen der türkischen Behörden weit darunter lagen, empörte viele Menschen in der Gegend nur noch mehr.

Nur eine Mine unter vielen?

Sie fürchten, dass die Goldmine verheerende Auswirkungen für die Umwelt haben könnte. Denn sie befindet sich nur 14 Kilometer vom Atikhisar-Staudamm entfernt, dem größten Trinkwasserreservoir der Region. Wenn zur Goldgewinnung etwa giftige Cyanide verwendet würden, könnten diese in die Flüsse, den Staudamm und das Grundwasser sickern, meint auch Pinar Bilir, Leiterin der Umweltbehörde von Canakkale. Aufgrund der möglichen Risiken für die Bevölkerung nimmt auch Rebiye Ünüvar, der stellvertretende Bürgermeister von Canakkale, an der Mahnwache teil. Er kämpft seit Längerem gegen die Goldmine von Kirazli. "Wir haben mehrfach versucht, den Bau der Mine per Gerichtsverfahren zu unterbinden, doch wir warten noch immer auf die Entscheidung des Gerichts."

Türkei Canakkale | Proteste im Ida-Gebirge gegen eine Goldmine (DW/P. Ünker)

Erst waren es nur wenige Dorfbewohner, mittlerweile protestieren Tausende gegen die Umweltzerstörung im Ida-Gebirge

Dabei ist die Mine bei Kirazli nicht das einzige Projekt dieser Art im Ida-Gebirge. Das Forstwirtschaftsministerium soll hunderte weitere Lizenzen zum Abbau von Gold in der Region an Bergbauunternehmen vergeben haben. Den Aktivisten steht noch ein langer Kampf bevor.