Türkei: Wachstum auf Pump | Wirtschaft | DW | 23.06.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wahlen in der Türkei

Türkei: Wachstum auf Pump

Die wirtschaftlichen Probleme der Türkei haben auch den Wahlkampf überschattet. Hohe Inflation, hohe Schulden und eine schwache Währung belasten Unternehmen und Bürger. Der Präsident indes setzt auf Prestigeprojekte.

Seit Recep Tayyip Erdogan eine führende Rolle in der türkischen Politik spielt, ist die Wirtschaft gewaltig wachsen. Zwischen 2003, damals wurde Erdogan Ministerpräsident, und 2014, dem ersten Jahr seiner Präsidentschaft, hat sich die Wirtschaftsleistung verdreifacht. Erdogans Unterstützer sehen diese Entwicklung als sein persönliches Verdienst.

Anfangs stand Erdogan für Demokratisierung und wirtschaftliche Reformen. Doch in den letzten Jahren, und besonders seit dem Putschversuch im Sommer 2016, entwickelte er sich zunehmend zum Autokraten.

"Seitdem gab es eine zunehmende Machtkonzentration, demokratische Institutionen wurden geschwächt", sagt Erdal Yalcin, Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Hochschule Konstanz (HTWG).

Alles auf Kredit

Trotzdem blieb das Wachstum hoch, im ersten Quartal des Jahres bei 7,4 Prozent. "Das liegt vor allem daran, dass die Regierung viel Geld in die Wirtschaft gepumpt hat", so Yalcin zur DW. Geliehenes Geld, das in große Infrastruktur- und Bauprojekte floss.

Dazu gehört der neue Flughafen in der Nähe von Istanbul, der nach offiziellen Angaben einmal der größte der Welt sein soll. Jährlich können hier zunächst 90 Millionen, später sogar 200 Millionen Reisende abgefertigt werden - rund doppelt so viele wie am US-Flughafen in Atlanta, der derzeitigen Nummer ein. Noch befindet sich der Flughafen in Bau, doch Erdogan feierte am Donnerstag schon einmal die erste offizielle Landung eines Flugzeugs - er saß selbst drin. 

Auch türkische Unternehmen und Konsumenten finanzierten ihre Ausgaben auf Kredit. "Die Inflation und die Abwertung der Währung wurden von der Politik dabei vernachlässigt", sagt Yalcin. "Das ist keine nachhaltige Politik."

Wertverlust der Lira

Gegenüber dem Euro hat die türkische Lira innerhalb eines Jahres 40 Prozent an Wert verloren - ein echtes Problem für ein Land, das mehr importiert als exportiert. Es ist auch ein Problem für Firmen, die sich in Fremdwährungen verschuldet haben.

Die Inflation im Land liegt inzwischen bei zwölf Prozent - mehr als doppelt so hoch wie die fünf Prozent, die die türkische Zentralbank als Ziel anpeilt.

Eigentlich hätte die Zentralbank frühzeitig die Leitzinsen anheben müssen, um dem Verfall der Währung entgegenzutreten. Das genau das wollte Präsident Erdogan verhindern und setzte die formal unabhängigen Währungshüter unter Druck.

Hohe Zinsen seien "die Mutter allen Übels", sagte er im Mai. Er wollte damit Punkte gewinnen bei Wählern, die Angst haben, dass sich ihre Kredite verteuern. Doch nach außen, an die Kapitalmärkte, sendete er damit ein verheerendes Signal. Die Lira gab weiter nach. Schon vorher hatten die großen Ratingagenturen ihre Bewertung der türkischen Kreditwürdigkeit gesenkt.

Investoren bleiben weg

Anfang Juni schließlich wurde der Druck zu groß. Die Zentralbank erhöhte den Leitzins drastisch auf zuletzt 17,75 Prozent - mehr als doppelt so hoch als vorher.

Doch aus Sicht der Investoren überwiegen die Zweifel. Wie sicher sind Geldanlagen in einem Land, dessen Zentralbank von der Politik beeinflusst wird? Und wie verlässlich ist die Politik eines Präsidenten, der öffentlich auf "Devisenspekulanten, die Zinslobby und Feinde der Türkei unter dem Deckmantel von Ratingagenturen" schimpft?

"Die Türkei braucht ausländisches Kapital, um das konsumbasierte Wachstum aufrechtzuerhalten", sagt Yalcin. "Doch das Vertrauen der Anleger schwindet."

Hinzu kommt, dass Schwellenländer derzeit ohnehin ein Problem haben, Investoren anzuziehen. Denn die ziehen ihr Geld ab, weil die Zinsen in den USA steigen. "Die Lage verschlechtert sich noch zusätzlich, weil die politische Zukunft des Landes unsicher ist", sagt Ökonom Yalcin.

"Es wird allgemein erwartet, dass sich das Wirtschaftswachstum abschwächt. Die türkische Wirtschaft hat in den nächsten Monaten mit schwierigen Umständen zu kämpfen", sagt Yalcin.

Weil Erdogan das weiß, hat er die Wahlen, die ursprünglich für den November 2019 geplant waren, auf den 24. Juni vorgezogen.

Video ansehen 03:03
Jetzt live
03:03 Min.

Die Türkei vor der Wahl: Währungsverfall und Inflation

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema